Wie offen ist unsere Gesellschaft?

Autorin: Carola Hoffmeister 16.08.2021

In Deutschland hat mittlerweile jeder vierte Mensch eine Migrations­geschichte. Wie haben sich die Einstellungen zu Zusammen­­leben und Integration in den vergangenen Jahren entwickelt? Konflikt­forscher Andreas Zick und Soziologe Aladin El-Mafaalani im Gespräch.

Herr Prof. Zick, Sie untersuchen mit der ZuGleich-Studie, wie die deutsche Bevölkerung, mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, Zuwanderung wahrnimmt. Worum geht es genau?

Zick: Die Studie ist eine Verlaufs­studie, bei der wir Menschen 2014, 2016, 2018 und 2020 befragt haben. Sie dokumentiert die Einstellungen und Erfahrungen von Eingewanderten und jenen, die aus Deutschland kommen, zu Migration, Integration, aber auch Konflikten. In der aktuellen Studie wollten wir wissen, ob aus dem ursprünglichen Willkommen – wir erinnern uns alle an die Bilder vom Münchner Bahnhof, in der Menschen mit Schildern in der Hand Geflüchtete willkommen geheißen haben – eine gesellschaftliche Kultur des Ankommens und der Beheimatung werden konnte. Wir sprechen in der Studie von „Ankommenskultur“. Was passiert, wenn die Fremden in unserer Wohnung sind? Sagen wir dann: Hier gelten nur meine Regeln! Und regen uns auf, wenn sich die anderen nicht an uns anpassen? Oder gehen wir aufeinander zu?

Andreas Zick

Andreas Zick ist Professor für Sozialisation und Konflikt­forschung und leitet seit April 2013 das Institut für Inter­­disziplinäre Konflikt- und Gewalt­forschung (IKG) an der Universität Bielefeld.

Herr Professor El-Mafaalani, Sie wurden als Kind syrischer Eltern in Deutschland geboren und sind hier aufgewachsen. Was braucht es aus Ihrer Sicht für eine Kultur des Ankommens?

Aladin El-Mafaalani
© Litz Jäkel/laif

Aladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani ist Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrations­gesellschaft am Institut für Migrationsforschung und interkulturellen Studien an der Universität Osnabrück.

El-Mafaalani: Ich denke, eine solche lässt sich eigentlich nur erreichen, wenn Menschen die Vorzüge von Einwanderung erleben. Und das ist nur möglich, wenn es bereits eine zweite und dritte Generation der Migrant*innen gibt. In dem Zusammen­hang muss ich immer an die Film-Dokumentation von Günter Wallraff denken. In ihr ging es darum, wie die Kölner*innen um 1970 auf die Gast­arbeiter*innen reagiert haben. Was da gesagt wurde und mit welchen Gesichtsausdrücken da in die Kamera gestikuliert wurde – das ist schlimmer als das, was heute in Ostdeutschland passiert, wo ich ja sehr oft bin. Und die Wortwahl ist schlimmer als die der AfD.

Aber, ganz klar: In manchen Regionen von Deutschland ist es auch heute noch einfach schwierig, Vielfalt zu erleben. Und so kann ich mir vorstellen, dass Bilder etwa von der Silvester­nacht 2015 in Köln auf Menschen, die eher abgeschottet leben, einen noch stärkeren Effekt haben als auf Menschen aus der Großstadt.

Herr Zick, hat sich die Silvesternacht in Köln auch messbar in Ihren Studien nieder­geschlagen? Damals, in der Nacht vom 31. Dezember 2015 auf den 1. Januar 2016, kam es in Köln zu Übergriffen auf Frauen durch Gruppen junger Männer vor allem aus dem nord­afrikanischen und arabischen Raum.

Zick: Ja, wir haben einen sehr deutlichen Effekt gesehen. Viele Menschen haben sich laut der ZuGleich-Studie damals gefragt, welche Vorrechte Menschen haben, die immer schon da waren. So meinten zum Beispiel 50 Prozent: „Wir sollten in der Öffentlichkeit wieder sehr viel selbst­bewusster gegen­über Migrant*innen auftreten“, 11 Prozent mehr als 2014. Auch die Willkommens­kultur brach nachweislich ein, und die Meinung, die Alt­ein­gesessenen hätten Vorrechte, stieg. Und im Zuge der gesellschaftlichen Polarisierungen nahmen die Muslim*innen­feindlichkeit und andere Vorurteile zu.

