Mehr Aufmerk­samkeit für persönliche Angriffe als für inhaltliche Debatten

Arbeit am Laptop
Autorin: Cornelia Heim 22.02.2022

Rückschau auf den Bundes­tags­wahl­kampf 2021: Große Wahl­kampf­auf­tritte waren wegen der Pandemie gestrichen. Die Debatte verlagerte sich ins Digitale. In einem mehr­monatigen Projekt hat die Nicht­regierungs­organisation Democracy Reporting Inter­national (DRI) mit dem „Tages­spiegel“ den Online-Wahlkampf untersucht: Wie verändern soziale Medien Kommunikation und Diskurs?

Vier Millionen Posts auf den vier großen Plattformen Youtube, Facebook, Instagram und Twitter hat das Team über vier Monate lang analysiert und in Echtzeit online für alle jederzeit abrufbar und sichtbar aufbereitet. Im Doppel­interview berichten Daten­analystin Lena-Maria Böswald (DRI) und Hendrik Lehmann, Projekt­leiter Innovation Lab des „Tagesspiegel“, von ihren Erkenntnissen.

Online-Wahlkämpfe werden in der Regel nicht systematisch und umfassend analysiert. Was war für Sie das Spannende an diesem Projekt?

Hendrik Lehmann: So ein Wahlkampf ist der Höhepunkt der Demokratie. Der US-Wahlkampf 2016, aber vor allem auch das Brexit-Votum haben gezeigt, wie viel da manipuliert werden kann. Es war für uns eines der journalistischen Haupt­ziele, zu schauen, ob es in Deutschland auch in diese Richtung geht.

Hendrik Lehmann
Hendrik Lehmann leitet das Innovation Lab des Tages­spiegel. Er studierte Politik & Urbane und Digitale Soziologie In Berlin/London. © privat
Lena-Maria Böswald
Lena-Maria Böswald ist Datenanalystin bei Democracy Reporting International. Sie studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Regensburg und Amsterdam. © privat

Welche Rollen spielen die vier großen Platt­formen für die Parteien? Oder anders­herum gefragt: Wo vermuten die Parteien ihre größte Ziel­gruppe?

Lena-Maria Böswald: 2017 haben die sozialen Medien erstmals eine große Rolle in einem Bundes­tags­wahl­kampf gespielt, damals hatte sich die AfD einen enormen Wettbewerbs­vorteil verschafft. Wir konnten zeigen, dass 2021 alle Parteien deutlich präsenter in den sozialen Medien waren. Auf Facebook war die AfD immer noch weit vorn, und sie hatte auch eine starke Community auf Youtube. Die Grünen waren stark auf Twitter präsent, sie haben auch versucht, sich auf Instagram zu etablieren, ebenso wie die CDU und die FDP. Die Partei, die gleich­mäßig auf allen Platt­formen unterwegs war, war anhand der Analysen die SPD.

Sie haben ja nicht nur das Dashboard online veröffentlicht und immer wieder aktualisiert, sondern aus den Daten auch Themen generiert. Was war für Ihre Bericht­erstattung wichtig?

Lehmann: Dass Facebook vor allem in Bezug auf das User*innen-Engagement so krass von der AfD dominiert wird, fanden wir spannend. Die rechte Partei hat es wirklich geschafft, eine Community aufzubauen, die fleißig Kommentare hinter­lässt und die Posts teilt. Die anderen Parteien haben anscheinend keine so aktive Community aufgebaut. Man muss sich fragen, ob sie Social Media teilweise verschlafen haben. Auch auffällig war ein großes Über­gewicht an rechten Kommentaren auf Youtube, die die anderen Kandidierenden strukturiert diskriminierten.

