Der Schnell­denker der Philosophie

Markus Gabriel
Autorin: Carola Hoffmeister Fotos: Oliver Hardt 03.05.2022

Weiß der Mensch, was gut und was böse ist? Und wie sieht es mit Künstlichen Intelligenzen aus? Können sie menschliche Werte über­­nehmen? Orientierung über solche Fragen bieten Philosoph*innen wie Markus Gabriel. Der Bonner Wissen­schaftler zählt zu den gefragtesten Denkern der Gegen­wart.

Eine frisch renovierte Altbauwohnung im oberen Stock einer schmalen Seiten­straße in der Hamburger Innen­stadt, geschmack­voll eingerichtet mit Design­klassikern. Vom Balkon mit dem verschnörkelten Geländer aus schweift der Blick auf einer Seite zur Binnen­alster, auf der anderen zur Staats­oper, bis zum Jung­fern­stieg sind es nur wenige Meter zu Fuß. Hier lebt der Philosoph Markus Gabriel, aktuell als Fellow des The New Institute, einer Denkfabrik, die der Reeder Erck Rickmers gegründet hat. In dem weit­läufigen Open-Space-Büro im Erd­geschoss sucht Gabriel zusammen mit Kolleg*innen aus anderen Disziplinen nach Antworten auf die drängendsten ökologischen, ökonomischen und politischen Fragen unserer Zeit. „DiMiDo“, sagt der 42-jährige Wissenschaftler mit dem rotblonden Kurz­haar­schnitt, der gerne Anzug trägt und an manchen Tagen auch ein 60er-Jahre-Retro-Brillen­gestell. Dass er die an Hochschulen übliche Abkürzung für eine Arbeitszeit von Dienstag bis Donnerstag verwendet, passt. Und zwar nicht nur, weil er sich damit als Hoch­schul­professor zu erkennen gibt. Er lehrt Philosophie an der Universität Bonn, in Bonn lebt er zusammen mit seiner Frau und zwei Töchtern. Zuvor hat er in Heidelberg, Helsinki, New York, Neapel, Paris, Lissabon, Palermo, Tokio und im kalifornischen Berkeley unterrichtet. Es passt auch, weil Markus Gabriel schnell ist. Er denkt schnell. Er spricht schnell. Und er hat dabei alles gleich­zeitig im Blick, geht blitz­schnell auf seine Umgebung ein. Auf das Kamera­team, das im Wohnzimmer auf einen Anschluss­termin wartet, genauso wie auf den Fotografen, für den er vor dem Bücher­regal posiert, und die Journalistin in der Küche. „Sie sehen dort auf dem Beistell­tisch die Papierbox, die meine Tochter gebastelt hat“, ruft er. Tatsächlich: Da ist eine hand­große Kiste aus gefaltetem Papier, darauf steht in Kinder­schrift etwas mit Bleistift geschrieben. „Wir müssen unsere Handys in die Box legen, wenn wir zusammen essen“, sagt Markus Gabriel und lacht. „Solche Vorschläge meiner Töchter übernehme ich immer gerne!“

Markus Gabriel
Markus Gabriel wurde im Rheinland-Pfälzischen Remagen geboren, lebt mit seiner Familie in Bonn und hat in Hamburg eine Wahlheimat gefunden. Jeder weiß, dass Hamburg wunderschön ist – aber es stimmt wirklich“, sagt er. © Oliver Hardt

Bin ich derselbe, gestern und heute?

Markus Gabriel gilt als Mensch der Superlative. Mit 29 Jahren war er Deutschlands jüngster Philosophie­professor. Seine Bücher – neben Fach­literatur auch populär­wissenschaftliche Bestseller – wurden in 15 Sprachen übersetzt. Die Medien bezeichnen ihn mal als bekanntesten Philosophen der Gegenwart, mal als Star­philosophen oder Rockstar am Philosophen­himmel. Sein Kollege Michael Pauen von der Humboldt-Universität zu Berlin nannte ihn in Bezug auf sein Buch „Ich ist nicht Gehirn“ scherzhaft „Hoch­geschwindig­keits­philosoph“, weil er viele Themen manchmal auch nur ober­flächlich streife. Wer sich mit ihm unterhält, schätzt an ihm vermutlich, dass er sich rasch auf sein Gegen­über einstellt und voller Begeisterung erzählt. Er sprudelt nur so los – egal, ob es um seine Kindheit im rheinland-pfälzischen Remagen geht, seine morgendliche Jogging­runde um die Hamburger Alster und im Wald am Bonner Venusberg oder um Erkenntnis­theorie, Moral, Digitalisierung, künstliche Intelligenz.

