Ich will mehr Nähe!
Ich will mehr Selbst­bestimmung!

Illustration: Großbritannien und die EU auf einem Sofa.
Ich will mehr Nähe!
Ich will mehr Selbst­bestimmung!
Autor: Eric Hegmann Illustrationen: Francesco Ciccolella 28.01.2020

„It’s over!“ Wenn Verlust­angst auf Bindungs­angst trifft und eine Beziehung am Ende ist. Der Hamburger Paar­berater Eric Hegmann setzt Groß­britannien und die EU auf die Couch seiner Praxis für Paar­therapie.

Der Beziehungs­beginn

Vor mir sitzt ein Paar, das sich nicht gerade aus Liebe auf den ersten Blick zusammen­getan hat. Wie ich vielen Rat­suchenden zu verstehen gebe, ist das nicht unbedingt ein Nach­teil. Laut Statistik halten Ehen länger, wenn die Partner*innen sich über einen längeren Zeit­raum kennen­lernen konnten, wie etwa Kolleg*innen am Arbeits­platz. Wer sich bei der ersten Begegnung Hals über Kopf verliebt, lebt in einer weniger stabilen Beziehung. Sosehr Liebe heute einer romantischen Liebes­heirat Sicherheit geben soll, sosehr war sie noch vor wenigen Hundert Jahren verpönt. Sie galt sogar als Sicher­heits­risiko und gefährdete die damals üblichen Vernunft- und Zweck­ehen. Hier liegt wahr­scheinlich auch einer der Grund­konflikte der Ehe zwischen UK und EU, wie er in zahl­reichen zerknirschten Gesprächen, ja gar Verhandlungen durch­schimmerte. Die Partner waren sich nie ganz einig: Führen wir nun eine Liebes- oder eine Vernunft­ehe?

Vor der Eheschließung 1973 verhedderten sich EU und UK in einer langen, turbulenten Kennen­lern­phase. Bereits in den 1960er-Jahren hatte London mit der Europäischen Wirtschafts­gemeinschaft EWG geflirtet. Doch alles Werben konnte die innere Stimme der EWG, Frankreichs Charles de Gaulle, nicht umstimmen: Er ließ die Verlobung zweimal platzen. Zu anders europäisch und zu nah an den USA sei der potenzielle Partner. Erst de Gaulles Rück­tritt 1969 ebnete den Weg für eine neue, vorsichtige Annäherung, die vier Jahre später in einer festen Bindung mündete. Dieses Muster von Werbung und Zurück­weisung – die normale Dynamik eines Flirts – prägte den Rhythmus dessen, was folgte. Ich kann sagen: ein Klassiker in meiner Praxis.

Union Jack und die Flagge Europas miteinander verschlungen.
© Francesco Ciccolella

Der Beziehungs­verlauf

Die Beziehungsdynamik begann spannend – und blieb spannend. Unausgewogen, würden beide Partner wohl einstimmig sagen, würden sie der Auf­arbeitung ihrer Beziehung noch eine reelle Chance geben. Das UK hat nach den frühen schmerz­haften Zurück­weisungen eine Schutz­strategie entwickelt: lieber etwas mehr Distanz halten, denn Nähe macht verletzlich. Die Symptome eines solchen vermeidenden Bindungs­verhaltens zeigen sich zum Beispiel in der Weigerung, den Euro ein­zu­führen, oder darin, Grenz­kontrollen bei­zu­behalten und eine europäische Armee abzulehnen. Das UK legt in der Beziehung ein­deutig mehr Wert auf Autonomie und Selbst­kontrolle als die EU, die sich – im Gegen­teil – nach Verschmelzung sehnt und Grenzen lieber nieder­reißen will. Ganz typisch in einer solchen Dynamik reagierte die EU daher mit einem eher ängstlichen Bindungs­verhalten.

Auch „Alltagsprobleme“ gesellten sich hinzu: Weil London weniger Agrar­subventionen erhielt, musste es von Anfang an weniger ein­zahlen als eigentlich angemessen. Auch musste man sich 2013 nicht dem Fiskalpakt unter­werfen. Der Streit ums Geld ist in vielen Ehen ein kritischer Moment, er über­schattet auch die Beziehung von EU und UK.

Die EU hat immer wieder Zugeständnisse gemacht, um den Partner zu halten. So entstand eine über Jahr­zehnte anhaltende Forderungs-Rückzugs-Dynamik, wie sie viele Paare erleben: Ein Partner will den anderen von sich über­zeugen und sich dessen Liebe durch seine Bemühungen verdienen. Der andere genießt diese Anerkennung. Aber nur so weit, bis ihn die Nähe wieder daran erinnert, dass er sich nicht in einer Beziehung aufgeben will – und sich erneut zurück­zieht. Bei der gemeinsamen Asylpolitik und der Verteilung von Geflüchteten siegte die Angst über die Liebe.