Wahlkampf in den Sozialen Medien, aufwändig analysiert und übersichtlich präsentiert im Online-Dashboard des Tagesspiegel: Regional zeigt sich der Pluralismus deutlich (links), die AfD hat auf Facebook immer noch einen Vorsprung, die anderen Parteien holen aber auf (rechts).
Wahlkampf in den Sozialen Medien, aufwändig analysiert und übersichtlich präsentiert im Online-Dashboard des Tagesspiegel: Regional zeigt sich der Pluralismus deutlich (links), die AfD hat auf Facebook immer noch einen Vorsprung, die anderen Parteien holen aber auf (rechts). © Tagesspiegel

Welche*r Politiker*in wurde besonders diffamiert?

Böswald: Bei Annalena Baerbock konnten wir koordinierte Aktivitäten fest­stellen, bestimmte negative Inhalte zu verbreiten, darunter auch toxische, frauen­feindliche Narrative und falsche Informationen. Laut unserer Analyse stammte ein Großteil der gegen Baerbock gerichteten negativen Inhalte und Kommentare aus der rechten Szene. Diese platt­form­über­greifende, geschlechter­spezifische Verleumdung war bei den anderen weiblichen Kandidatinnen nur teilweise der Fall. Alice Weidel hat sogar eine stark unter­stützende Community auf Youtube. Die AfD ist auf Youtube stark präsent, somit sind positive Kommentare über Weidel nicht verwunderlich, das war aber nicht auf allen Plattformen der Fall. Aber auch Armin Laschet als männlicher Kandidat war teilweise sehr aggressiven Posts ausgesetzt.

Sie haben Hass und Hetze im Netz methodisch untersucht. Konnten Sie systematische Desinformations­kampagnen fest­stellen?

Böswald: Wir konnten keine systematische und weitverbreitete Desinformations­kampagne ausmachen, die über kleine Netz­werke hinaus­ging. Es gab zwar Gruppen mit identischem Administrator, die auch dieselben Inhalte zur selben Zeit teilten. Aber das lässt nicht automatisch auf Bots schließen. Die Haupt­themen­felder waren Corona und der Klima­wandel, da haben wir viele wiederholte Halb­wahrheiten fest­gestellt. Insgesamt lässt sich sagen: In der Hauptsache funktionierten emotions­geladene und polarisierende Themen. Persönlichen Angriffen wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt als inhaltlichen.

Transparent und oft gelobt, Faktencheck und Bilder-Analyse – sieht so die Wahlkampf-Berichterstattung der Zukunft aus?
Transparent und oft gelobt, Faktencheck und Bilder-Analyse – sieht so die Wahlkampf-Berichterstattung der Zukunft aus? © Tagesspiegel

Emojis spielen im Netz eine Rolle: Die AfD und Armin Laschet verwendeten am häufigsten die Deutsch­land­fahne, Annalena Baerbock benutzte das grüne Herz, Olaf Scholz und Christian Lindner setzten beide auf den Muskel-Bizeps sowie die Rakete. Damit ist alles gesagt?

Lehmann: Die Emoji-Analyse war ursprünglich eher als Gag gedacht. Trotzdem waren die Ergebnisse letztlich sehr interessant. Denn man konnte daran ablesen, wie aggressiv der Wahlkampf betrieben wurde. Es gab absolut über­durch­schnittlich viele negative Reaktionen der Menschen, die sich auf sozialen Netzwerken beteiligten. Bei den Posts Dritter „über die Kandidierenden“ überwogen das hämische Humor-Emoji, der lachende Kack­haufen, das Kotz-Emoji und der Clown. Viel tiefer kann das Niveau am Stamm­tisch auch nicht absinken.

Hand hält Karte mit Aufschrift "VOTE"
Der Kampf um die Wählerstimmen wird im Netz oft aggressiv ausgetragen. © stocksy

Was hat Sie noch überrascht?

Böswald: Es hatte sich vorab zwar schon abgezeichnet, dass es viele Angriffe auf weibliche Kandidatinnen geben wird, allein aufgrund ihrer Geschlechts­identität. Es ist leider alles andere als ungewöhnlich, dass Frauen stark von toxischen Inhalten im Netz betroffen sind. Aber in Daten und Zahlen zu sehen, wie negativ der Diskurs von­statten­geht und dass so viele Hass­kommentare online dominieren, damit habe ich nicht gerechnet.

