„In vielerlei Hinsicht vielfältiger“

Autorin: Melissa Abreu 11.08.2021

Jeder vierte Mensch in Deutschland hat Migrationshintergrund. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Cornelia Schu vom Sach­verständigen­rat für Integration und Migration erklärt im Interview, wie wir Vielfalt und Teilhabe für alle gestalten können.

Inzwischen hat mehr als jeder vierte Mensch in Deutschland Migrationshintergrund. Wie hat sich das in den vergangenen Jahren entwickelt?

Cornelia Schu: Im Jahr 2019 lebten in Deutschland 21,2 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund, das entspricht einem Anteil von 26 Prozent an der Bevölkerung. Rund 13,7 Mio. von ihnen sind im Ausland geboren, die übrigen haben eine über mindestens ein Elternteil mitgebrachte Zuwanderungsgeschichte. Rund die Hälfe aller Personen mit Migrationshintergrund besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Im Jahr 2005 lag der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland noch bei rund 18 Prozent; damals lebten 14,4 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund hier. Deutschland ist aber nicht erst seit Beginn des neuen Jahrtausends ein Einwanderungsland: Schon seit 1957 wandern fast jedes Jahr mehr Menschen aus dem Ausland nach Deutschland zu, als das Land verlassen.

Wie sehen die Prognosen aus, wie wird sich das in den kommenden Jahren entwickeln?

Schu: Mittelfristig wird sich der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund weiter erhöhen, auch unabhängig von weiterer Zuwanderung – das zeigt ein Blick auf die Altersstruktur: Während im Jahr 2019 bei den 80- bis unter 85-Jährigen 8,6 Prozent einen Migrationshintergrund hatten, lag ihr Anteil bei den Kindern unter fünf Jahren bei 40,4 Prozent. Außerdem sind wir aufgrund des demografischen Wandels auch weiterhin auf Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland angewiesen. Und es werden auch weiterhin Menschen auf unsere Hilfe angewiesen sein, die wir als Flüchtlinge aufnehmen. Wie sich Zuwanderung konkret künftig gestaltet, ist von vielen Faktoren abhängig. Kriege und Konflikte, aber auch Naturkatastrophen oder klimabedingte Umweltveränderungen können nur bedingt von einzelnen Staaten beeinflusst werden. Deshalb ist es so wichtig, da zu steuern, wo gesteuert werden kann – zum Beispiel bei der Erwerbsmigration.

© Phil Dera

Dr. Cornelia Schu

Cornelia Schu ist Geschäftsführerin des Sachverständigenrats für Integration und Migration. Sie verfügt über langjährige Erfahrung an den Schnittstellen von Wissenschaft, Politik und dem Stiftungssektor sowie breite integrationspolitische Expertise.

Die durch Zuwanderung entstandene Vielfalt findet inzwischen gesellschaftlich breite Akzeptanz.

Was bedeutet das für die Gesellschaft hierzulande?

Schu: Dass unsere Gesellschaft heute in vielerlei Hinsicht vielfältiger ist als vor 50 Jahren, hat viele Ursachen. Zuwanderung ist eine davon – und die zugewanderte Bevölkerung unterscheidet sich ebenso wie die schon länger hier ansässige, was Alter, Geschlecht, Familienstand, Lebensstile, sozioökonomische Lage, religiöse oder kulturelle Prägungen und vieles mehr betrifft. Wichtig ist nun aus Sicht des SVR, dass aus solchen zunehmenden Unterschieden nicht systematisch Ungleichheiten werden – das ist eine zentrale Aufgabe für die Politik in vielen Bereichen. Eine gute Nachricht ist, dass die durch Zuwanderung entstandene Vielfalt inzwischen gesellschaftlich breite Akzeptanz findet. Unsere Umfragen zeigen: Die Mehrheit der Befragten betrachtet Zuwanderung als Bereicherung. Dies liegt vor allem an vermehrten persönlichen Kontakten zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft – am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Freizeit oder Schule. Aber – auch das muss gesehen werden – Zuwanderung kann auch zu gesellschaftlichen Konflikten führen, wenn aus Herkunftsunterschieden Teilhabeungleichheiten werden.

Wenn Sie auf die Teilhabe blicken: In welchen Bereichen der Gesellschaft funktioniert das besonders gut?

