Theater ums Spazieren­gehen

Menschengruppe wandert
Autorin: Susanne Kilimann Fotos: Mattia Ozbot 14.09.2021

Bewegungsarmut und Einsamkeit schaden der Gesundheit. Vor allem ältere Menschen sitzen zu viel und haben zu wenig soziale Kontakte. Corona hat die Situation verschärft – besonders im von der Pandemie gebeutelten Norditalien. Dort hilft das kreative Projekt CareStories Senior*innen mittels Spazier­gängen zurück in ein bewegtes Leben.

Ständiges Sitzen macht krank. Gehen tut gut. „Den Zusammen­hang von Bewegung und Gesundheit auf der einen sowie vielem Sitzen und diversen Krankheiten auf der anderen Seite hat die Wissenschaft hinreichend belegt“, sagt der Arzt Claudio Tortone. Der 57-jährige Italiener arbeitet für das „Dors“ – das Doku­mentations­zentrum zur Förderung der Gesundheit in seiner Heimat­region Piemont. In Zusammen­arbeit mit der lokalen Gesund­heits­agentur A.S.L. (Azienda Sanitaria Locale) erheben Tortone und seine Kolleg*innen Daten zum Gesund­heits­zustand der Menschen in der Metropol­region Turin im Norden Italiens. Anhand ihrer Erkenntnisse schieben sie Kampagnen und Projekte an, die Problemen entgegen­wirken sollen.

Wer zentral wohnt, lebt länger

Vor ein paar Jahren sahen die Gesundheits­expert*innen vor allem in den Rand­gebieten der Metropole Handlungs­bedarf. Die erhobenen Daten zeigten: Menschen dort haben eine deutlich geringere Lebens­erwartung als jene in der Stadt. Tortone gibt ein Beispiel: „Ein heute 50-jähriger Mann, der in zentraler Lage in Turin lebt, wird im Durch­schnitt drei­einhalb Jahre länger leben als eine gleich­altrige Person in der Peripherie. Das ist ein eklatanter Unterschied!“ Mit jeder Metro­halte­stelle jenseits der Stadt­grenze verkürze sich die Lebens­erwartung um ein halbes Jahr, fügt Tortone hinzu.

Die Erklärungen dafür sind viel­schichtig; Bildung und Lebens­stil spielen eine wichtige Rolle. In den Rand­gebieten der Metropol­region wohnt ein Großteil jener Menschen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren aus Süditalien in den Norden kamen, um bei Fiat oder anderen Industrie­unternehmen zu arbeiten. „Vielen von ihnen fehlt schlicht­weg das Wissen, was gesunde Ernährung ist und was man auch als Senior*in tun kann, um gesund oder zumindest weniger krank zu sein“, erklärt Tortone.

Arzt Claudio Tortone
Analysieren und aufklären: Der Mediziner Claudio Tortone will die Gesundheit der Menschen fördern. © Mattia Ozbot

Wie gehe ich richtig, wie sollte mein Rucksack sitzen?

Alarmiert durch die Daten des Dors hat der lokale Gesund­heits­dienst A.S.L. in Giaveno, einer Gemeinde mit 16.000 Einwohner*innen in der Metropolitan­stadt Turin, 2016 das „Spazier­gänger*innen“-Projekt auf den Weg gebracht. Mehrmals pro Woche lud die Gemeinde zu geführten Mini-Ausflügen ein. Eine bis zwei­einhalb Stunden dauerten die Spazier­gänge durch die Natur. Die Begleiter*innen vom Gesundheits­dienst zeigten den Spazierenden, wie man „richtig“ geht, welche Schuhe geeignet sind, wie man seinen kleinen Rucksack rücken­schonend trägt. „Nach einer Anlauf­phase hat das Projekt durch Mund-zu-Mund-Propaganda einen regel­rechten Boom erlebt“, sagt Alessandra Maritano von der Gemeinde­verwaltung in Giaveno. „2019 hatten wir mehr als 90 regelmäßig Teilnehmende. Endfünfziger*innen, etliche aus der Altersgruppe 65 plus, Frauen und Männer im Alter zwischen 70 und 80 Jahren und noch ältere waren dabei.“

