Begegnungen jenseits der eigenen Blase

Zoo
Autorin: Carola Hoffmeister 26.10.2021

Welche Alltagsorte besuchen Menschen regelmäßig? Wo treffen sie sich? Und wie kann man an den verschiedenen Orten auch diejenigen Menschen erreichen, die nicht so gut in die Gesellschaft eingebunden sind? Die Soziologin Sarah Wohlfeld weiß Antworten und nimmt uns mit auf einen Spazier­gang zu All­tags­orten des Austausches.

Deutschland ist ein Mosaik. Ein Mosaik aus divergierenden Meinungen, aber auch aus Möglichkeiten. Das zeigt ein Blick in die sozialen Netzwerke, in denen Nutzer*innen sich nicht nur informieren und austauschen, sondern in denen auch Fake News und Verschwörungs­mythen kursieren und Hater*innen agieren. Social Media hat dadurch ein enormes Spaltungs­potenzial. Doch es gibt auch einen Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält: Alltagsorte, an denen Menschen aus völlig verschiedenen Lebens­welten analog auf­einander­treffen, sich begegnen. Solche mitunter unscheinbaren Orte sind eine große Chance für die Zivil­gesellschaft, sagt die Soziologin Sarah Wohlfeld von der Initiative More in Common.

Sarah Wohlfeld
© privat

Sarah Wohlfeld
ist Soziologin und verantwortet Studien und Projekte bei More in Common.

Frau Wohlfeld, vielleicht nehmen Sie uns einmal mit auf einen imaginären Rundgang, der uns an verschiedene Orte führt, an denen Menschen mit ganz unterschiedlichen Wert­vorstellungen einander begegnen – jenseits ihrer eigenen Filterblase? Wir starten im Restaurant, wo ja fast jede*r gelegentlich ist.

Sarah Wohlfeld: Ja, 69 Prozent der von uns im Rahmen der Studie „Begegnung und Zusammenhalt“ befragten 2.000 Menschen gehen mindestens einmal im Monat in eine Gaststätte oder einen Biergarten. Um das besser einordnen zu können, muss man wissen, dass wir mit der Studie „Die andere deutsche Teilung“ 2019 sechs Typen von Menschen beschrieben hatten: die Etablierten, die Involvierten, die Offenen, die Wütenden sowie die Enttäuschten und die Pragmatischen. Wir wurden von Akteur*innen aus der Zivil­gesellschaft anschließend häufig gefragt, wo sich vor allem die Enttäuschten und die Pragmatischen in der Stadt erreichen lassen. Denn diese Enttäuschten und Pragmatischen, die wir auch als „unsichtbares Drittel“ bezeichnen, gelten als am schlechtesten in die Gemeinschaft eingebunden, und bei ihnen schlummert das größte Nichtwähler*innen-Potenzial. Natürlich möchte man sie mit ins Boot holen und erreichen. Am Anfang der neuen Studie dachten wir dann auch, dass wir zum Beispiel sagen könnten: „Die Enttäuschten halten sich gerne in der Schreber­garten­kolonie auf, die Pragmatischen hingegen im Einkaufs­zentrum. Dort könnt ihr sie erreichen!“

Aber das funktioniert nicht?

Wohlfeld: Wir haben nur ganz leichte Nuancen gefunden – beispiels­weise, dass die Wütenden recht häufig im Baumarkt anzutreffen sind, die Etablierten in der Konditorei und die Offenen in der Buch­handlung. Mehr als leichte Ausprägungen sind das aber nicht. Und so gesehen ist das eine gute Nachricht!

Welche Gesellschaftstypen gibt es?

Den Etablierten und den Involvierten ist gemeinsam, dass sie bestens in die Gesellschaft eingebunden und in aller Regel sehr zufrieden mit der Demokratie sind. Die Offenen und Wütenden bilden gesellschaftliche Pole. Für die Offenen ist Selbst­entfaltung wichtig, sie blicken optimistisch auf ihr Leben. Die Wütenden sind das Gegen­teil, und ihren Unmut äußern sie laut. Die Enttäuschten und die Pragmatischen stellen hingegen die sogenannten „Unsichtbaren“ dar. Zu ihnen gehören Menschen, die sich unfair behandelt fühlen, oder solche, die sich hauptsächlich auf ihren persönlichen Erfolg konzentrieren.