Zur Philosophie hat es ihn schon früh gezogen. „Ich war als Kind an Dingen interessiert, die ich heute als philosophische Überlegungen zusammen­fassen würde“, sagt er im verglasten und in Niederländischem Blau gestrichenen Konferenz­raum. Zwischen­durch grüßt er durch Augen­zwinkern Wissen­schaftler*innen, die im Foyer vorbeigehen. „Also, zum Beispiel: Was ist der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Schein? Oder die Erfahrung der Zeit. Als Grund­schüler wollte ich gerne heraus­finden, wie es sein kann, dass ich ein anderer bin, je nachdem, mit wem ich meine Zeit verbringe. Und was bedeutet diese Erkenntnis für die Frage, wer ich über verschiedene Zeit­punkte hinweg bin? Bin ich derselbe, gestern und heute? Das Thema Zeit ist vermutlich das schwerste überhaupt. Da trau ich mich noch nicht wirklich ran.“

Markus Gabriel
Markus Gabriel baut bewusst analoge Phasen in seinen Alltag ein. Wie auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt. ... © Oliver Hardt
Schreibmaschine
© Oliver Hardt
Markus Gabriel vor einem Whiteboard
... Das Handy blieb in der Tasche, stattdessen las er einen Roman oder blickte aus dem Fenster. © Oliver Hardt

Vom Skater zum Nerd im Pullunder

Er wagte sich dafür an philosophische Schwergewichte. Mit 15 Jahren las er Søren Kierkegaard, den dänischen Denker, der als Urvater der Existenzphilosophie gilt. Das Buch „Die Krankheit zum Tode“ hatte ihm ein Freund geschenkt, nachdem Gabriel sich beim Skaten auf der Kölner Domplatte einen Knöchel gebrochen hatte. Als er nach den Ferien und einigen Aha-Momenten in die Schule zurück­kehrte, war aus dem Skater mit tief sitzenden Hosen ein Nerd im Pullunder mit einem Faible für Philosophie geworden. Seine Eltern, die Mutter Kranken­schwester, der Vater Fried­hofs­gärtner, konnten nicht viel damit anfangen: „Der Jung ist ja verrückt!“ Doch Gabriel war sich sicher. Er studierte Philosophie in Hagen, Bonn und Heidelberg. 2009 folgte der Ruf an den Lehrstuhl für Erkenntnis­theorie, Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart an der Universität Bonn. „Hauptberuflich Erkenntnis­theoretiker, das ist meine Job-Description. Aber das große Privileg an einer akademischen Laufbahn, zumal auf einer entfristeten Stelle, ist, dass man immer weiter lernen kann – und das sollte man als Wissenschaftler*in auch tun. Diese Verantwortung hat man der Gesellschaft gegen­über.“

Markus Gabriel vor einem Bücherregal sitzend
Bücher, Bücher, Bücher: Sie sind dem Philosophen wichtig und dürfen weder in seiner Familienwohnung in Bonn Ippendorf südwestlich des Zentrums noch in seiner Hamburger Wohnung in der Großen Theaterstraße fehlen. © Oliver Hardt

Auf dem Skateboard stand Gabriel übrigens doch noch mal. 2013, als Gastprofessor in Berkeley. „Da hat sich der Traum des 15-Jährigen erfüllt, in Kalifornien zu skaten und das zu machen, was für meine Knie noch in Ordnung war. Aber als ich neulich wieder für einen Monat an der Stanford University war, habe ich lieber die Finger davon­gelassen.“

Auch Platon hätte Putins Angriffs­krieg verurteilt

In seinem Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ postuliert er jüngst einen moralischen Fortschritt auf der Grundlage von universellen moralischen Werten. Während mathematische Tatsachen einfach da seien – eins plus eins ergibt zwei –, hängen moralische Tatsachen davon ab, was die Menschen tun. „Beispiels­weise existierte die moralische Tatsache, dass der Angriffskrieg auf die Ukraine radikal böse ist, nicht, als es noch keine Angriffs­kriege gab. Das heißt, die moralischen Tatsachen sind mit den historischen Praktiken der Menschen verwoben. Aber: Der Beschuss von Kinder­gärten war immer schon unmoralisch. Hätten die alten Griechen Raketen entdeckt und sie auf die Perser gejagt, wäre das genauso böse gewesen wie das, was Putin heute macht. Es ist gleich böse zu allen Zeiten.“

modernes Büro
Netzwerke sind gut - soziale Netzwerke der großen Tech-Firmen meistens jedoch nicht. © Oliver Hardt
Markus Gabriel
Deshalb hat Markus Gabriel dort keine eigenen Accounts angemeldet. © Oliver Hardt

Der Mensch trägt einen moralischen Kompass in sich, er weiß, was gut und was schlecht ist. Aber wie bringt man ihn dazu, das moralisch Richtige zu tun? Vor allem in einer digitalen Welt, die einem ständig nahelegt, noch mehr konsumieren zu müssen, ist das gar nicht so leicht. Hinzu kommen Fake News und Desinformation, die den inneren moralischen Kompass in die Irre leiten. „Auch wir in Deutschland haben Propaganda­maschinen. Bei uns sind es keine staats­gelenkten Medien wie in Russland. Bei uns sind die Propaganda­maschinen selbst verschuldete Unmündigkeiten.“

