Anwältin der Sterne: Ferechta Paiwand kämpft für Chancen­gleich­heit im Weltraum

Anwältin der Sterne: Ferechta Paiwand kämpft für Chancen­gleich­heit im Weltraum
Autorin: Cornelia Heim Fotos: Katrin Binner 22.08.2023

Am Himmel wird es eng: Tausende Satelliten umkreisen die Erde. Umso wichtiger ist ein inter­nationales Welt­­raum­­recht. Wie das aussehen könnte, erforscht Ferechta Paiwand während ihres Mercator Kollegjahres. Die Anwältin plädiert für einen nach­­haltigen und fairen Zugang zum Weltraum für alle Staaten.

Mit zwölf Jahren stand für sie fest: Sie möchte UN-General­sekretärin werden. Das sei schon ein bisschen „speziell“ gewesen, gibt sie rück­blickend zu. Doch daran war nicht zu rütteln. Dem kleinen Mädchen ging es damals bereits um den Welt­­frieden. Schließlich stammten seine Eltern aus Afghanistan. Ferechta Paiwand wurde 1990 in Hamburg geboren. „In unserer Familie wurde oft darüber geredet, wie Frieden in Afghanistan möglich sein könnte.“ Ihr ganzes Leben – insbesondere ihre beruflichen Entscheidungen – ist eng verbunden mit dem Wunsch nach inter­­nationalem Wirken und Gerechtigkeit für alle.

Ferechta Paiwand, Anwältin
Ferechta Paiwand, 33, Anwältin für eine gerechte Nutzung des Weltraums für alle Menschen und Nationen. © Katrin Binner

Vom Traum zum Plan: Karriere als Anwältin der Sterne – für die Menschen

Ferechta Paiwand ist heute 33 und Rechts­­anwältin. Dieser Weg war ihr von Kindes­­beinen an klar: „Für mich gab es keine Alternative zu einem Studium der Rechts­­wissenschaften.“ Studiert hat sie in ihrer Heimat­­stadt Hamburg, in der ehemaligen Bundes­­haupt­­stadt Bonn – „dort sind viele UN-Organisationen ansässig“ – sowie im französischen Aix-en-Provence. Ihre Karriere hat sie gut geplant und früh auf Internationalität ausgerichtet.

Ihr erster Auslandsaufenthalt gleich nach dem Abitur: Für ein Freiwilliges Soziales Jahr war sie Teil eines Frauen­rechts­­projektes in Indonesien. Es folgten das Jura­studium und das erste Staats­­examen 2016. Im anschließenden Referendariat kamen weitere inter­­nationale Erfahrungen hinzu: Sie arbeitete in der deutschen Botschaft in Sambia und in der Rechts­­abteilung der Deutschen Gesellschaft für Inter­nationale Zusammen­­arbeit in Bonn. 2020, den Anwalts­­titel in der Tasche, heuerte sie bei einer großen Wirtschafts­kanzlei an. „Um Geld zu verdienen“, wie sie trocken sagt. „Ich habe dort klassisch juristisch ohne inter­nationalen Bezug gearbeitet.“ Soll heißen: Das war nicht ihr Ding und allenfalls temporär.

Begeisterung für den Weltraum – eine Hausarbeit als Auslöser

Sie kündigte, um sich ihrem Herzens­thema zu widmen, das ähnlich ungewöhnlich anmutet wie der Berufs­wunsch der damals Zwölf­­jährigen: Ferechta Paiwand wollte sich dem Welt­raum widmen. Wieso gerade dieser Fokus? „Ausschlag­­gebend war eine Examens­­haus­­arbeit, für die ich erstmals zum Thema ,Der völker­­rechtliche Zugang zum Weltraum‘ recherchierte.“ Das war 2014, kurz zuvor war zum ersten Mal eine chinesische Sonde auf dem Mond gelandet. In der politischen Diskussion ging es wieder einmal um Verteilungs­­kämpfe: mehr denn je um Rohstoffe, Vormacht­­stellung und Kolonisierung jener Domänen, für die keine Verhaltens­­regeln existieren. Zu diesen Räumen außer­halb der Gerichtsbarkeit von National­­staaten zählen gemeinhin die Meere, die Pole, das Internet und auch der Welt­raum – allesamt „Global Commons“, globale öffentliche Güter. Ferechta Paiwand war fasziniert vom Universum und der Nutzung der Erd­umlauf­­bahnen, das Thema lässt die Juristin seither nicht mehr los.

