Wa(h)r da was?

Autor: Julien Wilkens 20.07.2021

Verschiedenste Akteurinnen und Akteure nutzen soziale Medien zur Desinformation – insbesondere bei politischen Themen. Doch wie viel Propaganda dieser Art gibt es im Netz? Und wie stark ist ihr Einfluss auf die Wähler*innen? Das Oxford Internet Institute (OII) forscht zu Wahrheiten und Lügen im Zeitalter von Twitter, Facebook, Signal, Telegram und Co.

Verschwörungstheorien und Falschinformationen beeinflussen die Politik seit jeher. Vor mehr als einem Jahrhundert wurde die Dolchstoßlegende bekannt: Das deutsche Militär sei im Ersten Weltkrieg unbesiegt geblieben und nur durch Verrat aus deutschen Reihen bezwungen worden, besagt sie. Führende Militärs konnten diese Deutung etablieren – und sie wurde zum Nährboden für den Nationalsozialismus. Zentral dabei war das Mittel der Propaganda, also der zielgerichtete Versuch, die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken. Früher dienten dazu Flugblätter und Plakate, heute nutzen Akteurinnen und Akteure den digitalen Raum und streuen Tweets, Posts und Videos. Wie gefährlich ist diese Propaganda im Netz? Und wie lässt sie sich ermessen? Das untersucht das Oxford Internet Institute.

Organisierte Manipulation

Den Überblick zu bewahren ist nicht ganz einfach: Pro Sekunde werden rund 9.500 Tweets veröffentlicht, mehr als 1.000 Insta-Fotos hochgeladen und knapp 90.000 Videos auf YouTube angeschaut. Diese immense Masse nutzt das Oxford Internet Institute, um die Pole Wahrheit und Lüge, Information und Desinformation aus wissenschaftlicher Perspektive zu betrachten. Und das wird immer wichtiger: In seinem neuesten Jahresbericht zählt das OII in 81 Ländern organisierte Manipulationskampagnen in den sozialen Medien. 2019 waren es noch 70 Länder.

Seit 2012 wird hier im „Programme on Democracy and Technology“ (zu Deutsch „Forschungsabteilung für Demokratie und Technologie“) das Zusammenspiel von Algorithmen, Automatisierung und Politik untersucht. „Unser Team aus Sozial- und Datenwissenschaftler*innen analysiert zum Beispiel, wie Algorithmen verwendet werden, um die öffentliche Meinung zu manipulieren, indem politische Inhalte, Desinformation, Hassreden und Junk-News verstärkt oder unterdrückt werden“, erklärt Lisa-Maria Neudert. Die Doktorandin am Oxford Internet Institute beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Regulierung von Plattformen mit besonderem Fokus auf künstlicher Intelligenz, Content-Moderation und Desinformation.

Lisa-Maria Neudert
Lisa-Maria Neudert, 29, Wissen­schaftlerin am Oxford Internet Institute, forscht zu Desinformation im Internet. © privat

Die Forscher*innen am OII sprechen bewusst von Junk-News, also Müll-Nachrichten, statt von Fake News. Denn tendenziöse Nachrichten können Desinformation sein, auch wenn sie faktisch nicht falsch sind. „Wir schauen auf die Desinformation selbst anstatt auf die Akteurinnen und Akteure dahinter“, berichtet Neudert. Anders als Cyber-Forensiker*innen, die untersuchen, welche Hacker*innen oder politischen Gruppen hinter einer Desinformation stecken, wollen die Forscher*innen empirisch messen. „Welche Desinformationen gibt es? Wie viele davon gibt es, und welchen Einfluss auf den politischen Diskurs haben sie – und haben sie den überhaupt? Das sind unsere Aufgaben“, so die Internet-Expertin.

Junk-News während der Europawahl

Die Untersuchungen in ihrem Bereich umfassen Wahlen in Nord- und Südamerika, im Nahen Osten, in Asien und Europa, darunter auch die Wahl zum Europaparlament 2019. Wie das Team dabei vorgeht, schildert Lisa-Maria Neudert: „Wir haben zuerst die Hashtags zur Europawahl zusammengetragen, also für den deutschsprachigen Raum beispielsweise #Europawahl, #EUWahl oder #EP2019.“ Insgesamt 584.062 Tweets mit Bezug zur Wahl haben die OII-Forscher*innen so für die Studie ermittelt – auf Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Polnisch und Schwedisch. 137.658 dieser Tweets verlinkten auf Nachrichtenartikel aus rund 6.000 Quellen.

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An diesem Punkt wird die Forschung zur Fleißarbeit. „Ein Team hat alle Artikel unterteilt in seriöse Quellen oder Junk-News“, sagt Neudert. Dabei gingen die Forscher*innen streng wissenschaftlich jeweils fünf Punkte durch: „style“ („Aufmachung/Stil“), „bias“ („Verzerrung“), „professionalism“ („Professionalität“), „credibility“ („Glaubwürdigkeit“) und „counterfeit“ („Nachahmung“). Deuten mindestens drei der fünf Kriterien auf Junk-News hin, wird der Link von den Wissenschaftler*innen des OII dementsprechend gekennzeichnet.

