„Ich wollte einen kompletten Neustart“

Autorin: Cornelia Heim Fotos: Valeriano di Domenico 30.03.2021

Lasse Oswald war 17, als er für einen einjährigen Schulaustausch nach Peking aufbrach. Wie ist es ihm in China ergangen? Was hat die Erfahrung aus ihm gemacht?

Mit 15 hob Lasse Oswald zum ersten Mal in Richtung Peking ab. Anlass war ein kurzer Sommer-Austausch. Seine Mutter hatte eine Annonce entdeckt und ihn auf die Idee gebracht: „Schau mal, wäre das nicht was für dich?“ China? Boah, ganz schön exotisch, weit weg, und das nicht nur räumlich, würde manch ein Teenager denken. Die überwiegende Mehrheit der Aus­tausch­schüler*innen zieht es in die USA oder nach Australien, auch Neuseeland ist begehrt. Aber Asien? Ein konkretes Bild hatte der damalige Elftklässler nicht vor Augen. Vielleicht war er einfach ein bisschen angefixt, denn sein bester Schulfreund stammte aus Japan. Doch vor allem war er neugierig. Angst vor der unbekannten Kultur, der Sprachbarriere? Fehlanzeige. Die Verheißung von Abenteuer schien ihn eher besonders zu reizen.

Sprache lernen durch Nach­sprechen

„Faszinierend“ fand er seinen Kurztrip ins Reich der Mitte, obgleich bisweilen „auch ganz schön absurd“. Er erinnert sich, wie er mit seinem Gastvater – der weder des Deutschen noch des Englischen mächtig war – am Esstisch saß und jener erst wild erzählte und sich dann darauf beschränkte, auf banale Alltags­gegen­stände zu deuten und diese zu benennen. Lasses Part der Unter­haltung bestand im Nachsprechen auf Chinesisch: Tisch, Teller, Wasser. „Das hatte ein sehr niedriges Niveau“, schmunzelt er heute, „aber wir hatten unseren Spaß.“

Doch das war nur der Auftakt. Lasse flog zurück, machte sein Abitur und reiste zwei Jahre später als 17-Jähriger zum zweiten Mal nach China. Wieder nach Peking. Wieder zu seiner Gastfamilie. Diesmal sollte er ganze zehn Monate dort verweilen. „MercatorGo!“, so heißt das Programm der Stiftung Mercator, das wunderbar für seine Belange passte: „Ich war noch minder­jährig, wollte aber unbedingt ins Ausland.“ Behütet sei er in Hamburg aufgewachsen, berichtet er. Es sei an der Zeit gewesen, Grenzen auszuloten für einen „kompletten Neustart“. Dafür drückte er sogar weiter die Schulbank – immerhin hatte er seinen Abschluss längst in der Tasche.

Mit 17 startete Lasse Oswald sein Austauschjahr in China. © Valeriano di Domenico

Der Gastbruder wird zum Freund

Seine Gastfamilie wohnte südwestlich des Stadt­zentrums im 13. von 28 Stockwerken, zum Komplex gehörten zehn solcher Wolken­kratzer. Sein Gastvater arbeitete als Wächter, die Mutter war mit dem Vertrieb einer amerikanischen Kosmetik­marke die Haupt­ernährerin. Beneidet wurde der Hamburger von den anderen Austausch­schüler*innen um seinen Gastbruder Yang Juntao, mit dem er sofort auf einer Wellen­länge lag – ein glücklicher Zufall. Lasses Alltag in Peking war fest getaktet: Morgens radelte er in die Schule, die um 7.20 Uhr startete und um 17 Uhr endete. An seinem ersten Schultag sollte er sich vorstellen. Da er aber noch kein Chinesisch konnte, malte er statt­dessen seinen Namen an die Tafel und erhielt zu seiner Verwunderung tosenden Applaus von den 38 Mit­schüler*innen. Er bekam Sprach­unterricht und lernte Vokabeln – egal, in welchem Unterrichts­fach er saß – oder schrieb Schrift­zeichen für Schriftzeichen in DIN-A4-Hefte, die er später stapelweise mit nach Hause nehmen sollte.