Ohne den Weltraum könnten wir unser modernes Leben gar nicht führen.

Seit Oktober 2022 hat sie nun die Chance, sich im Mercator Kolleg für inter­nationale Aufgaben ein Jahr lang mit ihrem Projekt „Space for all“ zu befassen. Ihr großes Ziel ist es, der Frei­beuterei im All Einhalt zu gebieten, einen Kodex zu schaffen und so den Weltraum als Allgemein­gut – zugänglich für alle Staaten der Erde, ungeachtet ihrer ökonomischen oder politischen Stärke – zu erhalten. Eigentlich ist dies im Weltraum­vertrag von 1967 so dargelegt, doch der wird von Staaten unter­schiedlich ausgelegt. Und welche Instanz überwacht schon, was im Orbit de facto vor sich geht?

Juristin Ferechta Paiwand im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn
„Das Recht lässt sich schlecht visualisieren”, sagte Juristin Paiwand schmunzelnd vor dem Shooting. Doch die dritte Station ihres Mercator Kollegjahres eigne sich wunderbar für schöne Foto-Motive. Hier steht sie im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn vor dem Servicemodul des Raumschiffs Orion (Maßstab 1:5). © Katrin Binner

Potenziale des Weltraums: Vom Schutz vor Natur­katastrophen bis zur Revolution des Internets

Aber warum ist ihr die gerechte Nutzung des Welt­raums so wichtig? Bietet nicht die Erde genügend Konflikt­­herde? Der Weltraum sei besonders, „denn ohne ihn könnten wir unser modernes Leben gar nicht führen“, sagt die Juristin. Mehr noch: Im All, davon ist die 33-Jährige felsen­­fest über­­zeugt, entscheide sich die Zukunft des Planeten. Es gehe auch um die Technologie­­führer­­schaft. Gleich­­zeitig, und das sei das Dilemma, wisse kaum jemand etwas über diese Rolle, die dem Weltraum für das Leben auf der Erde zukomme. Er ist heute längst nicht mehr nur ein Abenteuer. Auch wenn es Jahr­zehnte entfernt scheint: Leben auf dem Mars wird bereits ernsthaft diskutiert. Und die NASA plant ein dauer­haftes Basis­­lager auf dem Mond.

Aus dem All dokumentieren schon Satelliten die Zerstörung der Erde. Diese Satelliten ermöglichen Kommunikation und Navigation. Sie liefern Daten und Bilder, etwa von Veränderungen der Atmosphäre und der Umwelt. Paiwand erzählt: Im Weltraum könne man Natur­katastrophen vorab detektieren, bei Wasser­­knappheit auf alternative Versorgungs­­quellen verweisen oder sogar Verschüttete nach Erdbeben orten. Von der Revolution des Internets, das künftig über Satelliten und nicht mehr über Glasfaser laufen werde, profitiere die Menschheit.

