Nani Jansen Reventlow: Kämpferin für digitale Menschen­rechte

Nani Jansen Raventlow
Autor: Julien Wilkens Fotos: Xiaofu Wang 08.03.2022

In mehr als 50 Ländern kämpfte sie als Anwältin vor Gericht gegen Menschen­rechts­verletzungen. Heute arbeitet Nani Jansen Reventlow im Spannungs­feld zwischen Menschen­rechten, sozialer Gerechtigkeit und Technologie.

„Als schwarze Frau einfach ihre normale Arbeit zu machen, das bedeutet, dass man von Berater*innen, die man engagiert hat, unter­graben wird, dass man von Mitarbeiter*innen, Stipendiat*innen, Kolleg*innen und Geld­geber*innen angefeindet wird und dass man gegen tief verwurzelte Vor­urteile ankämpfen muss, wodurch man nur Gefahr läuft, sie zu verstärken. Ich habe mich oft gefragt, wie viel ich erreichen könnte, wenn ich nicht Zeit, Energie und Gehirn­schmalz für solche Dinge aufwenden müsste.“ So blickt Nani Jansen Reventlow, eine erfolg­reiche, weltweit arbeitende Menschen­rechts­anwältin, in ihrem Abschieds­gruß an den Digital Freedom Fund (DFF) auf ihre bisherigen 20 Jahre in dem Feld zurück. Dabei ist es nicht so, dass Jansen Reventlow wenig erreicht hätte: Sie vertrat erfolgreich eine Lehrerin und Bloggerin, die in Äthiopien wegen Terrorismus inhaftiert war, eine bahrainische Reporterin, die von der Polizei gefoltert wurde, und zwei ruandische Journalistinnen, die beschuldigt wurden, durch ihre Bericht­erstattung die nationale Sicherheit zu gefährden. Viel mediales Echo bereitete ihr die aserbaidschanische Investigativ­journalistin Khadija Ismayilova, die sie zusammen mit der prominenten Juristin Amal Clooney vor dem Europäischen Gerichts­hof für Menschen­rechte vertrat. Sie wurde von der Harvard-Universität mit dem Titel „Women Inspiring Change“ ausgezeichnet, bekam den „Internet & Society Award“ vom Oxford Internet Institute, die US-amerikanische Tages­zeitung „Politico“ nahm sie in die Top 10 der visionären Technologie­führer*innen in Europa auf.

Nani Jansen Raventlow
Die Niederländerin Jansen Reventlow lebt in Berlin. © Xiaofu Wang

Katze statt Computer

Jansen Reventlow lebt in Berlin. Dort hat sie den DFF gegründet, in der „Haupt­stadt der digitalen Rechte“, wie sie es sagt. Ihre Kindheit verbrachte sie im Amsterdam der 80er-Jahre. „Damals war die unausgesprochene Regel, dass es keine Probleme mit Rassismus gibt. Doch dann wurde ich älter und merkte: Das stimmt nicht“, sagt sie und kann darüber lachen. Ihren Spitznamen Nani, den sie heute als Rufnamen trägt, bekam sie schon da. Er bedeutet „Die, die nach Oma benannt ist“, erklärt sie. In ihrem Lebenslauf benennt sie sich Yakaré-Oulé (Nani) Jansen Reventlow.

Dass sie sich heute mit Menschen­rechten im Technologie­umfeld beschäftigt, war ihr nicht in die Wiege gelegt. „Ich erinnere mich noch daran, dass meine Schwester und ich an einem Weihnachts­fest sehr aufgeregt waren, weil unsere Mutter uns ein großes Geschenk angekündigt hatte. Wir dachten, es würde ein Computer sein. Aber es war … eine Katze!“, erzählt sie rück­blickend. Erst auf der Uni bekam sie ihr erstes E-Mail-Konto.

Nani Jansen Raventlow vor Bücherregal
Jenseits des Digitalen liebt Jansen Reventlow es, sich analog in Themen zu vertiefen. © Xiaofu Wang

Auch der Weg zur Karriere als Menschen­rechts­anwältin war nicht vorgezeichnet. Als Kind wollte sie unbedingt Zahn­ärztin zu werden. Doch nach zwei Semestern der Zahn­medizin wechselte sie zu Jura – und verliebte sich in die Menschen­rechte. Am Anfang arbeitete sie in einer großen Anwalts­kanzlei. „Genau vier Jahre und zwei Monate waren das. Und dass ich das noch so genau weiß, zeigt nur, wie sehr es mir dort miss­fallen hat.“ Von rund 300 Angestellten war sie eine von fünf Person of Color. Ihre Berufung fand Jansen Reventlow in London bei der Media Legal Defence Initiative (MLDI), einer Organisation, die sich auf Presse­freiheit konzentriert. Obwohl das zu dem Zeitpunkt nicht wirklich ihr Feld war, bewarb sie sich – und bekam den Job.

