Mut und 200 Euro BAföG im Monat

Autorin: Anna E. Poth 06.09.2022

Was braucht es für einen Aufstieg? Natalya Nepomnyashcha hat geschafft, wovon viele junge Menschen träumen: eine steile Karriere hinzulegen – als junge Frau aus einem sozialen Brennpunkt. Wie hat sie ihren Weg nach oben gefunden?

Natalya Nepomnyashcha ist Gründerin des sozialen und gemein­nützigen Unternehmens „Netzwerk Chancen“. Mit ihrem Unternehmen möchte sie ihre Erfahrungen weiter­geben und junge Erwachsene aus struktur­schwachen Lebens­situationen beim Start ins Berufs­leben unter­stützen. Selbst ist sie in einem Brenn­punkt­viertel in Augsburg auf­gewachsen. Ihr Unternehmen sei ein Herzens­projekt, wie sie sagt, und das ehrenamtlich. Haupt­beruflich arbeitet sie für die Wirtschafts­prüfungs­gesellschaft EY Deutschland, vormals Ernst & Young, in Berlin. Ihr Weg dahin war nicht einfach.

Mit nur 17 Jahren zieht Natalya Nepomnyashcha für eine Ausbildung zur Fremd­sprachen­korrespondentin von Augsburg nach München. Der Staat fördert die Ausbildung mit 200 Euro BAföG im Monat. Ein Betrag, von dem niemand leben kann. Sie fängt an, in einem Kino zu jobben. Wenn das Geld knapp ist, ernährt sie sich teilweise nur von Buttermilch. Ihre Eltern können sie nur wenig unter­stützen. Sie leben seit ihrer Einwanderung aus Kiew, der ukrainischen Hauptstadt, in einer Siedlung am Rande von Augsburg und bekommen Hartz IV. Rückblickend sagt Natalya, dass sie sich gut allein zurecht­gefunden hat. Seitdem sie 2007 aus der elterlichen Wohnung ausgezogen ist, telefoniert sie einmal die Woche mit ihrer Familie. Natalya Nepomnyashcha ist eine Kämpferin. Ruhig, analytisch und ziel­strebig.

Natalya Nepomnyashcha
1989 in Kiew geboren, wuchs Natalya Nepomnyashcha in einem sozialen Brenn­punkt in Bayern auf. © Netzwerk Chancen

Erfolgreich schließt sie die Ausbildung an der Berufs­fach­schule ab und startet direkt die zweite Ausbildung zur Dolmetscherin und Über­setzerin am Fremd­sprachen­institut der Landes­hauptstadt München.

Ein unerwarteter Master­abschluss in Nord­england

Das städtische Fremdspracheninstitut kooperiert mit verschiedenen Universitäten im In- und Ausland. Der Abschluss ermöglicht den Schüler*innen, beispiels­weise nach erfolgreicher Anerkennung einen Master­abschluss an Universitäten in Frankreich oder England zu erwerben.

Auch Natalya entscheidet sich für einen weiteren Abschluss und bewirbt sich in London und der Kleinstadt Preston. Beide Universitäten nehmen ihre Bewerbung an. Doch finanziell ist schnell klar, dass nur Preston eine realistische Möglichkeit ist. Die Stadt mit ihren rund 120.000 Einwohner*innen liegt in der Nähe von Manchester und mag Zug­reisenden bekannt vorkommen, wenn sie auf dem Weg nach Edinburgh oder Glasgow sind. Auch wenn das Bahnhofs­gebäude aus dem 19. Jahrhundert imposant ist und es immerhin sechs Gleise gibt, ist Preston eine klassische britische Arbeiterstadt. Natalya studiert ein Jahr an der University of Central Lancashire und schließt ihren Master in „International Relations“ mit Auszeichnung ab. Für sie war es eine lehr­reiche Zeit. Für Menschen, die große Städte bevorzugen und kulturell interessiert sind, sei Preston keine gute Adresse, ergänzt sie. Nach der britischen Klein­stadt war 2012 ein Wechsel nach Berlin unbedingt notwendig.

Welchen Weg einschlagen? Die "Netzwerk Chancen"-Mentoring- und Coaching-Programme können Türöffner sein zu Arbeit­geber*innen und den sozialen Aufstieg erleichtern
Welchen Weg einschlagen? Die "Netzwerk Chancen"-Mentoring- und Coaching-Programme können Türöffner sein zu Arbeit­geber*innen und den sozialen Aufstieg erleichtern © Getty Images

Berlin – die Stadt der Möglichkeiten?

