Marina Weisband: „Tue etwas Unerhörtes!“

Marina Weisband in ihrer Wohnung in Münster.
Marina Weisband: „Tue etwas Unerhörtes!“
Autorin: Sally Wilkens 16.04.2024

Marina Weisband macht sich mit ihrem Beteiligungs­projekt aula an derzeit 50 Schulen stark für Selbst­wirksamkeit. So will sie der gefühlten Ohnmacht angesichts des um sich greifenden Populismus etwas entgegen­setzen, etwa mit digitaler Partizipation und Bildung. Ein Besuch bei ihr zu Hause in Münster, wo sie sich trotz chronischer Krankheit unermüdlich für die Demokratie einsetzt. Über ihre Erfahrungen wird sie auch im Rahmen des Mercator Forums am 23. und 24. April 2024 in Essen sprechen – und über ihre Forderung nach einer zweiten Aufklärung.

Ein Mädchen tanzt barfuß im Sand, seine Finger­spitzen wirbeln durch die Luft, die Haare wehen im Wind. Das mit Acryl­farben gemalte Bild hängt im sonnen­durch­fluteten Wohnzimmer einer barriere­freien Wohnung in Münster. Die Frau, die dieses Bild gemalt hat, muss heute immer öfter den Rollstuhl nehmen. Marina Weisband hat in ihrer Zeit als politische Geschäfts­führerin der Piraten­partei in Berlin gerne Tango an der Spree getanzt, doch heute fehlt ihr die Energie dazu. Die 36-Jährige leidet an Myalgischer Enzephalomyelitis. Die chronische Stoff­wechsel­erkrankung erklärt sie ihrer sieben­jährigen Tochter so: „Der Akku meines Körpers ist kaputt.“ Obwohl circa 300.000 Menschen in Deutschland an der Krankheit leiden, gibt es nur wenig Forschung. Um darauf aufmerksam zu machen, hat sie ihre Erkrankung öffentlich gemacht.

Woher nimmt sie die Kraft für Dutzende Talkshow-Auftritte als gefragte Kämpferin für Demokratie, bekennende Jüdin und Ukraine-Expertin? Was motiviert die Publizistin, sich immer wieder ein­zu­mischen, wenn es um Bildungs­ungerechtig­keit oder Anti­semitismus in Deutschland geht?

„Meine Mutter ist gegangen, um mein Leben zu retten“

Eine Bühne, auf der Marina Weisband Antworten geben wird, ist das Mercator Forum 2024. Dort soll es um Teilhabe und Zusammen­halt in der digitalisierten Gesellschaft gehen, als Mittel gegen das Ohnmachts­gefühl der Gegen­wart. Marina Weisband entwickelt lieber Lösungen, als lange mit dem Schicksal zu hadern. Sowohl in ihrem Privat­leben als auch im Einsatz für die Demokratie. Vielleicht liegt das daran, dass sie als 1987 im ukrainischen Kiew geborenes „Tschernobyl­kind“ – also Kinder, die nach der Reaktor­katastrophe 1986 krank wurden – schon oft um ihr Leben hat kämpfen müssen. Als die ukrainischen Ärzte damals für das bettlägerige Mädchen nur noch „in den Westen gehen“ als Therapie­vorschlag hatten, entschied sich die Familie, die Heimat zu verlassen. Als jüdische Kontingent­flüchtlinge kamen die Weisbands 1994 nach Deutschland. „Meine Mutter ist gegangen, um mein Leben zu retten“ – diese Entscheidung liege als Bürde auf ihren Schultern. „Ich wollte ihr und der deutschen Gesellschaft immer etwas zurückgeben.“

Marina Weisband mit dem Porträt ihrer tanzenden Tochter im Hintergrund.
Marina Weisband mit dem Porträt ihrer tanzenden Tochter im Hintergrund. © Lukas Schulze

Marina Weisbands Stimme ist glocken­klar, während sie erzählt, ihre Sätze wie Tango­schritte im 2/4-Takt. Leidenschaftlich setzt sie sich heute dafür ein, jungen Menschen die Werte und die Ein­bringungs­möglichkeiten der Demokratie nahe­zu­bringen. Gleich­zeitig diskutiert sie mit Entscheider*innen aus Wirtschaft und Politik. Mit Bundes­präsident Frank-Walter Steinmeier sprach sie über Hass und Gewalt als Gefahr für die Demokratie, übernahm die Führung bei der Analyse von rechten Bewegungen für Wirtschaft und Demokratie beim Deutschen Wirtschaftsforum oder leitete ihre Zuhörer*innen durch die Polykrisen unserer Zeit. Sie ist überzeugt: Unsere Demokratie ist bedroht, weil Menschen sich ohnmächtig und aus dem Kreis derjenigen ausgeschlossen fühlen, die Einfluss nehmen können. Für die Gestalterin ist der Gegen­entwurf selbst­verständlich. „Dafür müssen Menschen von klein auf die Erfahrung machen, dass sie etwas verändern können. Deshalb habe ich aula gegründet, gehe in Schulen und begleite dort verbindliche Mitbestimmung“, sagt Weisband. Seit 2014 leitet die Diplom­psychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung haupt­beruflich das Schüler*innen­beteiligungs­projekt.

