Drei Perspektiven auf die globale Klimakrise

Autorin: Kristina Kara 31.05.2022

Die EU muss ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland „deutlich vor 2030“ beenden, so Frans Timmermans, Vizepräsident der EU-Kommission. Dem Europapolitiker zufolge sei ein „blitzschneller Einstieg in erneuerbare Energien“ dafür unerlässlich. AufRuhr hat mit drei Parlamentarier*innen von drei Kontinenten darüber gesprochen, welche Rolle nationale Parlamente dabei spielen können.

Wer diskutiert?

Katrin Babette Uhlig vertritt die Partei Bündnis 90/Die Grünen seit Oktober 2021 im Deutschen Bundestag. Sie ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Klimaschutz und Energie und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die 39-Jährige arbeitete vorher als wissenschaftliche Referentin für Energie und Klimaschutz. Aufgrund der steigenden Energiepreise hat ihre Partei im März 2022 gefordert, das im Koalitionsvertrag festgehaltene Energiegeld schnellstmöglich umzusetzen.

Katrin Babette Uhlig
© Katrin Uhlig
Dr. Kandeh Yumkella
© Fisher Studios

Dr. Kandeh Yumkella vertritt die Partei National Grand Coalition (NGC) im Parlament von Sierra Leone. Er wird 2023 für das Amt des Präsidenten in Sierra Leone kandidieren. Der Agrarökonom war bis 2013 Generaldirektor der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung (UNIDO) und wurde anschließend zum Sonderbevollmächtigten für erneuerbare Energie bestellt. Der 62-Jährige wurde 2021 mit dem African Achievers Award ausgezeichnet, einem der prestigeträchtigsten Preise des Kontinents.

Saber Hossain Chowdhury ist als Vertreter der Awami-Liga seit 1996 Mitglied des Parlaments von Bangladesch und hatte im Lauf seiner politischen Karriere mehrere Ministerposten inne, unter anderem war er Minister für Häfen und Schifffahrt sowie für ländliche Entwicklung. Von 2014 bis 2017 war der 60-Jährige Präsident der Inter-Parliamentary Union. Viele seiner politischen Bemühungen drehen sich um die Themen Klimawandel und Umweltschutz sowie die Abkehr von Nuklearwaffen.

Saber Hossain Chowdhury

AufRuhr: Ganz offensichtlich gibt es einige Parallelen zwischen den Erfahrungen, die die Staaten dieser Welt mit einer globalen Pandemie und der globalen Klimakrise gesammelt haben. Wenn es darum geht, globalen Herausforderungen und lokalen Bedürfnissen mit konkreten und umsetzbaren Maßnahmen zu begegnen, spielen nationale Parlamente eine Schlüsselrolle. Wo sehen Sie als Abgeordnete die wichtigsten Hebel dafür?

Kandeh Yumkella: Der Klimawandel ist eine Bedrohung für den gesamten Planeten, nicht nur für einzelne Länder. Dennoch gibt es weitreichende Unterschiede bezüglich der Art und Weise, wie die einzelnen Länder Verantwortung übernehmen können. Ich spreche aus Sicht eines Niedrigeinkommenslandes, in dem die Politik vor anderen Herausforderungen steht als beispielsweise in Europa. Wir stehen vor der großen Aufgabe, unseren Bürger*innen erst mal verständlich zu machen, was auf dem Spiel steht. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Menschen zu erklären, was die Energiewende bedeutet, denn für viele Menschen in Sierra Leone haben andere Probleme gerade eine größere Dringlichkeit. Sie kämpfen gegen Malaria und Armut, die sie akut bedrohen. Und wenn es dann um globale Themen wie Klimaresilienz und Energiewende geht, fragen sie sich, was diese Herausforderungen damit zu tun haben. Ich bin daher überzeugt, dass die Sensibilisierung für diese Themen eine wichtige Aufgabe für Volksvertreter*innen ist. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist es für uns, das Vertrauen der lokalen Parlamentarier*innen und lokalen Gemeindevorsteher*innen in die internationale Zusammenarbeit zu stärken. Die reicheren Länder haben ihre globalen Verpflichtungen über viele Jahrzehnte hinweg nicht erfüllt. Es muss jetzt klar sein, dass wir alle an einem Strang ziehen. Um die globalen Lösungen zu erreichen, die wir brauchen, sollten Parlamentarier*innen in allen Ländern gemeinsam an einer funktionierenden internationalen Staatengemeinschaft arbeiten – unabhängig davon, ob sie Afrikaner*innen, Bangladescher*innen oder Deutsche sind.