In Deutschlands größter Metropole mit 3,8 Millionen Einwohner*innen und einem Haupt­bahnhof mit über 16 Gleisen auf verschiedenen Ebenen hat sich Natalya ihr Leben Stück für Stück aufgebaut. Berlin bietet nicht nur für kulturell interessierte und kreative junge Menschen viel Freiraum, sondern auch viele Möglichkeiten, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Innerhalb von drei Jahren reift ihre Idee und ihr Vorhaben, „Netzwerk Chancen“ zu gründen. Mit Menschen im Bekannten­kreis, die bereits Unternehmen gegründet haben, kann sie sich austauschen und optimal vorbereiten. So bekommt sie auch den wertvollen Kontakt zu einem Notar, der sich damit auskennt, gemein­nützige Unternehmen zu beraten und bei der Gründung die richtigen Schritte einzuleiten – während sie in Vollzeit als Unternehmens­beraterin tätig ist. 2016 gründet sie schließlich nebenberuflich „Netzwerk Chancen“.

Die Satzung für ihr Start-up bereitet Natalya komplett selbst vor und – so akribisch, wie sie ist – bespricht sie nur noch kurz vor der Gründung mit dem Notar. Für die Gründung ihres gemein­nützigen Unternehmens braucht Natalya kein Startkapital: Ihr Start-up ist ein soziales und gemein­nütziges Unternehmen zugleich. Ein soziales Business definiert sich dadurch, dass es Beschäftigung, Weiterbildung und Arbeit für benachteiligte Ziel­gruppen schaffen möchte. Die Gemein­nützigkeit ihres Unternehmens zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass 75 Prozent der Gewinne dem gemeinnützigen Zweck zugeführt werden müssen.

Die ersten drei Jahre finanziert sie ihr Start-up aus eigener Tasche. Mit zehn ehrenamtlichen Kräften und circa 3000 Euro pro Jahr baut Natalya ihr soziales Unternehmen langsam auf. Mittlerweile ist „Netzwerk Chancen“ mit fünf hauptamtlichen und über dreißig ehren­amtlichen Kräften stark gewachsen.

Das Unternehmen fördert junge Erwachsene, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft Unter­stützung beim Start ins Berufsleben benötigen. Für Natalya ist das ein Herzens­projekt – weiß sie doch aus eigener Erfahrung, wie hart und fordernd diese Zeit sein kann. „Netzwerk Chancen“ bietet den Mitgliedern Mentoring- und Coaching-Programme sowie ein Netzwerk und Kontakte zu Arbeit­geber*innen. An erster Stelle steht die Förderung des Selbst­bewusst­seins und der Stärken der Teilnehmer*innen.

Netzwerk Chancen schließt Lücken im System

Natalya leitet das Team ehrenamtlich neben ihrem Vollzeitjob als Assistant Director bei EY Deutschland. Auf die Frage, wie sie das schaffe, lacht Natalya und sagt, sie könne gut „Nein“ sagen. Zudem überlege sie gründlich, welche Aufgaben oder Anfragen sie annehme oder nicht. „Wenn ich zu allem Ja sagen würde, würde ich ausbrennen, und dann kann es ,Netzwerk Chancen‘ nicht mehr so geben, wie ich es mir vorstelle.“

Innerhalb des Unternehmens wird oft strategisch überlegt, wie Ressourcen verteilt werden. Natalya und ihr Team betreuen aktuell 1500 Teilnehmer*innen. Oftmals sind es Menschen, die ähnlich wie Natalya aus einem struktur­schwachen Umfeld kommen. Natalya ermutigt sie und macht deutlich, dass es immer neue Möglichkeiten gibt und man sich nicht von Rückschlägen demotivieren lassen sollte. „Ich glaube schon, dass die Tüchtigen auch gewisser­maßen Glück haben“, so Natalya. Durch die Zusammen­arbeit mit verschiedenen Unternehmen werden die Teilnehmer*innen nach Coaching oder Mentoring häufig direkt an Arbeit­geber*innen vermittelt, die sie fördern und ihre Stärken schätzen. Das Unternehmen trägt sich heute durch Unternehmens­partner*innen, Spenden sowie Förderungen durch Stiftungen wie die Nehring Stiftung, die Joachim Herz Stiftung und die Stiftung Bildung.Werte.Leben.

