Migration: Mit Fakten gegen Vorurteile

schwarze Frau hält Hand nach vorn als Stopp-Symbol
Autorin: Bettina Brakelmann 07.12.2022

Sei es im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine oder den Seenot-Rettungs­aktionen auf dem Mittelmeer: Insbesondere, wenn es um Geflüchtete geht, werden die Diskussionen mitunter unsachlich geführt. Zu derartigen Themen über­prüf­bare Fakten bereit­zu­stellen ist die Aufgabe des Medien­dienstes Integration (MDI), der sich in den Politik­feldern Migration und Integration als Schnitt­stelle zwischen Wissenschaft und Journalismus sieht. Geschäfts­führer Dr. Mehmet Ata freut sich, wie gut das Angebot angenommen wird.

„Wir finden es spannend, als Vermittlungs­instanz zu arbeiten“, so Ata, der seit 2016 die Redaktion des MDI leitet. „Meine tägliche Motivation ist die Frage: Wie können wir guten Service für andere leisten?“ Um Journalist*innen und Interessierte mit Informationen zu versorgen, hat der Medien­dienst seine Arbeit auf mehrere Säulen gestellt: Website, Veranstaltungen, Kontakt­vermittlung, E-Learning und Netz­werk­arbeit. Dafür steht aktuell ein insgesamt 15-köpfiges Team bereit.

Die Website ist in erster Linie eine laufend aktualisierte Informations­platt­form für Journalist*innen zu den Themen Flucht, Migration und Diskriminierung. In Themen­dossiers bündelt sie relevante Zahlen und Fakten, Hintergründe, Verweise auf Ansprech­personen, Original­quellen sowie Interviews und Gast­beiträge von Expert*innen.

Blick über Grenzen hinaus

Mehmet Ata veranschaulicht seine Arbeit am Beispiel des Kriegs­aus­bruchs in der Ukraine. „Als Medien­dienst müssen wir schnell reagieren können. Wir haben sofort die Arbeit im Team aufgeteilt und ein sehr umfangreiches Themen­dossier erstellt.“ Darin geht es unter anderem um die rechtliche Situation der Geflüchteten aus der Ukraine, die anders ist als bei Flüchtlingen aus anderen Ländern. Entsprechend groß ist der Bedarf an Wissen. Ata: „Wir haben zu dem Thema mehrere Veranstaltungen organisiert und Hinter­grund­gespräche geführt.“

Die Arbeit des MDI endet nicht an der deutschen Staats­grenze. Auch in anderen europäischen Ländern arbeiten Organisationen an der Schnitt­stelle von Medien und Migration. 2018 lud der Dienst zum Kick-off-Event nach Berlin und koordiniert seither die Arbeit des Netzwerkes #MediaMigrationEurope. „Das hat uns auch im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg sehr geholfen. So erfahren wir aus erster Hand, was aktuell in anderen europäischen Ländern geschieht“, so Ata.

Dr. Mehmet Ata
© A. Salzmann

Dr. Mehmet Ata

ist ein Kind des Ruhr­gebiets: Die Eltern beide in der Türkei geboren, kam er 1982 in Bochum zur Welt. „Natürlich spielten mein eigener Migrations­hinter­grund und meine persönlichen Erfahrungen eine Rolle bei der Berufs­wahl“, sagt er. Sein Studium der Kommunikations­wissenschaft absolvierte er in Essen und promovierte 2006 am germanistischen Seminar der philosophischen Fakultät in Siegen zum „Mohammed-Karikaturen­streit in den deutschen und türkischen Medien“. Nach einigen Jahren als Journalist wurde Ata Presse­sprecher des Bundes­amtes für Migration und Flüchtlinge, bevor er 2016 zum MDI stieß.

Exklusiv für Journalist*innen bietet der MDI mehrere Veranstaltungsformate an, zum Beispiel Presse­gespräche, in denen Expert*innen unterschiedliche Perspektiven zu einem bestimmten Thema beleuchten, oder MDI-Mitarbeitende besuchen gemeinsam mit Fach­leuten Redaktionen für Hinter­grund­gespräche. Grundsätzlich sind die Mitarbeitenden des MDI bundes­weit unterwegs, aber im Zuge der Corona­pandemie wanderten viele Veranstaltungen ins Internet. Mehmet Ata erzählt: „Seit März betreiben wir – in Kooperation mit der TU Dortmund – eine E-Learning-Plattform für Journalist*innen. Das ist absolutes Neuland für uns, sowohl technisch als auch didaktisch.“ Die Fortbildung umfasst 20 Module zu Themen wie Geschichte der Migration, Arbeits­kräfte­zu­wanderung, Islam in Deutschland und Asyl in Deutschland. Ein Modul ist 60 bis 90 Minuten lang und enthält viele Videos, Übungen, Quellen und Checklisten für den redaktionellen Alltag. „Das Feedback ist überaus positiv“, erklärt Mehmet Ata.

Kreis aus verschieden farbigen Händen
© Getty Images

Seine Arbeit sieht der 40-Jährige als dynamischen Prozess: „Wir versuchen, immer wieder neue Wege zu finden, siehe E-Learning oder Europäisierung. Die schönsten Momente sind für mich, wenn unsere Veranstaltungen dazu führen, dass in der Folge die Themen in der Öffentlichkeit aufgegriffen werden und die Debatte verstärkt geführt wird. Das haben wir zum Beispiel bei den Themen Kriminalität und Migration oder Corona und Migration erlebt.“ Der Erfolg gibt seinen Bemühungen recht. Seit seiner Gründung im Jahr 2012 wird der Medien­dienst zunehmend wahrgenommen: Immer häufiger wird er bei integrations­relevanten Themen in den Medien zitiert, die Zahl der Veranstaltungen und die Zugriffs­zahlen auf die Website steigen kontinuierlich.

Ein Thema, das in den vergangenen Jahren an Gewicht gewonnen hat, ist Rassismus. Ata: „Dass Rassismus als Diskussions­thema größer wird, ist erst einmal ein gutes Zeichen. Denn es bedeutet, dass wir mehr darüber sprechen und mehr Betroffene zu Wort kommen. Das ist übrigens auch eine Generationen­frage. Jüngere Menschen sind viel sensibler dafür, weil sie den Anspruch haben, ein selbst­verständlicher Teil dieser Gesellschaft zu sein. Diesen Anspruch hatte die erste Einwanderungs­generation nicht immer. Also sind heute die Erwartungen und Konflikte andere.“ Fällt es ihm manchmal schwer, neutral zu bleiben? „Nein“, erwidert Mehmet Ata. „Wir wollen ja auch Debatten abbilden. Nicht bei Fakten natürlich, aber bei kontrovers diskutierten Themen unbedingt.“


Mediendienst Integration (MDI)

Die Informations­platt­form Mediendienst Integration (MDI) ist ein Projekt des Rats für Migration e. V. (RfM), einem bundes­weiten Zusammen­schluss von Migrations­forscher*innen. Gegründet 2012, setzt er sich für eine differenzierte Debatte über die Politik­felder Migration und Integration ein.

mediendienst-integration.de