Obwohl wir einen planetarischen Notfall erleben, betrifft er jedes Land anders.

Saber Chowdhury

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Herr Chowdhury, Sie sind Mitglied des Parlaments von Bangladesch. Was halten Sie von Herrn Dr. Yumkellas Forderungen?

Saber Chowdhury: Ich glaube, es ist wichtig, Parlamentarier*innen von anderen Interessengruppen zu unterscheiden. Das Einzigartige an unserer Rolle – im Gegensatz zum Privatsektor oder beispielsweise zivilgesellschaftlichen Organisationen – ist, dass wir verfassungsmäßig dazu verpflichtet sind, die Regierung für ihre Entscheidungen zur Rechenschaft zu ziehen. Hier verfügen wir über eine Hebelwirkung. Wir gestalten die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen, um die Exekutive in Bezug auf ihr Handeln herauszufordern und zu kontrollieren. Obwohl wir einen planetarischen Notfall erleben, betrifft er jedes Land anders. Für Bangladesch ist der Klimawandel keine Herausforderung, die zu einem späteren Zeitpunkt eintreten kann, sondern eine absolut existenzielle Bedrohung und bereits heute verheerende Realität. Die Emissionen von Bangladesch machen nur einen winzigen Bruchteil des globalen CO2-Ausstoßes aus. Obwohl wir also mit am wenigsten zum Problem beigetragen haben, sind wir am stärksten betroffen. Diese Frage der Klimagerechtigkeit führt zu viel Wut und Frust bei unseren Bürger*innen.

Frau Uhlig, Sie repräsentieren Deutschland. Wo sehen Sie die Hebel Ihrerseits?

Katrin Uhlig: Ich bin Mitglied einer Partei, die in den letzten 16 Jahren in der Opposition gearbeitet hat. Wir sind sehr froh, dass wir uns jetzt auch in der Regierung mit Fragen des Klimawandels, seiner Eindämmung und der Klimaanpassung befassen. Ich möchte Herrn Dr. Yumkella und Herrn Chowdhury zustimmen, dass es in der Verantwortung der jeweiligen Parlamente liegt, die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen. Aber bisher habe ich gesehen, dass die neue Bundesregierung etwas anstrebt, das ich für realistisch halte. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass gerade die Überschwemmungen im vergangenen Jahr in meiner Region den Klimawandel für uns erlebbar gemacht haben. Normalerweise erfahren wir vor allem aus den Medien von extremen Wetterereignissen, die in anderen Ländern stattfinden, nicht in Deutschland. Der Klimawandel war immer etwas, das anderen passierte. Viele Menschen hierzulande betrachten ihn eher als globales Phänomen, weniger als etwas, das unser Leben hier beeinträchtigt. Zumindest in einigen Teilen des Landes gibt es jetzt eine starke Bewegung, die tatsächlich starke Klimaschutzmaßnahmen, mehr erneuerbare Energien und einen Ausstieg aus fossilen Energien fordert, sowohl lokal als auch global. Ich bin dankbar dafür, dass die derzeitige Regierung beschlossen hat, den Kohleausstieg auf 2030 zu verschieben, weil wir schnell aus der Kohle aussteigen müssen, um die Emissionen zu reduzieren.