Ethische Algorithmen sind möglich

Diese Unmündigkeiten hängen eng mit der welt­weiten Digitalisierung zusammen. An der Universität Bonn, in Kooperation mit der Universität Cambridge, untersucht Gabriel derzeit im Projekt „Wünschens­werte Digitalisierung“ („Desirable Digitalisation: Rethinking AI for Just and Sustainable Futures“), wie künstliche Intelligenz grundlegende menschliche Werte unter­stützen kann. „Ein Vorteil von Algorithmen ist, dass sie nicht so schnell ihre Meinung ändern wie beispielsweise Richter*innen, die anders nach einer Mittagspause urteilen als erschöpft am späten Nachmittag – das führt Nobel­preis­träger Daniel Kahneman in seinem jüngsten Buch aus“, fasst Gabriel zusammen. „Aber KI kann gleich­zeitig in rasender Geschwindigkeit neue Muster und Werte erstellen, die wir gar nicht mehr nach­voll­ziehen können. Deshalb wäre es wichtig, sie mit hohen ethischen Werten zu füttern.“ Dass dies nicht der Fall ist, zeigt die Fülle an Fake News und Verschwörungs­erzählungen, die Algorithmen in sozialen Netz­werken unermüdlich multiplizieren. Doch es gebe zumindest theoretisch Alternativen, die es dem Menschen leichter machten, seinem inneren moralischen Kompass zu folgen. „Ich denke dabei an eine soziale Plattform, die von einem Qualitäts­medium heraus­gegeben wird“, sagt Markus Gabriel. „Dafür habe ich mich mit der US-amerikanischen Software-Ingenieurin Nell Watson von der Singularity University zusammen­geschlossen. Denn sie hat einen Prototyp für ein solches Netzwerk entwickelt. In diesem ist es unmöglich, Hass­kommentare zu hinter­lassen. Versucht man, jemanden zu beleidigen, ploppt stattdessen automatisch eine Botschaft auf dem Bildschirm auf: ‚Ich fühle mich schlecht bei dem, was du sagst.‘ Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie setzen künstliche Intelligenz auf diese Weise zum Wohl der Menschheit ein!“ Die Welt hätte vermutlich einige Probleme weniger.

Von der Freiheit, das Richtige zu tun

Wieder in der Gastwohnung, in der Markus Gabriel DiMiDo lebt. Der Wissenschaftler brachte seine Bücher mit, darunter Daniel Kahnemans „Noise: Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können“ und „Wovon wir leben“ von Corine Pelluchon. Die französische Philosophin setzt sich darin für die Abkehr von einer Ausbeutung von Tieren ein, sie lebt in Hamburg direkt über Gabriel. Das Stockwerk darunter wird noch, genau wie das Treppen­haus, renoviert. Im Flur steht ein Buggy mit lachs­farbenem Bezug, die Familie war am Wochenende in Hamburg. Eine inspirierende und kreative Atmosphäre, auch für die Kinder. Wie vermittelt er seinen Töchtern Vorstellungen von richtiger und guter Moral? „Meine Frau macht das als Pädagogin besser“, lacht Markus Gabriel und fügt hinzu: „Ich versuche es durch Praxis. Vorleben. Und als Philosoph diskursiv, also durch Erklären und Diskutieren.“ Das funktioniere. „Einmal hatte meine Sieben­jährige ein anderes Kind zusammen mit einer Freundin gedemütigt. Angetrieben von der Freundin, aber sie hat mitgemacht, und zwar ohne ein Bewusstsein dafür zu haben, dass es schlecht ist. Als wir sie damit konfrontiert haben, verschanzte sie sich hinter Ausflüchten. Dann hat sie die harte Frage gestellt, die in der Philosophie das Amoralisten­argument genannt wird: ‚Ich sehe ein, dass es böse ist. Aber warum soll ich das Böse nicht tun?‘ Die philosophische Antwort darauf lautet: ‚Weil es böse ist.‘ Wie erkläre ich das einem Kind?“ Weil dies ein komplexes und gleich­zeitig notwendiges Unterfangen ist, plädiert Markus Gabriel für Ethik- und Philosophieunterricht ab der Grundschule. Seine Tochter verstand durch einen inneren Perspektiven­wechsel, dass ihr Verhalten für das andere Kind verletzend war. Und damit hat sie etwas Wichtiges gelernt: Die Freiheit, etwas Gutes zu tun, ist besser ist als die Freiheit, etwas Böses zu tun.


Desirable Digitalisation: Rethinking AI for Just and Sustainable Futures

Wie verändert KI unsere Vorstellungen von Menschsein und Werten? Welche gesellschaftlichen Strukturen und Menschen­bilder prägen aktuell die Technologie­entwicklung? In diesem inter­nationalen Projekt arbeiten Forscher*innen an den Universitäten Bonn und Cambridge an grund­legenden Frage­stellungen im Zusammenhang von KI, Werten und Menschen­bildern. Das Ziel sind normative Leit­planken für die Entwicklung und den Einsatz von KI und Wege zu ihrer praktischen Anwendung.

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