Alessandra Maritano
Alessandra Maritano begleitet in der Gemeinde Giaveno das beliebte Cammini-Projekt. © Mattia Ozbot
Wandergruppe
Spazierend Kontakte knüpfen und der Einsamkeit entgegenwirken – bei geführten Ausflügen in die Natur. © Mattia Ozbot

Für viele von ihnen war der wöchentliche Spaziergang die einzige Gelegenheit, außerhalb der Familie Menschen zu treffen und sich aus­zu­tauschen. Insbesondere in den Rand­gebieten der Millionen­stadt leiden die Älteren unter mangelnden sozialen Kontakten, weiß auch Tortone. „Rund 60 Prozent der über 65-Jährigen haben nicht die Möglichkeit, in irgendeinem Kontext regelmäßig mit anderen zu interagieren“, zitiert der Mediziner aus den gesammelten Daten. Einsamkeit wirke sich negativ auf Wohlbefinden und Gesundheit aus. In der Peripherie fehle es jedoch an Einrichtungen und Angeboten, die Abhilfe schaffen. Der Umstand, dass die Bewohner*innen der unter­privilegierten urbanen Rand­zonen ein Leben lang viel geschuftet, aber nie gelernt haben, Kultur­einrichtungen für sich zu nutzen, verstärke das Problem.

Rausgehen und sich unter Leute begeben

Mit Corona kam zunächst das Aus für das Cammini-Projekt. Jetzt, nach eineinhalb von harten Lockdowns und rigorosen Ausgangs­sperren geprägten Jahren, sei der Handlungs­bedarf in Sachen Gesundheits­förderung größer denn je, mahnt der Experte für Gesundheits­daten. In seinem Dokumentations­zentrum kenne man die Hilferufe aus den Arztpraxen nur zu gut. „Neben vielen anderen Krankheiten haben Depressionen, Ängste und suizidale Gedanken stark zugenommen – vor allem bei den ganz Jungen und bei den Älteren“, sagt Tortone. Die der Pandemie geschuldete Isolation habe gerade bei ihnen zu einer regel­rechten Sozial­phobie geführt. Senior*innen, die monate­lang kaum vor die Haustür gekommen sind und die – abgesehen von den Angehörigen, die ihnen Lebens­mittel brachten – keine Kontakte gehabt haben, müssen erst wieder lernen, raus­zu­gehen und sich unter Leute zu begeben.

Gemeinsames Stretching gehört zur aktiven Erholung genauso dazu wie der Spaziergang an sich. © Mattia Ozbot
Auch Bildung steht auf dem Programm: Wie gehe ich richtig, und worauf kommt es bei den Schuhen an? © Mattia Ozbot
Schritt für Schritt aus der Isolation: 2019 nahmen mehr als 90 Senior*innen an den Ausflügen teil. © Mattia Ozbot

Hier kommt CareStories ins Spiel. „Im Rahmen dieses Projekts wird es nicht nur eine Neu­auflage der Spazier­gänge geben“, kündigt Tortone an. „Wir werden das Angebot um eine Dimension erweitern, die das Miteinander noch intensiver macht.“ Dafür hat sich die Gesundheits­agentur A.S.L. einen Partner ins Boot geholt: das Turiner Social and Community Theatre Centre. Theater-Profis und Gesund­heits­expert*innen wollen aus den gemeinsamen Spazier­gängen Kultur­erlebnisse machen. Die European Cultural Foundation fördert dieses Projekt über den dafür eingerichteten Fonds für Kultur der Solidarität.

Alessandra Rossi Ghiglione
Die Dramaturgin Alessandra Rossi Ghiglione wird aus den Spaziergängen Kulturerlebnisse machen. © Mattia Ozbot

Orte zum Sprechen bringen

Wie das aussehen soll, erläutert Alessandra Rossi Ghiglione, Direktorin des Theaters. „Mit den vielfältigen Möglichkeiten, die das Theater bietet, wollen wir Menschen miteinander, aber auch mit ihrer Umgebung in Beziehung bringen“, sagt die 55-jährige Dramaturgin, die sich von Anfang an dem alternativen Theater verschrieben hat – einer Regie, die kein festes Drehbuch kennt, die Schauspieler*innen in die Entwicklung des erzählten Stoffes nicht nur einbezieht, sondern sie zu Mitautor*innen des Bühnen­stücks macht.