Der Befund

Was beide Eheleute eint, ist ihr verletzter Selbstwert, der Anerkennung sucht, sich aber in unter­schiedlichen Verhaltens­weisen zeigt. Die Argumente der Brexit-Befür­worter*innen waren häufig faktisch falsch und ein reiner Akt der Emotionalität. Etwa die Behauptung, wöchentlich würden 350 Millionen Pfund an die EU verschwendet, die das Geld für unnütze Normen und Gesetze verpulvere und sowieso alles komplizierter statt einfacher mache.

Letztlich sind Bindungs- und Verlust­angst nur verschiedene Seiten derselben Medaille. Partner*innen, die dies verstehen, können meist die destruktive Seite dieser Dynamik verwandeln. So wird aus dem bedrohlichen Unter­schied im besten Fall eine wert­geschätzte Ergänzung.

Illustration: Großbritannien und die EU als Enden einer Schere.
© Francesco Ciccolella

Leider ist dies den Partnern nicht gelungen. Im Gegen­teil: Das UK gab zwei Jahr­zehnte nach der Hoch­zeit selbiger den Todes­stoß, als es 2013 seine Bindungs­angst durch die Ankündigung eines Referendums über die Fort­führung der Ehe öffentlich machte. Nach dem ersten Schock, der sich bis in den entfernteren Bekannten­kreis des Ehe­paars aus­dehnte, der sich auf­gewühlt mit guten Ratschlägen einmischte, reagierte die EU mit ihren gelernten Schutz­strategien. Um die Trennung zu verhindern und wieder mehr Nähe aufzubauen, setzte die EU zunächst liebe Worte und Versprechungen ein. Als sich die Trennungs­absichten 2016 bestätigten, dann zunehmend beleidigtes Schmollen und Drohen. Dieses Verhalten wirkte wie Wasser auf die Mühlen des UK und bestätigte den Rück­zugs­wunsch erwartungs­gemäß – und dieser hält bis heute an.

Die Strategien und Mechanismen

Dieser Zyklus ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst, ich komme ihm in meiner Praxis immer wieder auf die Schliche: Partner*in A fordert emotionalen Austausch ein, Partner*in B zieht sich immer weiter zurück, um Ruhe zu finden. Partner*in A hat Angst, die Bindung zu verlieren – ebenso Partner*in B. Sie nutzen nur unter­schiedliche Werkzeuge und Schutz­strategien, um mit dieser Angst umzugehen. Hat sich ein solches Muster erst einmal gefestigt, kommen die Partner*innen kaum alleine und ohne Unter­stützung da wieder raus. Siehe UK und EU.

Solche negativen Zyklen halten sich selbst in Gang. Partner*in A will Nervosität, Angst und Verletzt­heit vermeiden. Dazu benutzt er bzw. sie gelernte und geprägte Schutz­strategien und die daraus resultierenden Verhaltens­weisen wie Über­zeugen, Fordern, Vor­würfe­machen, Nach­bohren und Schmollen – wie bei den zähen Verhandlungen beispiels­weise über die sogenannte Brexit-Rechnung. Partner*in B, sowieso schon von Unruhe und Besorgnis geplagt, greift dadurch nun zu seinen bzw. ihren gewohnten Schutz­strategien, die wiederum die End­los­schleife am Leben erhalten. Dieser Umgang mit schwierigen Situationen ist eine Reaktion auf eine gefühlte Bedrohung, was wiederum den Umgang mit schwierigen Situationen in bewährter Form bei dem bzw. der Partner*in auslöst.

Und jetzt?

Welche Folgen hat der nahende Brexit nun für Großbritannien? Der Brite Nick Witney vom European Council on Foreign Relations (ECFR) blickt auf das Pokerspiel zwischen der EU und dem baldigen Ex-Mitglied. Lesen Sie hier seinen Gastbeitrag.

Brexit-Protest In Westminster
© Getty Images

Die Verhandlung des Beziehungs­endes

Auf Stress durch eine gefühlte Bedrohung reagieren Menschen mit Flucht, Gegen­angriff oder Starre. Im Streit kann sich jede Kritik als Verfolgung und Angriff anfühlen, ebenso das Dran­bleiben und das nicht nach­lassende Bemühen. Immer wieder setzt die EU bei den Aus­tritts­verhandlungen Fristen, die London verlängert, während gleich­zeitig kommuniziert wird, dass weitere Zugeständnisse nicht ohne wirtschaftliches Chaos bei beiden Partnern möglich sind. Dabei sind solche Droh­gebärden nicht nur kontra­produktiv, sie zahlen auch wenig auf den Ursprung der Emotion ein: die Angst, die Bindung zu verlieren, also womöglich verlassen zu werden.

