Die Stunde der Think Tanks

Autor*innen: Christoph Bertram, Christiane Hoffmann 28.09.2020

In der Außen- und Sicherheitspolitik gelten alte Gewissheiten nicht mehr. Um so wichtiger wird die Arbeit von Think Tanks auf diesem Gebiet. Wie sie Wirkung entfalten können – und was Adressaten und Förderer dazu beitragen sollten.

Der Anspruch an Thinks Tanks in der Außen- und Sicherheitspolitik muss heute davon bestimmt sein, Politik und Interessen Deutschlands und Europas nach dem Wegfall früherer Gewissheiten streitig herauszuarbeiten. Dazu bedarf es des Zusammenwirkens von Instituten, Adressaten in der Politik und Fördereinrichtungen. Dann könnte dies zur Stunde der Think Tanks werden.

Denn die Grundfesten der deutschen Außenpolitik von der transatlantischen Allianz bis zur europäischen Einigung sind ins Wanken geraten, vielfältige Krisen des Multilateralismus und der Demokratie bis hin zu Klimawandel, Migration und Pandemien fordern die deutsche Außenpolitik heraus. Hinzu kommt, dass sich Deutschlands Rolle in Europa und in der Welt seit dem Ende des Kalten Krieges verändert hat, sein Einfluss, aber auch die Erwartungen an Deutschland sind gewachsen. Wie selten zuvor braucht die deutsche Außenpolitik daher, was sie selbst nur schwer leisten kann: Sie muss bisherige Gewissheiten in Frage stellen, ohne Scheuklappen nationale Interessen definieren und ein politisch-strategisches Denken lernen, das in Deutschland bisher keine Tradition hat. Mehr denn je sind daher der Rat und die Kreativität unabhängiger Forschungseinrichtungen gefragt, um die Auswirkungen der internationalen Umbrüche für Deutschland und Europa zu analysieren.

Beeindruckend gewachsen

Unsere Untersuchung „Forschen und Beraten in der Außen- und Sicherheitspolitik – eine Analyse der deutschen Think-Tank-Landschaft“ zeigt, dass die deutsche Think-Tank-Landschaft seit der Jahrtausendwende beeindruckend gewachsen, zudem vielfältiger und internationaler geworden ist. Berlin muss sich in dieser Hinsicht nicht vor anderen Hauptstädten verstecken, wie der Vergleich mit der Szene in Washington, London und Brüssel deutlich macht. Zur Vielfalt trägt auch der Zuzug transnationaler Forschungsinstitute nach Berlin in den letzten Jahren bei. Die meisten Institute zielen darauf ab, durch ihre Produkte auf Exekutive und Parlament, die außenpolitische Fach-Community und die Medien einzuwirken.

Forschen und Beraten in der Außen- und Sicherheitspolitik

Eine Analyse der deutschen Think-Tank-Landschaft, die die Robert Bosch Stiftung und wir in Auftrag gegeben haben.

Seit der Jahrtausendwende hat die Zahl der Forschungseinrichtungen in Deutschland, die auf verschiedene Weise das Nachdenken über die außen- und sicherheitspolitischen Interessen und Optionen der Bundesrepublik anstoßen wollen, erheblich zugenommen. Eine Übersicht und Empfehlungen für die Arbeit der Think Tanks, ihrer Adressat*innen und Fördernden: Die Studie finden Sie hier.

Ein Interview mit Christoph Bertram und Christiane Hoffmann zu der Studie finden Sie auf der Seite der Robert Bosch Stiftung.

Regierung und Parlament in Deutschland wollen nicht auf die deutschen Think Tanks verzichten. Obwohl ihre Wirkung nicht exakt messbar ist – wir haben bestenfalls sehr indirekte Anhaltspunkte gefunden, dass  bestimmte Think-Tank-Empfehlungen in politische Entscheidungen mündeten – werden ihre Produkte von der deutschen Politik nachgefragt, wenn auch oft ungeduldig kritisch.

