Wissen ist gut, machen ist besser

Autorin: Carola Hoffmeister Fotos: Nathan Zentveld 19.01.2021

Was für Annalena Stöger besonders wichtig ist: Handeln! Die 22-Jährige ist Engagement-Botschafterin für Klimaschutz und möchte jungen Menschen vermitteln, wie man „einfach macht“.

Es ist schon dunkel, als Annalena Stöger zu Hause in Frankfurt ankommt. Die 22-Jährige hat einen langen Tag als Praktikantin im Kultus­ministerium Hessen hinter sich, außerdem eine ein­ein­halb­stündige Rück­fahrt mit öffentlichen Verkehrs­mitteln. Trotzdem ist Annalena voller Energie. Kein Wunder – schließlich soll sie über ihr Lieblings­thema sprechen: Engagement. „Früher in der Schule gab es in meiner Klasse ‚die Sportliche‘, ‚die Musikalische‘, ‚die Künstlerin‘“, sagt Annalena im Skype-Gespräch. „Ich konnte mich keiner Kategorie zuordnen und wusste nie so recht, wo ich hingehöre. Aber dann wurde mir klar: Ich bin ‚die Engagierte‘.“

Für die Engagement-Botschafterin für Klimaschutz Annalena Stöger war das Klima lange kein Thema. © Nathan Zentveld

Engagiert hat sich Annalena tatsächlich schon früh. Erst setzte sie sich als Schüler*innen­vertreterin für das Mit­sprache­recht von Gleich­altrigen ein. Dann war sie im Stadt­schülerInnen­rat Frankfurt am Main, einer Organisation, in der die Teilnehmer*innen ihre Interessen gegen­über der Stadt vertreten. „Und jetzt bin ich Botschafterin für Engagement und Klima­schutz.“ Annalena strahlt, stolz und glücklich, wird aber sofort wieder ernst. „Engagement hat aus meiner Sicht eine unglaublich wichtige Scharnier­funktion in der Gesellschaft“, sagt sie. „Deshalb habe ich mich über die Ernennung zur Botschafterin durch das Bundes­netz­werk Bürgerliches Engagement ganz besonders gefreut.“

Das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) kürt einmal im Jahr Engagement-Botschafter*innen und lenkt mit der Auszeichnung den Blick auf die Bedeutung von Ehrenamtlichen für die Zivil­gesellschaft. Spezielle Aufgaben sind mit dem Titel nicht verknüpft. Doch Annalena ist damit Vorbild für andere und zeigt allein durch ihre Auszeichnung, dass gesellschaftliches Engagement Anerkennung findet – und dass jeder Mensch etwas gegen den Klima­wandel tun kann. Sogar dann, wenn das Thema zunächst weit weg erscheint.

Wie Lernprozesse in Schulen zum Handeln anregen ist Thema ihrer Seminare. © Nathan Zentveld
Als Studentin, Praktikantin und Engagement-Botschafterin ist Annalena Stöger es gewohnt, unterwegs zu arbeiten. © Nathan Zentveld
Aufgewachsen ist Annalena Stöger in der Großstadt Frankfurt am Main - aber in einem Haus mit Garten. © Nathan Zentveld

Bundes­freiwilligen­dienst in Berlin

In ihrem Elternhaus im Norden Frankfurts lebte früher auch Annalenas Großmutter. Mit den Himbeeren und Äpfeln, die im üppigen Garten wuchsen, kochte sie Marmelade ein und backte Kuchen. Zum Mittagessen gab es manchmal selbst geernteten Salat und abends frische Tomaten oder Gurken. Regionales und saisonales Essen war für die Familie selbst­verständlich. Aber dass eine solche Küche auch gut für die Umwelt ist, hat Annalena Stöger damals nicht weiter beschäftigt – und genauso wenig hat sie sich mit den Ursachen des menschen­gemachten Klima­wandels aus­einander­gesetzt. Es spielte in ihrem Leben einfach keine Rolle. „Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass mir der Treib­haus­effekt in der Schule erklärt wurde“, sagt sie. „Und wenn er mir vermittelt wurde, dann nicht so, dass es mich zum Handeln motiviert hätte.“

Annalena Stöger wünscht sich, dass ihr Engagement für den Klimaschutz sich fortpflanzt. © Nathan Zentveld

In dem Jahr vor dem Abitur veränderte sich dann etwas. Als Vorstands­mitglied des Stadt­schülerInnen­rats nahm Annalena an einem Seminar des Bildungs­werks für Schüler­vertretung und Schüler­beteiligung (SV-Bildungswerk) teil, einem Verein, der sich für eine demokratische Schule einsetzt. Sie erlebte dort Zugehörigkeit. „Ich war in diesem Seminar die Einzige aus meinem Freundes­kreis“, erinnert sie sich. „Und obwohl ich die anderen Jugendlichen nicht kannte, hat mich mit ihnen viel verbunden. Sie hatten genau wie ich diese große Lust, sich zu engagieren und etwas zu bewegen.“