Zu welchem Typ gehören Sie? Hier geht es zum Quiz.

Balkendiagramm
© More in Common

Warum?

Wohlfeld: Weil wir sehen, dass sich der Alltag der Menschen mit unterschiedlichen Wert­vorstellungen gar nicht so stark voneinander unterscheidet: Durch die Bank gehen alle in den Supermarkt und in die Drogerie, sie nutzen öffentliche Verkehrs­mittel, und manchmal sind sie im Kino, im Theater oder im Museum. Dadurch begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Über­zeugungen an unter­schiedlichen Orten. Wir müssen uns also weniger fragen, wo wir die Enttäuschten, die Pragmatischen oder die Wütenden finden, sondern vielmehr, wie wir sie adressieren können. Hierbei gibt es die größten Unterschiede.

Inwiefern?

Wohlfeld: Wir wollten unter anderem wissen, wie wohl sich die Menschen in Gesellschaft fühlen. Die Hälfte der von uns Befragten sagte, sie fühle sich wohl und sicher, die andere Hälfte nicht. Und gerade die Enttäuschten und die Pragmatischen sind ungerne unter neuen Menschen. Klar: Enttäuschte erleben sich als weniger gesehen und wert­geschätzt, dadurch sind sie unter anderem eher unsicher. Und die Pragmatischen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich wenig für Politik und gesellschaftliche Vorgänge interessieren, sie sind statt­dessen sehr stark an ihrem privaten Voran­kommen orientiert. Wenn die Zivilgesellschaft nun versucht, die Enttäuschten und die Pragmatischen mit Formaten anzusprechen, die explizit auf Begegnung abzielen – und das sind die gängigen Formate –, wird es vermutlich nicht klappen. Denn sie haben ja gar kein Interesse daran. Sie verfügen über wenig Sozial­vertrauen und diskutieren ungerne.

Stadtrundgang
An welchen Alltagsorten treffen sich unterschiedliche Typen regelmäßig? Dieses Wimmelbild veranschaulicht die Ergebnisse der Studie „Begegnung und Zusammenhalt“ der Initiative More in Common.
Klicken Sie hier für eine eine hochaufgelöste Version der Karte.
© More in Common

Aber im Restaurant, der ersten Station unseres kleinen Rund­gangs, lassen sich die Enttäuschten und die Pragmatischen mit anderen Formaten erreichen?

Wohlfeld: Ja. Wir sehen über die Gruppierungen hinweg, dass sich alle gerne über Essen und Trinken unterhalten und viele Kochen als Hobby angeben. Insofern haben Restaurants und andere Orte, an denen diese Themen im Vordergrund stehen, viel Potenzial, um alle Menschen zu erreichen: die Etablierten, die Involvierten, die Offenen, die Wütenden genauso wie die Enttäuschten und die Pragmatischen.

Vor allem in der Corona­zeit fiel auf, wie beliebt Baumärkte sind. Laut Ihrer Studie gehen 49 Prozent der Menschen mindestens einmal im Monat dorthin. Unser nächster Stopp also.

Wohlfeld: Ja, Bau- und Gartencenter sind in unserem Zusammenhang wirklich sehr spannende Orte, weil die Kund*innen ein explizites Interesse dorthin führt, das sie mit anderen teilen. Eventuell, so könnte man sich vorstellen, gibt es dort eine Info­veranstaltung über Rosen, und allein zu merken, dass Menschen jenseits der eigenen Filter­blase ebenfalls Rosen und Gärtnern mögen, kann eine gute Möglichkeit sein, Menschen aus dem „unsichtbaren Drittel“ anzusprechen.

Ab in den Zoo, ein weniger gut besuchter Ort. Etwa 19 Prozent der Menschen gehen einmal im Monat dorthin. Gleich­zeitig ist der Aufenthalt im Tierpark vor allem für viele Familien etwas ganz Besonderes.