Die Ausgangslage ist also gut. Trotzdem haben die Gespräche, die im Rahmen der Studie mit 50 Vertretern von Think Tanks, Politikern der Exekutive und Legislative sowie einigen Förderern geführt wurden, gezeigt, dass die Think Tanks ihre Stunde verpassen könnten, wenn sie sich nicht mutig genug auf die veränderten Realitäten einstellen. Sie werden die neuen Aufgaben allerdings nicht alleine meistern können, sie brauchen dazu die Mitwirkung ihrer Adressaten und Förderer.  An alle drei, wenn auch in erster Linie an die Think Tanks, richten sich deshalb die Empfehlungen der Studie.

Querdenker einbeziehen

Think Tanks müssen lernen, sich gezielt den Herausforderungen der Umbruchzeit zu stellen und der strategischen Positionierung Deutschlands in Europa und der Welt Priorität einzuräumen. Nötig ist zudem eine größere Offenheit für ungewöhnliche Ansätze und die Bereitschaft zu kontroversen Positionen abseits des Mainstreams von Politik und Wissenschaft, um die verbreitete thematische Gleichförmigkeit zu überwinden. Dazu sollten Think Tanks bewusst Querdenker einbeziehen. Ein verstärkter personeller Austausch mit der Politik, aber auch mit Wirtschaft und Medien und die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern können dazu beitragen.

Think Tanks stellen sich oft zu wenig und zu langsam auf die tatsächlichen Bedürfnisse ihrer Adressaten in der Politik ein. Sie dürfen sich zwar von den Sachzwängen der Politik nicht eingrenzen lassen, müssen aber bewusst deren tatsächlichen Bedarf erfragen und ansprechen. Bei der Nutzung sozialer Medien sind deutsche Think Tanks oft zu wenig präsent und zu wenig kreativ; hier dürfen sie gegenüber der internationalen Konkurrenz nicht länger zurückstehen.

Think Tanks stellen sich oft zu wenig und zu langsam auf die tatsächlichen Bedürfnisse ihrer Adressaten ein.

Die Adressaten in Exekutive und Politik müssen das Ihre zum Erfolg der Think Tanks beitragen, indem sie deren Potential besser nutzen. Bisher versäumen sie es oft, ihren Bedarf und ihre Kritik ausreichend zu kommunizieren; allzu oft beklagten Interviewpartner uns und nicht den Think Tanks gegenüber die mangelnde Qualität mancher Angebote. Und Think Tanks brauchen die Unterstützung der Exekutive, um den Personalaustausch zwischen beiden voranzubringen.

Stärkeres Förder-Engagement

Auch den Fördereinrichtungen – privaten Stiftungen und öffentlichen Geldgebern – empfiehlt die Studie eine Überprüfung ihrer bisherigen Ansätze. Ohne ihre bisherigen Förderschwerpunkte aufzugeben, sollten sie vorrangig Institute mit der Ausrichtung auf die strategischen Herausforderungen Deutschlands unterstützen und auch vor den harten Themen der Sicherheitspolitik nicht zurückschrecken.

Förderer unterschätzen leicht ihr Anregungspotential, verengen ihre Zuwendungen auf vertraute und unkontroverse Themen und tragen so dazu bei, dass institutionelle Behäbigkeit in den Think Tanks begünstigt wird und blinde Flecken entstehen. Sie sollten sich stärker als Anreger und als Begleiter der von ihnen unterstützten Projekte einbringen. Nicht zuletzt sollten sie eine Personalentwicklung ermöglichen, die es Think Tanks erlaubt, ihre Mitarbeitenden neben der Wissenschaft breiter aus Politik, Wirtschaft und Medien zu rekrutieren.

So, mit vereinten Kräften, wenn Institute, Adressaten und Fördereinrichtungen enger zusammenarbeiten, kann es gelingen, die Think Tanks in Deutschland zu wirksamen Helfern bei der Überprüfung deutscher Interessen und Lösungen in der Außen- und Sicherheitspolitik zu machen. Dann können sie dieser „Stunde der Think Tanks“ gerecht werden.