Gemeinsam aus der Vergangenheit lernen

Autor: Marcel Krause 08.05.2020

Zum 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Streitkräfte und dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai erklärt AFS-Vorstand Marcel Krause, warum Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrennbar miteinander verknüpft sind und interkultureller Austausch gerade jetzt besonders wichtig ist.

Vor knapp einem Monat wäre ich eigentlich zum 75. Gedenktag der KZ-Befreiung in Bergen-Belsen gewesen. Mehr als 52.000 Menschen kamen in dem Konzentrationslager ums Leben, bis die Briten es 1945 befreiten. Kurz nach ihrer Ankunft riefen sie den American Field Service (AFS) zur Hilfe: 69 Sanitätswagenfahrer kamen aus verschiedenen Teilen Europas, dem Nahen Osten und sogar aus Teilen Indiens. Sie haben sich auf den Weg nach Deutschland gemacht als Freiwillige, die den Schmerz der Verwundeten der Schlachtfelder lindern wollten, Menschen, die viel Elend gesehen hatten. Als sie nach Bergen-Belsen kamen, war das, was sie vor Ort sahen, für viele von ihnen ein Schock.

Während der 8. Mai als Tag der Befreiung in den Ländern der Alliierten mitunter zum Feiern Anlass gibt, ist er für uns hier in Deutschland mehr ein stiller Tag des Gedenkens an die Opfer des Krieges, der Vertreibung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als Vorstand von AFS Deutschland möchte ich den Anlass nutzen, um an die Wurzeln unserer Austauschorganisation erinnern und zu erklären, warum es gerade heute wichtiger ist denn je, sich für eine gerechtere und friedvollere Welt einzusetzen.

Die Opfer von Holocaust und Krieg drängen uns, unsere Mission auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen.

Im Einsatz für den Frieden

1948 – drei Jahre nach Kriegsende – schlug AFS eine erste Brücke für deutsche Jugendliche in die USA und begann mit seinen Austauschprogrammen. Ausgangspunkt waren die Sanitätswagenfahrer des American Field Service (AFS), die schon auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges im Einsatz waren. Diese Erinnerung mahnt uns auch für die Zukunft. Die Opfer von Holocaust und Krieg drängen uns ebenso, unsere Mission auch unter den schwierigen Bedingungen fortzuführen, mit denen wir gerade konfrontiert sind. Seit über 70 Jahren helfen wir jungen Menschen, ihren Horizont zu erweitern und in Kontakt mit anderen Kulturen zu treten. Wir fördern so Toleranz, Gemeinschaft und letztlich Frieden.

Auch heute, in diesen besonderen Zeiten der Pandemie, hören wir wieder Kriegsmetaphern. Grenzen, die seit Jahren selbstverständlich offen waren, werden wieder geschlossen. Politische Kommentatoren fragen sich mit Blick auf die Welt, wer die Krise besser im Griff hat: China, die USA, Europa? Aber kommt es darauf wirklich an?

Der Pandemie sind nationale Grenzen egal. Und noch viel mehr: Wenn wir die Pandemie sinnvoll in den Griff bekommen wollen, müssen wir eine gemeinsame Lösung finden, anstatt uns weiter abzuschotten und wieder in alte Nationalismen zu verfallen.

 

 

Der Austausch steht nie still

Auch wenn es zunächst abwegig klingen mag – gerade jetzt in Zeiten des notwendigen körperlichen Abstands und des Social Distancing – wird unsere Arbeit wichtiger denn je. Ich bin mir sicher, dass nach Zeiten von Isolation und Grenzschließungen der Austausch und die Brücken, die wir bauen, umso wichtiger sein werden. Sie werden sich jetzt sicher fragen, wie interkultureller Austausch stattfinden kann, wenn die Grenzen geschlossen sind.

Interkulturelle Begegnungen auch ohne persönlichen Kontakt: mit digitalen Medien © Getty Images

Meine Antwort darauf: Austausch steht nie still, es verändern sich aber die Orte, an denen er stattfindet und die Kanäle, auf denen er passiert. So begegnen wir bei AFS Grenzschließungen und Kontaktsperren sofort und erst einmal mit virtuellen Treffen, bleiben mehr denn je international vernetzt und haben im ersten Schritt auch unser Bildungsprogramm in den digitalen Raum verschoben. Das Bedürfnis zum Austausch und die Akzeptanz neuer Formate ist groß – gerade bei den jungen Menschen, die sich jetzt wünschen aus ihrem isolierten Alltag auszubrechen und nach einer interkulturellen Erfahrung streben. Das Engagement unserer knapp 3.000 ehrenamtlich Mitarbeitenden in Deutschland sowie unserer hauptamtlich Mitarbeitenden, die unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer, deren Eltern und unsere Gastfamilien betreuen, ist gerade in Zeiten der Krise ungebrochen. Es wurde erneut deutlich, dass unser größtes Kapital das Netzwerk von Menschen ist. Menschen,die auf verschiedenen Ebenen zusammenarbeiten, um unsere Welt friedvoller und gerechter für zukünftige Generationen zu gestalten.Als eine der größten Jugendaustauschorganisationen in Deutschland haben wir die Aufgabe, unserem Auftrag nachzukommen, Brücken zu bauen und Menschen miteinander zu verbinden – sei es mit einer Reise in ein anderes Land, oder auf digitalem Wege. Auch wenn uns Ozeane, Sprachen oder Traditionen trennen: Es gibt immer mehr, das uns verbindet als uns trennt. Wie heißt es derzeit so schön: We’re all in this together!

AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.

Als Mittler zwischen den Kulturen fördert der Verein AFS Dialog, Toleranz und gegenseitiges Verständnis.

https://www.afs.de/