Im Weltraum wird geopolitisch die Zukunft der Erde entschieden. Davon ist Ferechta Paiwand überzeugt und gönnt sich bei einer Pause zwischendurch einen Kaffee.
Im Weltraum wird geopolitisch die Zukunft der Erde entschieden. Davon ist Ferechta Paiwand überzeugt und gönnt sich bei einer Pause zwischendurch einen Kaffee. © Katrin Binner

„Doch was passiert“, fragt Ferechta Paiwand engagiert, „wenn wieder nur ein Bruchteil der Staaten sich den technologischen Fortschritt zu eigen machen kann?“ Die Antwort liegt auf der Hand: Länder des globalen Südens, die von den Folgen der Klima­­katastrophen am stärksten betroffen sind, blieben außen vor. Etwa der Tschad, dem das Wasser ausgehe. Oder Regionen wie der Amazonas, in denen bis dato so gut wie keine Tele­kommunikation statt­finde. „Die Welt wird immer weiter vernetzt, aber welche Welt ist das denn? Die, die davon abgeschnitten sind, bleiben weiterhin abgetrennt. Für mich ist Teilhabe eine absolute Gerechtigkeits­­frage.“

Weltweite Heraus­forderungen: Das Unwissen über die Welt­raum­­bedeutung

Ferechta Paiwand spricht druckreif. Das verwundert nicht, denn als Juristin ist sie analytisch unterwegs, Sprache ist ihr Werkzeug. Die beiden Eigenschaften, die ihr allerdings zuerst zur Beschreibung ihres Charakters einfallen, sind: „Durch­setzungs­­stark und aus­dauernd. Ich will niemandem meine Meinung aufdrücken. Aber man muss schon über­zeugen können in dem Job.“ Sie versuche, Dinge im Kontext zu verstehen, dafür benötige man oft den historischen Hinter­grund. Und so kommt es, dass sie neben gelegentlichem Segeln als liebste Freizeit­­beschäftigung „viel lesen“ angibt. Auch ihre private Lektüre – am liebsten liegend in einem grünen Park – kreist um gesellschafts­­politische Zukunfts­fragen: Wie verändern wir unsere Welt nach­haltig? Wie sehen alternative Wirtschafts­­systeme aus? Romane lese sie nur, wenn geschichtliches Wissen vermittelt werde. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hätten sie bereits in der Schul­zeit fasziniert, und ja, auch der Physik­­unterricht sei ihr leicht­gefallen. Die technische Begabung habe sie von ihren Eltern, beide seien Ingenieur*innen. Das technische Verständnis bei der hoch­komplexen Betrachtung der Umlauf­bahnen – des erdnahen „LEO“ und des über 35.000 Kilometer entfernten „GEO“ – komme ihr jetzt zugute. „Deshalb ist das Welt­raum­recht das perfekte Thema für mich.“

Ferechta Paiwand mit Fotos deutscher Astronauten
Ferechta Paiwand auf der Galerie, die Fotos deutscher Astronauten von Hans Schlegel über Thomas Reiter bis Matthias Maurer in Glasvitrinen zeigt. © Katrin Binner

Präsenz im Weltraum bedeutet Macht, Macht­erhalt und Macht­ausweitung.

Gerade hospitiert Ferechta Paiwand beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn. Die Vorbereitungen für das World Space Forum, das Deutschland im Dezember 2024 ausrichtet, laufen, und sie kann an der Konzeption des zwei­­tägigen Programms mitarbeiten. Im Frühsommer durfte sie die deutsche Delegation zur großen Konferenz des UN Committee on the Peaceful Uses of Outer Space (COPUOS) nach Wien begleiten. Ihr Learning daraus? „Präsenz im Weltraum bedeutet Macht, Machterhalt und Macht­­ausweitung.“ Auf gut Deutsch: Im Weltraum wird geopolitisch die Zukunft der Erde entschieden. Der Weltraum gewinne allein schon durch die stetig wachsende Anzahl von privaten kommerziellen Unternehmen wie die der Milliardäre Elon Musk (SpaceX) und Jeff Bezos (Amazon) sowie von staatlichen Akteuren (besonders USA, Kanada, Japan, China, Russland und Europa) an Bedeutung. Doch wer übernimmt die Verantwortung?