Wohlfeld: Ja. Das vielleicht Ungewöhnliche am Zoo ist, dass dort Menschen aus der ganzen Stadt zusammen­kommen. Sie verlassen sozusagen die eigene Filter­blase, in der sie sich sonst für gewöhnlich aufhalten, und nehmen sich Zeit für eine Freizeit­aktivität. Durch den Faktor Zeit sind sie vermutlich auch offener für Begegnungen als im Drogerie­markt, wo sie nur schnell etwas erledigen.

Begegnung und Zusammenhalt
Alltagsorte des Austausches

Die Studie „Begegnung und Zusammenhalt“ von More in Common untersucht, an welchen Alltags­orten Menschen mit verschiedenen Hinter­gründen, Werten und Über­zeugungen aufeinander­treffen und wie sie dort für zivil­gesellschaftliche Ansprache empfänglich sind. Besonderes Augenmerk liegt auf den sogenannten „Unsichtbaren“, also auf Menschen, die schlecht für die gesellschafts­politische Arbeit erreichbar sind.

Nächster Stopp: Der Besuch in Drogerie- und Supermärkten gehört für viele zum Alltag. 76 Prozent der von Ihnen Befragten sind einmal im Monat in der Drogerie, 88 Prozent mindestens einmal im Monat im Supermarkt. Eignen sich diese Orte zum Erreichen der Enttäuschten und der Pragmatischen eher weniger, weil alle dort eher unter Zeitdruck stehen?

Wohlfeld: Einerseits stimmt es, dass die meisten Kund*innen im Supermarkt wenig Zeit haben. Andererseits wissen wir, dass die Enttäuschten und die Pragmatischen ohnehin nicht so stark auf explizite Begegnungs­formate ansprechen. Und der Einzel­handel bietet eine sehr große Fläche für Kampagnen und Interventionen. Es gab beispiels­weise mal eine Maßnahme, bei der Kassen­zettel mit einer Botschaft gegen häusliche Gewalt bedruckt waren. Außerdem gilt es beim Einzel­handel sehr genau zu differenzieren, denn je nach Filterblase ist Supermarkt nicht gleich Supermarkt. Der Lebens­mittel­laden im Berliner Stadt­teil Prenzlauer Berg ist etwas komplett anderes als ein Discounter im Gewerbe­gebiet. Hier müssten passgenaue Angebote auf die Zielgruppe zugeschnitten werden.

Machen wir uns auf in die Bibliotheken. Das sind ebenfalls Orte, an die es Menschen nicht allzu oft verschlägt. Welche Rolle sprechen Sie Bibliotheken zu?

Wohlfeld: Besonders ist, dass die Betreiber*innen Bibliotheken bewusst gestalten. Sie machen sich viele Gedanken über ihre gesellschafts­politische Rolle und über Angebote, die sich mit ihnen verknüpfen lassen. Man findet dort also Partner*innen, die mit dem Thema, wie sie aktiv die Zivil­gesellschaft ansprechen, sehr vertraut sind. Und das hat ein ganz enormes Potenzial für Begegnungs­formate, Kampagnen oder andere Interventionen.

Funktionieren Bibliotheken dadurch so ähnlich wie unsere letzten Stationen Museum und Theater?

Wohlfeld: Einerseits schon. Andererseits richten sich Bibliotheken, vor allem Stadt­teil­bibliotheken oder Bibliotheks­busse, häufig an Familien, und sie verfügen über ein spezielles Angebot für Kinder. Die Schwelle, einen solchen Ort aufzusuchen, ist für viele sicherlich niedriger als der Besuch eines Museums oder Theaters. Und es gilt ja gerade Orte auszukundschaften, in denen möglichst viele Menschen auf­einander­treffen. Hier sind Bibliotheken, Supermärkte, Drogerien, Bau- und Garten­center sowie Restaurants sicher ein guter Anfangspunkt.

More in Common

Die Initiative More in Common hat sich dem Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt verpflichtet. In unterschiedlichen Studien, darunter in Deutschland, den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien geht es den Forschenden darum herauszufinden, was wir gemeinsam haben, und dieses Wissen zu teilen.
www.moreincommon.de