Bilderrahmen und Trockenblumen
Auf Auszeichnungen ausruhen? Mitnichten, die Anwältin für Menschenrechte arbeitet weiter. © Xiaofu Wang
Nani Jansen Raventlow arbeitet am Laptop
Den Digital Freedom Fund hat sie Ende 2021 verlassen ... © Xiaofu Wang
Nani Jansen Raventlow
... und baut seitdem die neue Organisation Systemic Justice auf. © Xiaofu Wang

Diskriminierende Algorithmen

Der wachsende Einsatz digitaler Technologien durch Staat und Wirtschaft brachte neue Heraus­forderungen für die Ausübung, Durch­setzung und den Schutz von Menschen­rechten mit sich. Zum Schutz dieser Rechte im Digitalen gründete die gebürtige Nieder­länderin 2017 den Digital Freedom Fund (DFF) und leitete ihn bis Ende 2021. „Fünf Jahre, das hatte ich von Anfang an gesagt, dann muss die Organisation stehen und ohne mich funktionieren“, erklärt die 43-Jährige im Zoom-Interview. Bis heute hat der DFF 60 Projekte unter­stützt – von der Anfechtung der Online­profil­erstellung durch Regierungen über Online­zensur und AdTech bis hin zum Daten­schutz von Asyl­bewerber*innen.

„Wir gehen den Weg der strategischen Prozess­führung“, erklärt Jansen Reventlow. Zuletzt unter­stützte der DFF niederländische Kläger*innen vor Gericht gegen die Regierung in Den Haag: Bei dem Fall ging es um einen Algorithmus, der erkennen sollte, ob jemand einen Betrug begehen wird – und vor allem in Gemeinden mit einer hohen Einwanderungs­rate und einem niedrigen Einkommen eingesetzt werden sollte. Die Anwendung war also schlicht diskriminierend, sagt sie. Daraufhin taten sich verschiedene Nicht­regierungs­organisationen zusammen und zogen vor Gericht, finanziert vom DFF, und sie bekamen Recht. Es sind die kleinen, wiederholten, ausdauernden Schritte, die Jansen Reventlow geht, um das Große zu erreichen: das gleiche Recht für alle.

„Am Anfang bestand der DFF aus meinem Laptop und mir. Wir hatten große Ziele im Kopf“, blickt Nani Jansen Reventlow zurück. Und doch waren es die kleinen Probleme, die besondere Kopf­schmerzen machten. „Ich hatte zum Beispiel den finanziellen Aspekt einer solchen Organisation komplett unter­schätzt. Plötzlich musste ich eine Finanz­managerin suchen“, sagt sie und lacht ein mit­reißendes Lachen.

Am Anfang bestand der DFF aus meinem Laptop und mir. Wir hatten große Ziele im Kopf.

Divers im Digitalen

Ein besonderes Anliegen ist Jansen Reventlow das Projekt der Dekolonisierung der digitalen Rechte. „Die Idee für den Dekolonisierungs­prozess entstand, als ich mir das Gruppen­foto des ersten DFF-Strategie­treffens 2018 ansah und bemerkte, dass ich die einzige Person of Color war … Nicht gerade ein Spiegel­bild unserer Gesellschaft.“ Immer mehr Belege zeugen davon, dass die Nutzung digitaler Technologien das Potenzial hat, bestehende Formen der Unter­drückung wie Rassismus, Sexismus, Behinderten­feindlichkeit, Homophobie und Transphobie nicht nur zu reproduzieren, sondern auch zu verstärken, erklärt sie. Jansen Reventlow will dies im Kern bekämpfen – und das Diverse der Gesellschaft auch in den digitalen Rechten geschützt wissen. Dafür braucht es ein Sprach­rohr: „Wir haben 2019 begonnen, mit Organisationen und Einzel­personen zu sprechen, die derzeit nicht als Teil der Diskussion über digitale Rechte wahr­genommen werden“, erklärt sie. Das sind Organisationen, die sich für Rassen­gerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Gerechtigkeit oder Klima­gerechtig­keit einsetzen. „Wir fragten sie, wie und ob sie sich mit digitalen Themen befassen, was sie in diesem Zusammen­hang ansprechen würden.“

Präzedenzfälle für Menschen­rechte

Sie führte Prozesse in mehr als 50 Ländern – das sind 50 verschiedene Gesetz­gebungen. „Ich bin immer etwas traurig, wenn manche Fälle eine große mediale Aufmerksamkeit bekommen und andere genauso wichtige nicht“, betont sie. Besonders stolz ist sie auf ihren Sieg in einem Straf­verfahren wegen Verleumdung vor dem Afrikanischen Gerichtshof für Menschen­rechte und Rechte der Völker, dem afrikanischen Pendant des Europäischen Gerichtshofs für Menschen­rechte. Sie vertrat einen Journalisten aus Burkina Faso, der wegen eines kritischen Beitrags über einen Staats­anwalt des Landes ins Gefängnis musste. Das Land musste seine Gesetz­gebung ändern. Das sind die nachhaltigen Erfolge, die sie mit der strategischen Prozess­führung erreichen will.

Nani Jansen Reventlow hat den Digital Freedom Fund Ende 2021 verlassen und baut seitdem die neue Organisation Systemic Justice auf. Mauricio Lazala Leibovich übernimmt seitdem beim DFF. Jansen Reventlows Vision aber bleibt: die Sicherung der digitalen Rechte für alle.

Kommunikation und Netz­werk­arbeit: Safe­guarding Digital Rights for All

Die Initiative von European Digital Rights (EDRi) und Digital Freedom Fund (DFF) sensibilisiert Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft für die Wechsel­wirkungen zwischen digitalen Technologien und bestehenden Benachteiligungen. Zugleich unter­stützt sie Organisationen, die digitalisierungs­bedingten Heraus­forderungen in ihren Kern­themen zu adressieren.
digitalfreedomfund.org/