Mission Menschenrechte

Frau (Márta Pardavi) arbeitet am Laptop
Autorin: Susanne Kilimann Fotos: Emmanuele Contini 05.01.2021

Raus aus der Apathie, rein ins Handeln – dafür setzt sich Márta Pardavi Tag für Tag ein, seit mehr als zwei Jahr­zehnten. Als Co-Vorsitzende des Hungarian Helsinki Committee (HHC), einer renommierten Menschen­rechts­organisation, kämpft die Ungarin für ein Europa, das seine demokratischen Errungen­schaften vor dem Zugriff politischer Scharf­macher*innen schützt. Mit diesem Ziel im Blick baut sie derzeit in Florenz ein inter­nationales Netzwerk auf.

Márta Pardavi lehnt an der Brüstung einer Terrasse und blinzelt in die Herbst­sonne. Dann breitet sie ihre Arme aus, lässt den Blick über Hügel, Oliven­haine und Zypressen schweifen, über Villen, die auf Anhöhen thronen. Im Tal erstreckt sich ein ocker­farbenes Häuser­meer, aus dem die riesige rote Domkuppel ragt. Florenz! „Wie unfassbar schön diese Landschaft ist“, schwärmt die kleine Frau mit dem kastanien­braunen Haar und der leuchtend blauen Jeans­jacke. „Dass ich jetzt eine Zeit lang hier leben darf, kommt mir vor wie ein Traum.“ Die 46-jährige Menschen­rechts­aktivistin hat ihren Alltag in Budapest für eine Weile hinter sich gelassen.

Zehn Monate lang arbeitet sie als Forschungs­stipendiatin am Europäischen Hochschul­institut (European University Institute, EUI) in der Toskana-Hauptstadt Florenz – genauer gesagt in der kleinen, auf einem Hügel gelegenen Nachbar­stadt Fiesole. Das EUI wurde in den 1970er-Jahren von den Gründungs­staaten der Europäischen Union (damals noch Europäische Gemeinschaft) aus der Taufe gehoben. Akademiker*innen aus aller Welt vertiefen hier ihre Forschungen zu Politik, Gesellschaft, Recht, Geschichte und Wirtschaft.

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„Virtuelle Konferenzen können physische Begegnungen nicht ersetzen“

Pardavi, die sich seit mehr als 20 Jahren für Bürgerrechte engagiert, treibt ihr Herzensprojekt voran: Sie vernetzt Menschenrechtsorganisationen aus verschiedenen Staaten der EU. „Ich möchte die Arbeit und die Anliegen dieser Gruppen auch über ihre Ländergrenzen hinaus bekannt machen“, erklärt die Aktivistin. Vor allem aber will sie EU-Kommission und Parlament zum Handeln bewegen. „Recharging Advocacy for Rights in Europe“ (RARE, übersetzt etwa: Engagement für Grund- und Menschenrechte in Europa stärken) – so haben die Ungarin und ihre Mitstreiter*innen das Projekt genannt. Als Partner stehen ihnen das ungarische und das niederländische Helsinki Committee sowie die Berliner Hertie School zur Seite. „Es gibt so viel Negativität, Angst, Unsicherheit und Enttäuschung. Es liegt an uns allen, sich für eine bessere Zukunft zu engagieren“, sagt Pardavi. Apathie ist für sie keine Lösung: „Viele Europäer*innen haben das Gefühl, nichts bewirken oder beeinflussen zu können. Ich hoffe, dass wir das in Aktivität umwandeln können.“

Pardavi freut sich schon auf die „Camps“, die sie derzeit mit ihrem sechsköpfigen internationalen Team vorbereitet. Es sollen Arbeitstreffen werden, bei denen sich Führungskräfte von 25 europäischen Menschenrechtsorganisationen aus 14 Ländern austauschen und Synergien ausloten können. Unter anderem ist die deutsche Organisation Pro Asyl dabei, die Gender Alternatives Foundation aus Bulgarien, die Helsinki Foundation for Human Rights in Polen und die Human Rights League aus der Slowakei.

Frau (Márta Pardavi) läuft einen Säulengang entlang
Zur Zeit lebt Márta Pardavi in Florenz. © Emmanuele Contini

Neun Treffen sind für die kommenden zwei Jahre geplant – in Budapest, Berlin, Warschau, Wien und anderen Städten. „Hoffentlich können es trotz Corona-Pandemie echte Treffen werden“, sagt Pardavi und klappt ihr Laptop zu. Über ihr jugendliches Gesicht huscht ein gewinnendes Lächeln. „Virtuelle Konferenzen können physische Begegnungen nicht ersetzen. Die wichtigsten Kontakte werden oft am Rande der Veranstaltungen geknüpft.“

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Auf Kriegsfuß mit dem starken Führer

Was die Juristin in den vergangenen Jahren unentwegt beschäftigt, sind die Vorstöße des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán. Er versucht, demokratische Institutionen seines Landes auszuhebeln, die Presse- und Meinungsfreiheit einzuschränken und durch mediale Hasskampagnen die Angst der Bevölkerung vor Migrant*innen zu schüren. „Die Absicht dahinter ist klar: Ein Volk, das Angst hat, sehnt sich nach einem starken Führer. Und als solcher will Orbán Ungarn auf unbestimmte Zeit regieren“, sagt Pardavi.