Vor allem war das natürlich im Bereich derjenigen Milieus zu sehen, die rechts­populistisch orientiert sind. Denn die besetzen das Thema Migration am stärksten und besonders in Krisen­zeiten, um Menschen mit Bedrohungs­szenarien von Migration in ihrer Ohnmacht abzuholen.

Die Situation erholte sich laut der ZuGleich-Studie 2018, die Befragten wurden damals wieder offener. Allerdings muss man dazu sagen, dass wir immer ambivalente Effekte beobachten. Wir haben nie den Trend, dass sich alles entweder zum Guten oder zum Schlechten wendet. Denn auch 2018 – dem Jahr, in dem die Willkommens­kultur erneut positiver besetzt war – gab es ganz klar Ressentiments gegen Muslim*innen. Und 2020 sind die Zustimmungen zu Vor­urteilen gegen­über Muslim*innen noch einmal angestiegen.

El-Mafaalani: Das kann ich bestätigen! Das, was Andreas Zick in seinen Studien zeigt, ist, dass die einzige Gruppe, die gegen jeden Positiv-Trend in den Einstellungen immun zu sein scheint, die Gruppe der Muslim*innen ist. Homosexuelle, Jüd*innen, teilweise auch Roma und Sinti werden mittler­weile wohl­wollender wahrgenommen.

Aber bei dem antimuslimischen Rassismus, der Islam­feindlichkeit, gibt es keine Verbesserung. Viele sagen – und meinen das absurder­weise völlig ernst –: Wir nehmen gerne Geflüchtete auf! Allerdings nur, wenn es keine Muslim*innen sind.

© Getty Images

Warum ist das so?

El-Mafaalani: Es gab in den vergangenen 20 Jahren eine große Angst vor der islamischen Welt. Teilweise begründet. Es gab und gibt ja tatsächlich Terrorismus und salafistische Tendenzen.

Gleichzeitig gab es mediale Konstruktionen. Der Begriff „Islamisierung“ beispielsweise ist mir das erste Mal bei „Focus“ und „Spiegel“ begegnet.

Vorurteile gegenüber Minderheiten verschwinden also nie ganz?

El-Mafaalani: Durch Bildungsarbeit und durch das Thematisieren von Konflikten lassen sich bestimmte Ressentiments gegenüber Minderheiten sicherlich kontrollieren. Gleich­zeitig sind sie aber wirklich so tief in der Gesellschaft verankert, dass sie sich nie in Luft auflösen, sondern sich immer wieder Bahn brechen.

Zick: Und ganz besonders in Zeiten der Krise. In Krisen sehen wir Polarisierungen. Da bildet sich auf der einen Seite die Willkommens­kultur, auf der anderen Seite bilden sich rechts­populistische Milieus.

Im Auslaufen der Krise nehmen schließlich Vorurteilsmuster, Abwertungen und Diskriminierungen zu. Natürlich auch unter Zugewanderten selbst. Wir wissen, dass Einwander*innen spätestens nach zehn Jahren alle Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft übernehmen, in der sie leben.

Und warum die Diskriminierungen nach Krisen zunehmen? Das haben wir erstmals in der empirischen Forschung in den USA im Zusammenhang mit der „Baumwoll­hungers­not“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesehen, in der es in einer späten Phase vermehrt zu Lynchjustiz kam. Am Ende von Krisen meinen Menschen, dass Ressourcen neu verteilt werden. Auch im Auslaufen der Corona-Pandemie werden wir das Aufkeimen neuer Konflikte erleben.

El-Mafaalani: Eine schlimme Krisen-Erscheinung ist, wenn der Staat die Kontrolle verliert. Oder wenn der Staat Konflikte nicht thematisiert – wie Andreas Zick sagen würde.

Vierte Erhebung im Projekt „ZuGleich – Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“

Seit 2014 erhebt ZuGleich die Meinungen, Einstellungen und Wahrnehmungen der Menschen in Deutschland mit und ohne Einwanderungsgeschichte. Somit lassen sich Entwicklungen beobachten, die sich auf verschiedene Zeitpunkte und Ereignisse beziehen, die mehr oder weniger von Migrations- und Integrationsdebatten geprägt waren.