Marina Weisbands Laptop ist an vielen Tagen ihre einzige Verbindung zur Außenwelt.
Marina Weisbands Laptop ist an vielen Tagen ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. © Lukas Schulze

Demokratie ist kein Naturzustand

Sie selbst sei 2009 von einer unpolitischen Schülerin zu einer politisch engagierten geworden, erzählt sie. Spontan habe sie etwas Unerhörtes getan: Nachdem sie das erste Mal wählen durfte, sei sie einfach in die Piraten­partei eingetreten. „Ich fand das einen irren Vertrauens­vorschuss der deutschen Gesellschaft in mich als Immigrantin, dass ich einfach eine Partei wählen durfte. Und davon beflügelt habe ich noch am selben Tag zu Hause den Beitritts­bogen der Piraten­partei ausgefüllt.“ In der Schule habe sie zwar gelernt, dass es einen Bundesrat, einen Bundes­tag und einen Bundes­präsidenten gebe, aber nicht, dass Demokratie mehr sei, als alle vier Jahre wählen zu gehen. Eines Tages Bundes­präsidentin zu werden, könne sie sich vorstellen. „Winken kann ich“, sagt sie und lacht. Erst in vier Jahren wird sie das Mindest­wahl­alter von 40 für das höchste Amt im Staat erreichen. Apropos Mindestalter: „Mut machen mir derzeit die jüngsten Demokrat*innen: Grundschul­kinder, die über das Kaugummi­verbot in ihrer Schule mit größter Ernsthaftigkeit diskutieren. Demokratie will immer wieder neu erkämpft und gelebt werden, sie ist kein Natur­zustand. Nur wenn wir das begreifen, können wir Jugendliche befähigen, als mündige Bürger*innen unsere Gesellschaft zu gestalten.“

Das Sticken ist eines von Marina Weisbands Hobbys.
Das Sticken ist eines von Marina Weisbands Hobbys. © Lukas Schulze
Bestickte Kleinigkeiten finden sich überall in der Wohnung.
Bestickte Kleinigkeiten finden sich überall in der Wohnung. © Lukas Schulze

Zu wenig Gestaltungsspielraum an Schulen

Doch Weisband, die 2011 bis 2012 politische Geschäfts­führerin der Piraten­partei war und sich heute bei den Grünen in den Themen­bereichen Digitalisierung und Bildung engagiert, kritisiert: „Die Schul­glocke ist unsere erste Begegnung mit der disziplinarischen Gesellschaft. Morgens um acht Uhr haben die Kinder Mathe zu lernen, und um zehn Uhr haben sie Hunger zu haben.“ Mit Demokratie­förderung könne deshalb gar nicht früh genug begonnen werden. Viel zu selten böten Schulen Gestaltungs­spiel­raum. Statt selbst­ständig zu werden, gerieten Jugendliche in einen Zustand erlernter Hilflosigkeit – den sie auch als Erwachsene nicht mehr loswerden könnten. Das wiederum sei ein ideales Einfallstor für Extremismus und Populismus.

Selbstwirksamkeit als Schlüsselwort

Weisband fordert eine zweite Welle der Aufklärung, auch im digitalen Raum. „Wir haben alle mit unseren Handys eine Drucker­presse Deluxe in unserer Hosen­tasche. Gegen das Gefühl der Ohnmacht müssen wir angehen. Da würde es helfen, wenn wir eine Gesellschaft aufbauen, in der ich das Bedürfnis habe, meine Quellen zu verifizieren, weil davon etwas abhängt, weil ich praktisch Macht habe und etwas verändern kann.“ Weisband nennt das den Wandel von dem*der Konsument*in zum*zur Gestalter*in. Selbst­wirksamkeit ist für Weisband das Schlüssel­wort – und sei die Veränderung auch noch so klein: „Meiner Nachbarin ungefragt Hilfe anzubieten, ist die kleinste Einheit von Demokratie.“ Öffentliche Orte des Austausches seien wichtig, hier sei die Kommunal­politik gefragt. Mehr Menschen müssten Lokal­politiker*innen einen Brief schreiben – etwa mit konstruktiven Ideen für den eigenen Stadtteil. Weitere Beispiele für Demokratie in Zeiten der Digitalisierung hat sie in ihrem neuen Buch gesammelt: „Die neue Schule der Demokratie. Wilder denken, wirksam handeln“. Neue Gesellschafts­formen wie direkte Demokratie seien zentral, ebenso ein öffentlich-rechtliches Internet, so Weisband. Auch zufällig geloste Bürger*innen­räte könnten helfen, weil darin jede*r sitzen könne. „Demokratie muss Grundlage von allem sein – in unseren Schulen und in unserer Gesellschaft. Dafür werde ich kämpfen wie eine Löwin.“

Gerade ist Kirmes in Münster, der Send, Weisbands Tochter möchte hingehen. „Dafür reicht meine Energie nicht“, sagt Weisband. Haushalt und Erziehung seien zwischen ihr und ihrem Ehemann 70/30 aufgeteilt, erzählt sie. Heute erfüllt eine Baby­sitterin der Tochter den Jahr­markts­wunsch. Was Weisband auf die blinkenden Buchstaben des Breakdance-Fahr­geschäftes schreiben würde, als Botschaft an diejenigen, die gerade eher an Popcorn als an Politik dächten? „Tue etwas Unerhörtes!“


Mercator Forum 2024

Das Mercator Forum 2024 widmet sich dem Thema „Digitale (Ohn-)Macht – Teilhabe und Zusammen­halt in der digitalisierten Gesellschaft“.

Die Geschäftsmodelle und die Dominanz einzelner großer Tech-Konzerne machen uns anfällig für Manipulation, schaffen neue Abhängig­keits­verhältnisse und schwächen damit nicht nur die europäische Wirtschaft, sondern auch unsere Demokratie. Kurzum: Das Macht­verhältnis zwischen Staat, Individuum und Unternehmen wird durch den digitalen Wandel funda­mental verändert.
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