Ferechta Paiwand im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Ferechta Paiwand in ihrem Element – das DLR ist übrigens eine von vier Stationen ihres Mercator-Kollegjahres. Zuvor war sie bereits in Indonesien und Wien. Im Anschluss an Bonn folgt noch eine Hospitation beim „Courts of Call” in Dubai. © Katrin Binner

Nationales Weltraum­gesetz: Eine unerfüllte Forderung und ihre Folgen

Ein bisschen Frust lässt sich aus ihren Worten heraushören. „Wir in Deutschland haben immer noch kein nationales Weltraum­­gesetz“, empört sie sich. „Wie kann das sein? Wir haben das Wissen, wir haben die Mittel, die Start-ups, wir sind größter Geldgeber der ESA.“ Die Ausarbeitung eines solchen Gesetzes, so ihre Kritik, werde von einer Regierungs­­periode in die nächste geschoben. „Ein nationales Welt­raumg­esetz ist allein schon aus Haftungs­gründen schlicht unabdingbar”, bringt Ferechta Paiwand Erkenntnisse aus vielen Gesprächen mit der nationalen Space-community auf den Punkt. Vier Stationen hat sie sich in ihrem Mercator Kolleg­jahr aus­gesucht. Bonn ist bereits die dritte Station. Zuvor war sie in der National Space Agency in Indonesien und im European Space Policy Institute in Wien.

Initiative „Courts of Space“: Eine Lösung für Konflikte im Weltraum?

Im Herbst wird sie sich zu ihrer letzten Station aufmachen, nach Dubai auf der arabischen Halbinsel. Dort besucht sie die Initiative „Courts of Space“, die strittige Verfahren auf inter­­nationaler Ebene lösen möchte. „Das ist was ganz Neues“, freut sie sich. Denn allein in der kurzen Zeit­­spanne der letzten beiden Jahre wurden in den 550 Kilometer entfernten Orbit LEO rund 5.000 Satelliten geschossen. Bei so viel Verkehr auf den Erdumlaufbahnen sei es quasi unumgänglich, dass es irgend­wann zu Kollisionen komme. Ohnehin schwirrt bereits jetzt eine große Menge Welt­­raum­­müll im All herum. Schon im Jahr 2009 berichtete das US Space Command von 18.000 Satelliten­­partikeln in den verschiedenen Orbit­sphären. Wer entsorgt diesen Müll? Wer übernimmt Verantwortung? Im Orbit herrscht eine Wild­west­mentalität, eine sanktionierende Instanz fehlt (noch). Reagieren wir erst, wenn zwei Himmels­­körper, künstliche oder natürliche, kollidieren? Oder – und hier hört man wieder die Anwältin plädieren – „gelingt es uns als inter­nationale Staaten­gemeinschaft, einen Regulierungs­­rahmen zu schaffen, der eine Kollision verhindern kann, weil der Kodex im Vorhinein fair und gleich­­berechtigt ist?“

Streitbeilegung ist der exakte juristische Terminus dafür. Und wie so eine Regelung abgefasst sein müsste, arbeitet Ferechta Paiwand unter anderem an ihrem Schreib­tisch im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn aus. Als zugelassene Rechts­­anwältin könnte Streit­­beilegung im Weltraum, so ihre Überlegung, auch eine Berufs­­perspektive für die Zeit nach dem Mercator Kollegjahr darstellen. Denn wie es für sie beruflich weiter­­geht, steht – Achtung, Wortspiel – noch in den Sternen. Sich als „Space Lawyer“ zu etablieren, wäre ihr absoluter Traum, womöglich als Beraterin für das Auswärtige Amt. Oder doch wie in ihrer Kindheits­­vision für die UN? Ihrem zwölf­jährigen Ich würde dieser Zielpunkt, nach einem kleinen Umweg durchs All, sicher gefallen.


Mercator Kolleg

Das Mercator Kolleg für inter­­nationale Aufgaben fördert jährlich 25 engagierte deutsch­­sprachige Hochschul­­absolvent*innen und junge Berufs­­tätige aller Fach­richtungen, die für unsere Welt von morgen Verantwortung über­nehmen.

www.mercator-kolleg.de