Deutschland, hör zu!

Eko Fresh und Nadim Hazar
Autorin: Julia Heer 28.09.2021

Am 30. Oktober 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen geschlossen. Deutschland lud Menschen aus der Türkei ein, hier zu arbeiten und leben. Hilfe beim Ankommen bekamen sie allerdings nicht. Ihre Sorgen und Nöte, aber auch ihre Träume und Hoffnungen, gossen sie in Lieder. Die Musiker Nedim Hazar und Eko Fresh blicken im Interview zurück auf 60 Jahre Zuwanderungsgeschichte – und ihren Klang. 

Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen wird in diesem Jahr 60 Jahre alt: Mit welchen Gefühlen begehen Sie dieses Jubiläum?  

Eko Fresh: Mein Opa kam damals als Gastarbeiter nach Deutschland. Ich verbinde das Anwerbeabkommen stark mit ihm und versuche immer wieder, mich in ihn hineinzuversetzen: Was hat er damals erlebt, gefühlt und gedacht? Er wusste nicht viel über Deutschland, hat die Sprache fast nicht verstanden. Aber: Wir kannten uns nicht gut. Ich wurde hier geboren, bin hier zur Schule gegangen. Er war ganz anders sozialisiert worden. Der Graben zwischen uns war groß.  

Nedim Hazar: Ich kam 1980 nach Deutschland, das war eine sehr belebte Zeit. Die Migrant*innen engagierten sich stark in Vereinen. Hilfe vom Staat gab es damals nicht. Die Menschen, die zugewandert waren, haben alles selbst gemeistert. Viele Jahre danach erlebe ich jetzt eine Situation, in der mehr Menschen mit Migrationshintergrund beispielsweise in den Charts und im Fernsehen präsent sind, wie Eko. Das ist gut! Die Probleme sind aber immer noch da.   

Welche Rolle spielt dabei die Konzertreihe „Deutschlandlieder – Almanya Türküleri“, die Sie zum runden Geburtstag des Abkommens entwickelt haben?  

Eko Fresh: Ein Teil von mir war immer auf der Suche. Ich war anders, ich sah anders aus. Als ich zur Schule in Mönchengladbach ging, war ich einer der wenigen mit Migrationsgeschichte. Es bestand auch ein gewisser sozialer Abstand. Die eigene Familie hatte von null angefangen. Andere hatten ein Haus. Das war krass anders. Ich habe viel überspielt. Ich war laut, ich war lustig, der Clown. Die Musik war da sicher auch ein Ventil, das das positiv kanalisiert hat.  Darüber spreche ich viel in Jugendhäusern. Es ist schade, dass manche den Eindruck haben, aussortiert und anders gesehen zu werden. Mit gutem Feedback und Motivation lässt sich das aber ins Positive verwandeln. So hat es auch Nedim mit den Deutschlandliedern gemacht.

Eko Fresch

Eko Fresh ist Rapper und Schauspieler. 1983 in Köln geboren, wuchs er als Sohn türkeistämmiger Eltern in Köln und Mönchengladbach auf. Nedim Hazar ist sein Vater.

Nedim Hazar: Die Deutschlandlieder sind ein einzigartiges Phänomen. Die Menschen, die aus der Türkei gekommen waren, haben ihre eigenen Lieder nicht nur mit hierhergebracht. Sie haben sie hier auch entwickelt, gesungen, produziert. Das war unvergleichlich. Diese Lieder sind auf wahnsinnig viel Resonanz gestoßen. Die Künstler*innen haben ihre Kassetten 100.000-fach verkauft. Allerdings in Lebensmittelläden, neben Schafskäse und Oliven. In den Charts waren sie nicht.

Diese späte Sichtbarkeit wollten wir ihnen mit den Deutschlandliedern geben. Zum Vergleich: Vicky Leandros hat „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ 400.000-fach verkauft. Yüksel Özkasap verkaufte „Beyaz Atlı“ 800.000 Mal. In Deutschland. 