Lehmann: Dass inzwischen ein ganzer Schwarm rechter User*innen anscheinend koordinierte Angriffe fährt, war für mich auch neu. Aber um auch mal was Positives zu vermelden: In den regionalen Analysen der einzelnen Wahlkreise haben wir gesehen, dass es sich je nach Wahlkreis stark unterschied, welche Partei am meisten postete. So soll Demokratie ja sein, auch lokal pluralistisch. Erstaunlich war auch, wie groß die Masse an Inhalten der Kleinst­parteien war. Sie machten zeitweise fast 50 Prozent der Inhalte aus.

Wird Social-Media-Monitoring die Wahl­kampf­bericht­erstattung der Zukunft sein?

Lehmann: Solche Analysen wären noch stärker, wenn man sie dauerhaft betreiben könnte. Die Kombination von daten­getriebenem Journalismus und einer Organisation, die sich transparent und mit weiteren Methoden für die Demokratie einsetzt, ist eine viel­versprechende Kooperation. Auch die zwei Geschwindigkeiten der Bericht­erstattung sind produktiv: erstens die Kommunikation in Echtzeit und zweitens die noch technischere Analyse für Policy Experts. Wir hatten viel positives Feedback: Aus Wahl­kampf­zentralen hörten wir, dass unsere Analysen genutzt wurden, aber auch von anderen Medien und sehr vielen User*innen. Im Nachklapp wurden wir von einem Schul­buch­verlag angesprochen, der die Ergebnisse für den Unterricht zur politischen Bildung einsetzen wollte.

Wie fällt Ihr Fazit aus? Haben soziale Medien die Macht, einen Wahlkampf zu drehen?

Lehmann: Viele Menschen wünschen sich eine einfache Erklärung dafür, dass die Stimmung in vielen digitalen Räumen immer aggressiver wird. Ich möchte davon abraten, mechanistische Schluss­folgerungen zu ziehen, als ob das Digitale das Analoge von oben oder unten beeinflussen würde. Der englische Humanist Nigel Thrift hat oft von zusätzlichen digitalen Schichten gesprochen, die mit unserem physischen Alltag verwoben sind. Aber da wird nichts übergestülpt, es ist eins. Hinter jedem Post sitzt meist ein Mensch.

Böswald: In unserem Verhältniswahlrecht ist das Ergebnis allein durch Social-Media-Kampagnen schwer so zu beeinflussen wie in den Mehr­heits­wahl­systemen von Groß­britannien oder den USA. Trotzdem haben soziale Medien viel Einfluss. Das hat auch der #laschetlacht-Hash­tag­trend gezeigt. Die Macht der sozialen Medien besteht eher darin, die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, zu bestimmen. Wenn wir viel mit Hassreden konfrontiert sind, mit toxischen Narrativen, dann kann das natürlich auch den Diskurs unter­graben, dass man sich vielleicht nicht mehr zu Wort melden möchte. Habe ich als weibliche Userin noch Lust, mich im Netz zu äußern, wenn ich sehe, wie die weibliche Kandidatin diskreditiert wird? Ich glaube, es ist die größte Gefahr, dass das Digitale die Diskurs­dynamik ändert.

Social-Media-Monitoring im Kontext der Bundes­tags­wahl 2021

Wahlen sind angewiesen auf den Zugang zu verlässlichen und viel­fältigen Informationen. Democracy Reporting Inter­national (DRI) hat dafür gemeinsam mit dem „Tagesspiegel“ eine Echt­zeit­analyse des Social-Media-Wahl­kampfs zur Bundes­tags­wahl 2021 entwickelt. Mithilfe automatischer Daten­ab­fragen beobachteten und analysierten sie den Online-Wahl­kampf.
interaktiv.tagesspiegel.de/lab/social-media-dashboard-bundestagswahl-2021/