Gleichzeitig fiel Annalena auf, dass ihr das theoretische Schulwissen dabei nicht half. Glücklich machte es sie auch nicht: „Ich war immer darauf bedacht, gute Noten zu erzielen, was ich auch geschafft habe. Aber dieses Streben, dieses ständige Vergleichen mit den Leistungen anderer, hat mich sehr unter Druck gesetzt.“

Die Uni schien ihr deshalb erst mal nicht der richtige Ort für die Zeit nach der Schule zu sein. Stattdessen entschloss sie sich, ein freiwilliges Jahr zu absolvieren – und zwar bei dem gemeinnützigen Verein, bei dem sie Feuer gefangen hatte. „Ich zog für ein Bundes­freiwilligen­jahr beim SV-Bildungswerk nach Berlin. Und dort landete ich dann beim Projekt ‚Schule·Klima·Wandel‘.“ Von Gleich­altrigen erfuhr Annalena, wie man Klima­schutz und Nachhaltigkeit im eigenen Alltag umsetzen kann. Außerdem durchlief sie eine Ausbildung zur Klima-Botschafterin. Seitdem gehört sie zu einem Netz von bundes­weit etwa 120 solcher Klima-Botschafter*innen, die regelmäßig Seminare zum Thema Klima­schutz in Schulen oder anderen Bildungs­institutionen geben. „Dabei dreht sich aber nicht alles nur um Klima­wandel und Nachhaltig­keit“, betont Annalena. „Sondern auch um die Frage, wie sich Lern­prozesse nach­haltig so gestalten lassen, dass man vom Wissen ins Handeln kommt. Es geht um Engagement. Darum, einfach etwas zu machen. Denn wir sind die Generation, die die Zukunft von morgen gestaltet.“

Ihr Credo: einfach machen

Nach dem Bundesfreiwilligen­jahr hat Annalena Stöger begonnen, Politik­wissen­schaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zu studieren. Parallel dazu hält sie das Praktikum im Kultus­ministerium Hessen auf Trab. Wenn nicht gerade Lockdown ist, fährt sie jeden Tag drei Stunden mit Bus und Bahn von Frankfurt-Harheim nach Wiesbaden und zurück – eine Strecke, für die sie mit dem Auto nur die Hälfte der Zeit bräuchte. Doch ihre Ideale der Bequemlichkeit zu opfern käme für sie nicht infrage. Ihr Verhalten färbt ab: „Meine Eltern können sich durch mich gar nicht mehr klima­schädlich verhalten – zumindest nicht ohne schlechtes Gewissen“, sagt sie und lacht. „So kauft meine Mutter jetzt auf dem Bio-Hof ein, und letztens war sie sogar im Unverpackt­laden!“ Genau wie daheim erzählt Annalena in ihren Workshops nicht einfach, wie schädlich etwa der Verzehr von Fleisch für das Klima ist. Stattdessen erstellt sie mit Jugendlichen zum Beispiel pflanzliche Brot­aufstriche und zeigt durch solche Aktionen Alternativen auf.

Konkrete Vorbilder hat sie selbst keine. „Schon als Teenagerin konnte ich nicht irgendwelche unerreichbaren Stars anhimmeln. Ich brauchte immer greifbare Ideale“, erzählt sie. „Und deshalb gucke ich mir am liebsten etwas bei Gleich­altrigen ab. Wenn junge Menschen, insbesondere Frauen, den Mut haben, ungewohnte und neue Wege gehen, finde ich das supercool.“

Und was war ihre größte Herausforderung? Da muss Annalena Stöger nicht lange überlegen. „Ich bin im Vorstand des SV-Bildungs­werks und habe Jugendliche zu Klima-Botschafter*innen ausgebildet. Ich habe den jungen Leuten also das Wissen und die Bildungs­arbeit nahe­gebracht, die mich selbst geprägt hat“, sagt sie. „Dieses Wissen habe ich mir nicht in der Schule oder der Universität angeeignet, sondern in der Freizeit. Mein Tag ging morgens um sieben Uhr los, und gegen Mitter­nacht war ich wieder im Bett. Danach war ich ziemlich fertig. Und ziemlich glücklich! Denn indem ich andere qualifiziere, pflanzt sich mein Engagement fort.“

Bundesnetzwerk Bürger­schaftliches Engagement (BBE)

Das BBE vereint mehr als 200 zivil­gesellschaftliche Organisationen und verfolgt das Ziel, bürger­schaftliches Engagement in allen Gesellschafts- und Politik­bereichen nach­haltig zu fördern. Im von der Stiftung Mercator geförderten Projekt „Bürger­schaftliches Engagement und Klimaschutz“ will das BBE das Thema Klima­wandel in unterschiedlichen Feldern des Engagements anstoßen.
www.b-b-e.de/projekte/buergerschaftliches-engagement-und-klimaschutz/