Für das CareStories-Projekt wollen Rossi Ghiglione und ihre Mit­streiter*innen Orte „zum Sprechen“ bringen. Derzeit sind die Theater­leute in der Umgebung von Giaveno unter­wegs, um entlang der geplanten Spazier­strecken Geschichten aufzuspüren. „Das können Geschichten von Bauwerken, Plätzen, Wegen, Orten im Wald sein, aber auch Geschichten von Menschen, die in dieser Gegend leben oder früher einmal gelebt haben. Uns interessiert die persönliche Lebens­erfahrung, die sich mit dem Ort verbindet.“ An Erzähl­stoff dürfte es nicht mangeln. Das Umland von Turin war im Zweiten Weltkrieg Rück­zugs­gebiet der Partisan*innen. Auf den Hügeln des Alpen­vor­gebirges und in den „Borghi“, den kleinen, heute teils verlassenen Dörfern, haben sich italienische Wider­ständler*innen und deutsche Wehr­machts­soldaten erbitterte Gefechte geliefert.

In welcher Form die kleinen und großen Geschichten an die Spazierenden weiter­gegeben werden, steht noch nicht fest. Möglicher­weise werden Menschen an den Orten entlang der Cammini die eigenen Lebens- und Familien­geschichten erzählen. Aber auch Schauspieler*innen könnten dort Erzähltes in Szene setzen.

Theater als Kaleidoskop der Perspektiven

Rossi Ghiglione kann sich vieles vorstellen, hat sie doch im Laufe ihres Theaterlebens schon mit verschiedenen Kompanien in unterschiedlichsten Ländern Theater­projekte realisiert. Manchmal im Auftrag von UN-Organisationen, immer unter Einbeziehung unter­schiedlichster Player*innen vor Ort. „Egal, ob wir auf den Hochebenen Äthiopiens, in der Peripherie von Turin, in einem Flüchtlings­camp in Libyen, in einem multi­ethnischen Wohn­viertel Amsterdams oder an anderen Orten der Welt gespielt haben – wir nutzen das Theater, um in einem von Konflikten geprägten Umfeld gemeinsam mit den Menschen, die dort leben, Vorstellungen von einer künftigen Form des Miteinanders zu entwickeln.“ Gelingen könne das nur, wenn sich alle – mit ihren Ängsten, Verletzungen und Bedürfnissen – einbringen, wenn sich Theater nicht als Welt­erklärer oder Sprachrohr der einen Seite versteht, sondern als ein Kaleidoskop der Perspektiven.

Derart motiviertes Theater, da ist sich die Dramaturgin aus Turin sicher, kann auch am Ende des beispiellosen Covid-19-Ausnahme­zustands helfen, Menschen wieder mit­einander in Kontakt zu bringen. „Dennoch ist das CareStories-Projekt etwas vollkommen Neues für uns, weil es Kunst und Gesundheits­prävention zusammen­bringt.“ Mit Interesse verfolgt Rossi Ghiglione das Schaffen ihrer Kolleg*innen in Polen und auf der griechischen Insel Kreta. Auch dort sieht man sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert, auch dort sollen CareStories helfen und den Weg in ein gesundes Leben nach der Pandemie ebnen. Bei aller pragmatischen Ziel­setzung werde auch dieses Mal „etwas Schönes“ entstehen, sagt Rossi Ghiglione. Die Begeisterung für ihre Arbeit ist ihr ins Gesicht geschrieben. „Auch wenn sich Theater mit einer sozialen Problematik auseinander­setzt, ist es doch immer eine Form der Kunst – eine ästhetische Erfahrung, die Freude bringt und die Seele nährt.“

Fonds für Kultur der Solidarität

Die European Cultural Foundation fördert das Projekt CareStories über den dafür eingerichteten Fonds für Kultur der Solidarität, der von der Stiftung Mercator und der Fondazione CRT mitfinanziert wird. Der Fonds unter­stützt kulturelle Initiativen, die innovative, lang­fristige und zukunfts­gerichtete Antworten auf durch die Coronapandemie entstandene Heraus­forderungen geben und dadurch die Solidarität in Europa und das Zusammen­gehörigkeits­gefühl unter Europäer*innen stärken.
https://culturalfoundation.eu/initiatives/culture-of-solidarity-fund