60 Jahre nach dem Anwerbeabkommen sehen wir, dass wir inzwischen gar nicht mehr ohneeinander leben können.

© Deutschlandlieder.de

Wie ist die Konzertreihe entstanden? 

Nedim Hazar: Die Idee entstand 2019. Metin Türköz – der legendäre Volkssänger, der jetzt im Altenheim lebt –, Eko und ich haben als Zugabe bei einer Musikrevue in Köln ein solches Lied gesungen. Die Gefühle bei uns und beim Publikum waren so stark, dass wir dachten: „Wow, das ist etwas.“  

Während des letzten Jahres haben wir uns dann mit weiteren Künstler*innen vernetzt.  Leider ist eines unserer wichtigsten Mitglieder, Ali Ekber Aydogan vom legendären Duo Derdiyoklarlar, während der Vorbereitung der Konzertreihe verstorben. Die Zeit wird knapp. Das, was wir machen, ist einmalig. 

Die Deutschlandlieder greifen auch negative Erfahrungen auf: Verlust, schlechte Arbeitsbedingungen und Rassismus. Wie akut sind diese Themen auch nach 60 Jahren noch? 

Nedim Hazar: Dazu möchte ich aus meinem ebenfalls „Deutschlandlieder“ genannten Buch zitieren: 

Die Rentnerin Lale Akgün, sie war SPD-Politikerin und Psychologin, berichtet: Ich lebe jetzt seit 59 Jahren in Deutschland. Ich finde es sehr beschränkt, wenn Leute denken, dass diese 59 Jahre spurlos an einem vorbeigegangen sind. Manchmal, wenn ich vorgestellt werde, warte ich nur auf den nächsten Satz: ‚Wie war das für Sie als Türkin?‘  Jeder Mensch, der jünger ist als 59, hat weniger in Deutschland gelebt als ich. Frage doch mal einen fünfzig- jährigen Deutschen: ›Wie fühlen Sie sich in Deutschland?‹‘  

Eko Fresh: Mein Thema war immer Rassismus, das ist well documented. Den erlebe ich immer noch. Ich kann das weglächeln, weil ich durch meinen Erfolg privilegiert bin. Aber für viele andere ist Rassismus ein großes Problem. Vor allem, wenn du jung und beeinflussbar bist, prägt dich das. Die Karten sind für manche junge Menschen schlechter verteilt als für andere. Ich bin Künstler und kein Politiker, aber ich kann die Menschen mit meiner Kunst berühren. Deswegen erzähle ich von diesen Erfahrungen in meiner Musik, beispielsweise auch in Jugendheimen. Mein Lebensmotto ist der German Dream: Chancengleichheit. 

© Deutschlandlieder.de

Nedim Hazar ist Filmemacher, Musiker und Autor. Er migrierte 1980 als politischer Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland. Sein Projekt Deutschlandlieder vereint Musiker*innen aus mehreren Generationen in einer Konzertreihe.

Mercator Salon mit Nedim Hazar

und Eko Fresh

04. Oktober 2021, 17:30 Uhr

Heimweh, Lieder und Maloche

60 Jahre nach der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens mit der Türkei sprechen wir im Mercator Salon mit Nedim Hazar und seinem Sohn EkoFresh über das Ankommen und Hierbleiben und die Musikgeschichte der Türkeistämmigen in Deutschland.
Mehr Informationen finden sie hier.

Was braucht unsere Gesellschaft jetzt? 

Eko Fresh: 60 Jahre nach dem Anwerbeabkommen sehen wir, dass wir inzwischen gar nicht mehr ohneeinander leben können. Wir sind zusammengewachsen. In der Musik, beim Essen, in der Nachbarschaft, in Beziehungen … In diesem Bewusstsein können wir optimistisch auf die nächsten 60 Jahre blicken. 

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