Frau (Márta Pardavi) arbeitet am Laptop
Márta Pardavi vernetzt Menschenrechtsorganisationen - ihr Herzensprojekt. © Emmanuele Contini
Frau (Márta Pardavi) mit Maske kauft auf Markt ein
Dass sie eine Zeitlang in Italien leben darf, kommt ihr vor wie ein Traum. © Emmanuele Contini

Immer wieder hat sie die unmenschlichen Bedingungen angeprangert, denen Asylsuchende in den ungarischen Transitlagern ausgesetzt sind. Dafür bekam sie auch international Anerkennung: 2019 wurde sie zum „Civil Rights Defender of the Year“ gekürt. In den von Orbán auf Kurs gebrachten Medien dagegen – und bisweilen auch auf Budapests Straßen – wurde sie als Verräterin beschimpft. „Auch deshalb bin ich froh, mal eine Weile raus aus Ungarn zu sein und nicht so im Rampenlicht zu stehen“, gesteht Pardavi.

Andächtige Ruhe herrscht im obersten Stockwerk der Badia Fiesolana, einem ehemaligen Kloster, in dem sich heute das Hauptgebäude des Hochschulinstituts befindet. Ein halbes Dutzend Forscher*innen sitzt – mit Hygieneabstand – an einer langen Tischreihe, in Lektüre vertieft. Hierhin zieht es Pardavi fast jeden Tag. Die Bibliothek der Badia sei ein Dorado für alle, die sich mit Europapolitik beschäftigten. Sie beherbergt auch das offizielle Archiv der EU mit Publikationen und Dokumenten aus sieben Jahrzehnten.

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Begegnungen zwischen Einheimischen und Einwander*innen

Mittagszeit in Fiesole. Nur ein paar Schritte von der Badia entfernt stärken sich die Wissenschaftler*innen mit bodenständiger Toskana-Küche. Die Kreidetafel vor der Tür einer kleinen Trattoria preist die Tagesgerichte an. Pardavi bestellt Gnocchi mit Zucchiniblüten und knusprigem Speck – auf Italienisch. In Alltagssituationen klappt es schon ganz gut mit der neuen Sprache, die sie seit ein paar Wochen paukt. „Wegen Corona aber nur im Onlinekurs“, bedauert sie.

Während sie auf ihr Essen wartet, kommt Pardavi noch einmal auf die Themen Migration und Fremdenfeindlichkeit zurück. „Italien ist auch nicht frei davon. Hier hetzt die rechtspopulistische Lega gegen Migrant*innen und Menschen, die übers Mittelmeer Flüchtende aus der Lebensgefahr retten.“ In Italien sei das gesellschaftliche Klima allerdings nicht so aggressiv aufgeladen wie in Ungarn. „Die Menschen hier lassen sich nicht derartig aufwiegeln.“ Das liege vor allem daran, dass in jeder italienischen Stadt friedliche Einwander*innen zum Straßenbild gehörten, dass es Begegnungen zwischen ihnen und den Einheimischen gebe. „In Ungarn, das sich gegen Migrant*innen völlig abschottet, können die Medien viel leichter das Bild vom bösen Fremden malen.“

Engagement für die Zukunft ihres Sohnes

Der Abendhimmel präsentiert sich blassrosa, als Pardavi mit einer Chipkarte das Tor zum Garten der Villa Schifanoia öffnet. Über das vornehme Grundstück mit von Buchsbäumchen gesäumten Kieselwegen führt der Weg hinunter zu ihrer Wohnung am Stadtrand von Florenz. Ein Blick auf die Villa, die ebenfalls zum EUI gehört. Hier hat Giovanni Boccaccio einst die Rahmenhandlung seiner weltberühmten Geschichtensammlung „Decamerone“ spielen lassen. Die steht, handelt sie doch von einer Flucht vor der Pest, gerade wieder hoch im Kurs.

Pardavi wird wehmütig. Wäre die Corona-Pandemie nicht ausgebrochen, hätte sie ihren zehnjährigen Sohn mit nach Florenz genommen. „Ich hatte schon eine Schule ausgesucht. Aber dann kam der in Italien besonders harte Lockdown. Deshalb haben wir entschieden, dass er in Budapest bei seinem Vater bleibt.“ Die Trennung fällt schwer. Aber die Hoffnung, dass der Zehnjährige später vom Engagement seiner Mutter profitieren wird, motiviert sie. „Wenn Menschenrechte und Meinungsfreiheit bedroht sind, müssen wir handeln, sobald die Alarmglocken schrillen. Wenn sich die Einschränkung von Rechten erst verfestigt hat, ist es zu spät.“

Recharging Advocacy for Rights in Europe (RARE)

Das von der Stiftung Mercator geförderte Projekt „Recharging Advocacy for Rights in Europe“ (RARE) will zivile europäische Grund- und Menschenrechtsorganisationen vernetzen und dazu befähigen, zur Stärkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der EU beizutragen.
www.hertie-school.org/recharging-advocacy-for-rights-in-europe