Illustration: Großbritannien und die EU gehen auseinander.
© Francesco Ciccolella

Wären die Partner offen und ehrlich, müssten sie eigentlich sagen: „Bitte zieh dich nicht zurück, ich habe Angst, dass du mich jetzt alleine lässt mit meiner Furcht.“ Furcht schafft Distanz – selbst wenn die Angst exakt daraus geboren wurde, Nähe zu verlieren. Allein Nähe schafft Nähe. Gefragt wäre zugewandte Kommunikation. Nur sie macht einen Dialog auf Augenhöhe möglich – dann fehlen nur noch sehr sorg­fältige Dolmetscher*innen.

Die Trennung?

Bleibt die Frage, ob es dafür wirklich zu spät ist. Ist die Trennung unvermeidlich? Paar­therapie gilt so lange als erfolg­versprechend, wie ein Partner, eine Partnerin die Beziehung nicht innerlich aufgekündigt hat. Mit der sogenannten Emotions­fokussierten Paar­therapie könnte man gegen­steuern. Sie basiert auf dem Bindungs­verhalten und der Bindungs­therapie und versucht, den sogenannten „Tanz“ zwischen Verlust­angst auf der einen und Bindungs­angst auf der anderen Seite für die Partner*in erkennbar zu machen. Nach einigen Sitzungen ist jedoch klar: Es ist zu spät – „it’s over.“ Ein Funken Hoffnung bleibt: Manchmal gehen Ex-Partner*innen als Freunde aus­einander und finden in einem anderen Beziehungs­modell wieder eine Annäherung. Gemeinsame Besitztümer, der geteilte Wohnort auf dem Kontinent Europa oder die Millionen von gemeinsamen Kindern, also Bürger*innen, können hier zur Vernunft anregen. Dem neuen Ex-Paar alles Gute.

Autor Eric Hegmann
© Kathrin Stahl

Über Eric Hegmann

Eric Hegmann arbeitet als Paar­therapeut und Single-Coach. Er veröffentlichte über ein Dutzend Bücher zum Thema Partner­wahl und Beziehung. Seit 15 Jahren unter­stützt Hegmann die Partner­agentur Parship und ist als Experte regel­mäßig in allen Medien tätig, zuletzt mit der eigenen Dating-Show „Nächste Ausfahrt Liebe“ in Sat.1. Heute ist Eric Hegmann Chef­redakteur von „beziehungs­weise – Das Online-Magazin für mehr Liebe“ und entwickelt in seiner Firma „Modern Love School“ Online­kurse und Persönlichkeits­tests, die Hilfe zur Selbst­hilfe bei Fragen rund um Partner­wahl, Konflikt­lösung und Bindungs­verhalten bieten.
www.modernloveschool.com

Was machen Verfolger*innen und Verlust­ängstliche wie die EU?

  • Nachbohren, fordern, meckern
    Besser wäre: Freiraum lassen, denn Bedrängen führt immer nur zu weiterem Rückzug. Beispiel: „Ich mache mir Sorgen, wenn du nicht zurück­rufst.“
  • Vorwürfe machen, abwerten, laut werden
    Deeskalierend wäre: das Problem aufzeigen und aus der eigenen Perspektive beschreiben. Beispiel: „Es fällt mir schwer, mich auf dich zu verlassen, ich fühle mich allein­gelassen.“

Was machen Rück­zieher*innen und Bindungs­ängstliche wie das UK?

  • Bagatellisieren, halb­herzig zustimmen, Problem weg­lachen
    Konstruktiver wäre: Wert­schätzung und Respekt vor den Sorgen des anderen zeigen. Beispiel: „Auch wenn ich das anders sehe, glaube ich dir deine Bedenken. Hilf mir, sie besser zu verstehen.“
  • Konflikt vertagen, nicht reagieren, schweigen, ablenken
    Erfolgversprechender wäre: trotz Abgrenzung erreichbar sein und Kommunikations­bereitschaft zeigen. Beispiel: „Dieser Konflikt verlangt mir gerade zu viel ab, ich möchte gerne meine Gedanken sammeln und dir diese zu diesem konkreten Zeit­punkt vor­tragen.“

European Council on Foreign Relations (ECFR)

Der European Council on Foreign Relations (ECFR) ist ein pan-europäischer Think Tank. Er verfolgt das Ziel, europäische Sichtweisen in nationale politische Diskurse einzubringen, Perspektiven für eine gemeinsame europäische Außenpolitik aufzuzeigen und sich für die Weiterentwicklung des europäischen Integrationsprozesses einzusetzen.

www.ecfr.eu


AufRuhr dankt Nick Witney aus dem Londoner Büro des European Council on Foreign Relations (ECFR) für die fachliche Expertise und Unter­stützung bei diesem Beitrag.