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Ein Beispiel: Kommt eine News-Seite mit emotionaler Sprache und einer martialischen Optik daher – etwa durch grafische Elemente wie ein brennendes oder bröckelndes Wort „Europa“ –, gibt es einen Junk-News-Punkt für „Aufmachung/Stil“. „Denn Propaganda versucht, durch Emotionen und nicht durch Argumente zu überzeugen“, erläutert die Forscherin. Sind die Artikel anonym gepostet und ohne Quellen, kommt ein Punkt bei „Professionalität“ hinzu. Gibt es auf der vermeintlichen News-Seite nur einseitige und monothematische Berichte zu Migrant*innen, liegt „Verzerrung“ vor – und damit der dritte Punkt für Junk-News. Glaubwürdig sind Seiten, wenn sie zum Beispiel Korrekturen posten. Einen Junk-News-Punkt für „Nachahmung“ bekommen Seiten, die versuchen, wie eine andere auszusehen, also etwa „PBC“ statt „BBC“. „Das ist heute nicht mehr so relevant, war es aber im Zeitraum vor der Studie 2016 bis 2018“, so die Wissenschaftlerin.

Das wissenschaftliche Ergebnis: Junk-News und Desinformation sind in der Masse gering. Gerade mal rund drei Prozent aller untersuchten Links führten in der Erhebung auf konkrete Desinformationsseiten. Nur ein knappes Prozent waren Links zu russischen, staatlich kontrollierten oder gelenkten Nachrichtenquellen wie Russia Today und Sputnik. Die einzige Ausnahme: Polen, wo fast jeder vierte Link auf eine Desinformationsquelle verwies. „Große polnische Zeitungen fielen unter Junk-News, weil sie ungefiltert Falschinformationen aus dem Netz in den Mainstream übernahmen“, erklärt Neudert den Ausreißer.

Junk-News führen zu mehr Interaktion

Ist Desinformation im Netz also am Ende so irrelevant, wie diese niedrigen Zahlen vermuten lassen könnten? „Nein, denn Junk-News führen zu mehr Engagement, also Kommentaren, Likes, Shares und Herzchen, als seriöse Quellen es tun“, sagt Neudert. In Deutschland gibt es zum Beispiel gut sechsmal so viele solcher Interaktionen, in England viermal so viele, in Frankreich liegt das Verhältnis noch bei zwei zu eins. Der Grund: Typische Junk-News setzen vermehrt auf Clickbait, also „billige“, laute und reißerische Klickanreize, emotionale Ansprache und Wut. „Außerdem haben Junk-News-Quellen mehr Follower*innen“, berichtet die Wissenschaftlerin.

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Die Arbeit des OII-Teams führt von Facebook und Twitter auch zu Telegram, Signal und WhatsApp. „Bei Telegram kann man Desinformation gut messen, weil sie in offenen Gruppen stattfindet“, erklärt Lisa-Maria Neudert. Aktuell formierten sie sich im Corona-Leugner*innen-Milieu rund um bestimmte Personen. Schwieriger sei es in geschlossenen Gruppen bei WhatsApp oder Signal. „Hier ist der wissenschaftliche Ansatz ein anderer.“ Bei empirischen Studien zu Desinformation auf WhatsApp in Indien und Brasilien hat sich das OII-Team einfach als Forscher*innen der Universität Oxford vorgestellt und gebeten, Daten nutzen zu dürfen. „Es haben erstaunlich viele Ja gesagt“, so Neudert.

Steht die nächste Wahl im Zeichen der Desinformation?

Dass Desinformationsquellen zur Bundestagswahl zunehmen werden, gilt am Oxford Internet Institute als gesichert. „Corona ist der beste Indikator dafür. Aktuell gibt es dazu viel Desinformation“, sagt Neudert. Hashtag-Statistiken zeigen einen Zuwachs bei Themen wie dem „Great Reset“, der Verschwörungstheorie, wonach führende Kapitalist*innen eine weltwirtschaftliche Neuordnung planen – eine von antisemitischen Tönen durchzogene Erzählung. „In den Sommermonaten wird es spannend“, mutmaßt die Wissenschaftlerin Lisa-Maria Neudert. „Wenn die Impfkampagne erfolgreich ist, wird sich zeigen, welche anderen politischen Themen vor der Wahl relevant werden.“

Civitates

Die von der Stiftung Mercator geförderte Initiative Civitates unterstützt zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure, die den öffentlichen Diskurs beleben und sicherstellen, dass alle Stimmen gehört werden. Das Oxford Internet Institute gehört zu den Geförderten.

civitates-eu.org