Schu: Die Beteiligung am Arbeitsmarkt gilt nicht umsonst als Königsweg zur Integration. Hier geht es nicht nur um die selbständige Sicherung des eigenen Lebensunterhalts, sondern auch um die Teilhabe am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung ist die Erwerbsbeteiligung in den letzten Jahrzehnten gestiegen – auch die von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Dennoch sind sie in vielen Aspekten weiterhin schlechter gestellt: Sie arbeiten durchschnittlich in weniger qualifizierten und schlechter entlohnten Bereichen, stehen häufiger in atypischen Beschäftigungsverhältnissen und sind seltener im öffentlichen Dienst tätig. Das liegt einerseits an niedrigeren formalen Qualifikationen, andererseits aber auch an Diskriminierung, fehlenden Netzwerken oder geringen Sprachkenntnissen.

Wie divers ist Deutschland?

Gastarbeiter*innen aus Italien oder der Türkei, Spätaussiedler*innen aus Osteuropa oder Kriegsflüchtlinge aus Syrien: In den vergangenen Jahrzehnten sind Menschen aus vielen Ländern nach Deutschland gekommen. Wo arbeiten sie? Welche Ämter bekleiden sie? Und wie divers ist Deutschland wirklich?

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Wie ist die Situation im Berufsleben?

Schu: Spätestens in zehn Jahren, wenn der geburtenstärkste Jahrgang – die 1964er – aus dem Berufsleben ausscheidet, wird der jetzt schon vielerorts gravierende Fachkräftemangel auch flächendeckend sichtbar. Die bestehenden Möglichkeiten für die Erwerbszuwanderung wurden deshalb zum Beispiel mit der „Blauen Karte“ der EU oder dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz der Bundesregierung deutlich liberalisiert. Die Zwischenbilanz ist bislang aber eher ernüchternd. Das liegt zum einen natürlich an der Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden Beschränkungen. Zum anderen bleibt abzuwarten, ob der Gesetzgeber nicht noch weitere Anpassungen vornehmen muss; denn die Regelungen sind nach wie vor recht kompliziert, die Anerkennung ausländischer Qualifikationen und Schul- oder Berufsabschlüsse langwierig und für Personen, die über keine oder nicht ausreichend Qualifikationen verfügen, bleiben die Einwanderungsmöglichkeiten weiterhin sehr begrenzt.

In der Politik sind Menschen mit Migrationshintergrund nur eine Minderheit: Woran liegt das?

Schu: Es gibt verschiedene Erklärungen dafür: Menschen, die nicht über die richtigen fachlichen und sozialen Kompetenzen sowie einen sicheren Arbeitsplatz, ein relativ flexibles Zeitbudget, Vorbilder oder Netzwerke verfügen, haben es von vorneherein schwieriger in der Politik. Dazu kommen mögliche Zugangshürden in den Parteien. Sie sind es, die Wählerinnen und Wähler mit Migrationshintergrund ansprechen und als Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen – oder eben nicht. Die meisten Parteien haben zwar Interesse an einer diversen Aufstellung, um möglichst viele verschiedene Wählergruppen anzusprechen. Trotzdem sollten sie ihre Parteikultur selbstkritisch unter die Lupe nehmen und Politikerinnen und Politiker mit Migrationshintergrund nicht automatisch auf den Bereich der Migrations- und Integrationspolitik festlegen.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit sich die Teilhabechancen in Deutschland verbessern?

Schu: Integration ist ein langfristig angelegter Prozess. Generell haben sich die Teilhabemöglichkeiten in den vergangenen Jahrzehnten schon positiv entwickelt. Verbesserungsbedarf besteht aber weiter, hier nenne ich nur einige wenige Punkte: Die Zahl der Einbürgerungen muss erhöht, die Wahlbeteiligung gefördert und die Chancengleichheit über die gesamte Bildungskette hinweg verbessert werden, so dass Bildungserfolg keine Frage der sozialen Herkunft mehr ist. Wir brauchen mehr konsequentes Handeln und Forschung im Bereich Rassismus und Diskriminierung und eine höhere Repräsentanz von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Politik und öffentlichem Dienst. Der Staat kann und sollte hier Vorbild sein.

Sachverständigenrat für Integration und Migration

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) ist ein unabhängiges, inter­disziplinär besetztes Gremium von Expert*innen, das die Politik handlungs­orientiert berät und der Öffentlichkeit sachliche Informationen zur Verfügung stellt.

svr-migration.de