Labyrinth
Huch, wo bitte geht es lang? Für junge Erwachsene, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft Unter­stützung beim Start ins Berufsleben benötigen, gleicht die Arbeitswelt einem Labyrinth © Getty Images

Soziale Herkunft als Dimension von Vielfalt

Auch kämpft Natalya in den vergangenen Jahren zusammen mit ihrem Unternehmen dafür, dass der Begriff „Soziale Herkunft“ als Dimension von Diversität in die „Charta der Vielfalt“ aufgenommen wird. Vier Unternehmen haben die Initiative 2006 in Berlin gestartet und eine Selbst­verpflichtung für ein diskriminierungs­freies und diverses Arbeits­umfeld entwickelt, der sich andere Firmen und Organisationen anschließen können. Die Charta setzt sich aus verschiedenen Dimensionen von Vielfalt zusammen. Zu Beginn des Jahres 2021 wurde „Soziale Herkunft“ als neue Vielfalts­dimension aufgenommen.

Seitdem gingen Arbeitgeber*innen anders auf sie zu, erläutert Natalya. „Zuvor haben sie uns oft angesprochen, weil sie Frauen einstellen wollten. Sie dachten, dass das Diversität sei.“ Mittlerweile ist das Verständnis von Diversität und den verschiedenen Dimensionen zum Großteil angekommen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass soziale Aufsteiger*innen Kompetenzen und Fähigkeiten mitbringen, die Unternehmer*innen heutzutage suchen. So haben sie beispiels­weise eine höhere Flexibilität und Toleranz­spanne und sind besonders durch­setzungs­stark.

Mercator Forum
„Teilhabe statt Diskriminierung“

14. & 15. September 2022 in Essen

Deutschland ist ein Einwanderungs­land. Marginalisierte Gruppen erleben jedoch weiter Benachteiligungen, zum Beispiel aufgrund ihrer kulturellen Herkunft oder ihres sozioökonomischen Hintergrunds.

Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft sowie Zivilgesellschaft, darunter Natalya Nepomnyashcha, diskutieren über Diskriminierung und Teilhabe, mit dem Ziel, gemeinsam Handlungsstrategien zu entwickeln.

Der Fachkräfte­mangel bewegt Unternehmen zum Umdenken

Diese Stärken können wertvoll für Unternehmen sein. Nicht zuletzt sorgt der aktuelle Fachkräfte­mangel für eine hohe Nachfrage bei „Netzwerk Chancen“. „Viele Unternehmen kommen auch zu uns, um zu schauen, ob sie noch unentdeckte Talente für ihre Branche finden können“, beschreibt Natalya.

Dennoch zeigt das Interesse an „Netzwerk Chancen“ deutlich, dass es in der deutschen Sozial- und Bildungs­politik große Lücken gibt: Kinder und Jugendliche aus weniger privilegierten Verhältnissen werden zu wenig gefördert und nicht ausreichend unterstützt.

„Netzwerk Chancen“ fordert für mehr Chancen­gleichheit im Bildungs­system eine Gemeinschafts­schule mit individueller Förderung. Die Schüler*innen besuchen diese Schule, so das Konzept, von der ersten bis zur zehnten oder dreizehnten Klasse. In dieser Schulform fällt der Schul­wechsel weg, und die Kinder können besser gefördert werden.

Schaffen es die Bildungspolitiker*innen, neue Wege einzuschlagen?

So wie viele Wissenschaftler*innen und einige Politiker*innen unterstützt „Netzwerk Chancen“ die Forderungen nach mehr Personal und multi­professionellen Teams aus Lehrer*innen, Sozial­arbeiter*innen und Psycholog*innen an Schulen, die die Kinder und Jugendlichen individuell fördern können.

Natalya freut sich, dass sie mit ihrem Unternehmen viele junge Erwachsene fördern kann und namhafte Konzerne an ihren Teilnehmer*innen interessiert sind. Auch bundes­weit erlangt ihr Unternehmen immer mehr Bekanntheit. Mittler­weile berät „Netzwerk Chancen“ große Unternehmen wie das Online­warenhaus Otto oder HDI Versicherungen. Auch aus Bayern kommt mit dem Auto­mobil­hersteller Audi prominentes Interesse. Doch nach Augsburg fährt sie nur noch einmal im Jahr – für einen Besuch bei ihren Eltern.


Mercator Forum „Teilhabe statt Diskriminierung“

Im Mercator Forum arbeiten unter­schiedliche Stake­holder*innen und Partner*innen der Stiftung Mercator zwei Tage lang an einer über­greifenden Frage­stellung, um die Themen der Stiftung voran­zu­treiben. Das Mercator Forum findet einmal jährlich in Essen statt.

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