Chinesisch zu lernen hat ihn dazu animiert, sich noch weitere Sprachen anzueignen. © Valeriano di Domenico
In Lausanne, wo er derzeit ein Auslandssemester macht, trainiert er sein Französisch. © Valeriano di Domenico

Lasse spricht heute von Vater, Mutter und Bruder in Peking – gerade so, als handelte es sich um eine erfolg­reiche Adoption. „Das Austausch­jahr in China hat für mich ganz viele positive Aspekte“, befindet der junge Mann, der mittler­weile Jura studiert. „Inklusive der Tatsache, dass ich am Ende der Welt nun noch eine Familie habe, die alles für mich tun würde.“ Wow, das klingt nach einer Liebes­erklärung! In der Tat sind mittler­weile beide Familien eng verbandelt, der Gast­bruder hat auch schon einige Monate in Hamburg verbracht. Enger Kontakt wird über den chinesischen Messenger-Dienst WeChat gehalten. Lasse ist sich bewusst, dass er Glück hatte: „Das kann man niemandem versprechen.“ Aber selbst die Sprache mit den komplizierten Schriftzeichen, den Lauten und vier unterschiedlichen Tönen sei keine unüber­windbare Hürde. Die Grammatik sei viel einfacher als im Deutschen: Das Verb wird zum Beispiel praktischer­weise stets im Infinitiv benutzt. Nach etwa vier Monaten habe er registriert: „Oh, ich habe mich gerade ohne Anstrengung unterhalten.“

Jenseits der Vorstellungs­kraft

Die ersten zwei, drei Monate seien ohnehin verflogen wie nichts. Schon beim Aufstehen freute er sich darauf, dass wieder etwas passieren würde, was außerhalb seiner bisherigen Vorstellungs­kraft lag. Alles aufregend, alles anders. Die U-Bahn! Die Menschen­massen! Und selbst in einem Super­markt fühlte er sich wie auf einem anderen Stern: Produkte, Verpackungen, Schrift­zeichen. Namen, die einem nichts sagen, denn im deutschen Gemüse­garten gedeiht gar kein Äquivalent. Katze und Hund seien aber nicht auf den Tisch gekommen. Hühnerfüße ja, auch Enten­zunge oder Schweins­ohren. Aber das chinesische Essen werde mit ungeheuer vielen Zutaten serviert, jeder bediene sich, und geschmeckt habe es ausgesprochen lecker.

Was er aus dem Auslandsjahr mitgenommen hat? Reife, sagt Lasse Oswald. © Valeriano di Domenico
Über den chinesischen Messengerdienst WeChat hält Lasse Oswald engen Kontakt zu seiner Gastfamilie. © Valeriano di Domenico

Was war negativ? Kurze Denkpause. „Ja klar, die Luftqualität.“ Eine FFP2-Maske musste Lasse in Peking oft tragen, und dass Fußball­spielen in der Schule aus gesundheitlichen Gründen verboten werden muss, ist ihm auch unbekannt gewesen. „Wie krass“, kommentiert er im Nachhinein. Auch das Verabreden habe sich schwierig gestaltet. Die chinesischen Mitschüler*innen waren diszipliniert und standen unter hohem Druck – auch am Samstag und Sonntag wurde eisern gebüffelt. So verbrachte er seine Freizeit oft mit der Clique der Aus­tausch­schüler*innen: fünf Deutsche, eine Schweizerin und ein Däne. Es sei ganz gut, noch ein paar Gleich­gesinnte in der Nähe zu wissen, denn so ein Jahr bestehe aus vielen Hochs, aber eben auch aus Stimmungs­tiefs. Ob er sich verändert habe? Unglaublich gereift sei er. Unabhängiger, mit viel Zutrauen, dass er schon jede neue Situation irgendwie meistern werde. Auch deshalb habe er sich zum Studium nicht in Hamburg ein­geschrieben, sondern in Göttingen. „Was soll mir jetzt noch passieren?“, fragt er lachend rhetorisch. China habe ihn zudem beflügelt, noch mehr Sprachen zu lernen, jetzt etwa Französisch. Mit inzwischen 20 Jahren befindet sich Lasse Oswald aktuell im Auslands­semester in Lausanne in der Schweiz.

Vom Austausch zum Berufswunsch

Der Abstecher ins Reich der Mitte hat ihn wohl auch indirekt in seinem Berufs­wunsch beeinflusst. Denn er liebt es, kontrovers zu diskutieren. Manche Themen hätte man sich in Peking aber verkneifen müssen – zu viele Überwachungs­kameras überall, ja sogar zwei im Klassen­raum. Auch von den Mitmenschen um ihn herum fühlte er sich manchmal beobachtet. Er habe viel nach­gedacht über Politik, Ungerechtigkeiten, Gesellschafts­systeme. So gesehen folgt sein Studium der Rechts­wissenschaften einer inneren Logik.

MercatorGo!

Im Rahmen des Austauschprogramms „MercatorGo!“ vergibt die Stiftung Mercator Stipendien, die Schüler*innen einen Kurz­aus­tausch oder ein ganzes Schuljahr in China ermöglichen.