Die Studie finden Sie hier.

Weil das Thema Migration momentan nicht auf der politischen Agenda steht? Es taucht beispielsweise im Wahlkampf 2021 kaum auf.

Zick: Ja, genau. Wir führen dazu keine gesellschaftlichen und polarisierten Debatten und sehen das Thema Migration nur am Rande von rechten Flügeln der AfD. Von daher gibt es da wenig Auseinandersetzung. Aber unsere ZuGleich-Verlaufs­studien zeigen, dass die Stimmung dann immer wieder in Vorurteile zurück kippen kann.

Die deutsche Identität war immer eine heterogene, eine vielfältige. So weit sind wir aber noch nicht. In bestimmten Regionen haben wir immer noch die Idee eines homogenen Volks – das ist ja das, was den Rechtspopulismus stark macht. Und bestimmten Vorstellungen zufolge bedroht die Migration das, was ich mir als ‚das Volk‘ oder als ‚die Gemeinschaft‘ vorstelle. Von solchen Ideen ausgehend muss nur irgendetwas falsch laufen – die Silvester­nacht in Köln –, und schon wird wieder generalisiert. Das ist gefährlich.

© Getty Images

Die Politik sollte Migration und Integration also auch dann als Thema aufgreifen, wenn die Bevölkerung eigentlich ganz entspannt gegen­über Zuwanderung und Menschen mit Zuwanderungs­geschichte zu sein scheint?

Zick: Ja. Und auch der Umgang mit der Krise ist wichtig. Die Muslim*innenfeindlichkeit, die Aladin El-Mafaalani angesprochen hat, ist ja tatsächlich unheimlich stabil, und in Krisensituationen wird darauf generalisiert.

Das hat in diesem Fall, das möchte ich noch ergänzen, sehr viel damit zu tun, wie wir mit „9/11“ umgangen sind, mit dem Terror­anschlag am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York. Der Krieg gegen den Terror gerann zu einem westlichen Kulturkampf. Das heißt: Terror wurde so bekämpft, als ob er ein religiös-kulturelles Phänomen wäre.

Die Spuren sehen wir bis heute – und zwar in einer Dauerverdächtigung, unter der Muslim*innen stehen. Der Umgang damit ist tatsächlich eine ganz besondere Herausforderung.

Was ist aus Ihrer Sicht momentan die größte Krise?

El-Mafaalani: Die Veränderung der Gesellschaft. Wir hatten in Deutschland in den 1980er und 1990er-Jahren keine offene Gesellschaft. Sie hat sich erst seit dem Millennium mit zunehmender Geschwindigkeit etabliert.

Aber das bedeutet natürlich, dass man in der Gegenwart Orientierung verliert. Und das ist gut! Denn die Orientierung bestand bislang zu weiten Teilen aus Zwängen, Unterdrückung, althergebrachten Herrschafts­verhältnissen – einer dominanten Männlichkeit oder Vorstellungen von Hetero­sexualität als dem einzig Guten –, um nur einige Beispiele zu nennen.

Und was ist Ihrer Meinung nach wichtig für die Zukunft der offenen Gesellschaft?

Zick: Dass wir Zukunftsvisionen entwerfen. Und eine andere Form der Bildung etablieren. Es kann nicht sein, dass wir in einer Migrations­gesellschaft leben und im Bereich der schulischen Bildung Migration und Integration keinen Platz haben. Da sitzen Schüler*innen, die sich jetzt, in Zeiten der Identitäts­konflikte, ständig fragen: Was mache ich hier eigentlich? Wo komme ich vor?

ZuGleich

Die Studie „Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit (ZuGleich)“ ist ein Projekt des Instituts für inter­disziplinäre Konflikt- und Gewalt­forschung (IKG) der Universität Bielefeld, das von der Stiftung Mercator gefördert wird. Im Rahmen der Verlaufs­studie wurden 2014, 2016, 2018 und 2020 Bevölkerungsumfragen zur Einstellung zu Integration und Zusammen­leben in Deutschland durchgeführt.
www.uni-bielefeld.de/zwe/ikg/projekte/