Herr Dr. Yumkella, stimmen Sie Frau Uhlig vollkommen zu? Wie sehen Sie die internationale Rolle Deutschlands bei der Energiewende?

Kandeh Yumkella: Einerseits stimme ich dem zu und möchte andere Europäer*innen dazu ermutigen, in die gleiche Richtung zu gehen. Aber lassen Sie mich eine in diesem Zusammenhang wichtige Sache erwähnen: Für uns Afrikaner*innen ist die Bewältigung des Klimawandels viel mehr als Dekarbonisierung. Es geht um Arbeitsplätze, um Wohlstand für unser Volk. Es geht um Industrialisierung und Strukturwandel. Wir müssen sehen, dass erneuerbare Energien in jeder Hinsicht wirklich funktionieren. Die kürzlich angekündigte Just-Energy-Transition-Partnerschaft zwischen der Europäischen Union und Südafrika ist für mich ein großartiges Beispiel: Was mit einer Zusage von 8,5 Milliarden US-Dollar für die erste Phase beginnt, soll in den nächsten 20 Jahren zwischen 1 und 1,5 Gigatonnen Emissionen vermeiden. Dies ist keine Wohltätigkeit, sondern eine geschäftliche Partnerschaft auf Augenhöhe.

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Herr Chowdhury, welche geschäftliche Partnerschaft sollte Deutschland oder sollten die Länder der nördlichen Hemisphäre Bangladesch vorschlagen?

Saber Chowdhury: Deutschland könnte uns beispielsweise bei Fragen zu geistigen Eigentumsrechten unterstützen. Es geht uns nicht nur darum, Technologien zur Verfügung gestellt zu bekommen, sondern sicherzustellen, dass die Ärmsten der Armen und die am stärksten Ausgegrenzten tatsächlich davon profitieren. Wir haben eine der weltweit höchsten Installationsraten von Solaranlagen für Eigenheime. Diese wurden von einem deutschen Unternehmen errichtet. Etwa 20 Millionen Menschen profitieren davon. Der andere Aspekt bezieht sich nicht nur darauf, wie wir Strom produzieren, sondern auch, wie wir ihn verteilen und verbrauchen. Auch hier würde ich mir wünschen, dass Deutschland uns aktiv unterstützt. Wenn wir derartige Vorhaben gemeinsam und kollaborativ angehen, können alle Beteiligten viel lernen.

Wir müssen uns überlegen, wie wir unseren Fußabdruck reduzieren können, nicht nur in Bezug auf die CO2-Emissionen, sondern auch im Hinblick auf die Biodiversitätskrise.

Katrin Uhlig

Frau Uhlig, Sie haben jetzt gehört, wie zwei einflussreiche Menschen aus anderen Ländern auf Deutschland schauen. Was sind Ihre spontanen Gedanken dazu, was Sie gerade gehört haben?

Katrin Uhlig: Ich kann beiden nur zustimmen. Ich denke, wir müssen unser gesamtes globales Energiesystem, das ursprünglich auf fossilen Brennstoffen aufgebaut war, umbauen, überdenken und umstrukturieren. Dabei bin ich davon überzeugt, dass Energieeffizienz bei diesem Übergang eine große Rolle spielen wird. Es geht dabei sowohl um die Energieeffizienz in Gebäuden als auch in industriellen Prozessen oder im Bereich der Mobilität. Den Energieverbrauch im Allgemeinen senken durch neue Ideen, neue Konzepte und eine insgesamt andere Art, zu leben. Wir müssen uns überlegen, wie wir unseren Fußabdruck reduzieren können, nicht nur in Bezug auf die CO2-Emissionen, sondern auch im Hinblick auf die Biodiversitätskrise. Demokratien und parlamentarische Prozesse basieren auf Kompromissen. Und ich denke, dass es im Hinblick auf globale Kooperationen mit anderen Ländern wichtig ist, Erfahrungen und Perspektiven auszutauschen, so viel es geht.

Aber während wir uns als Teil der Batterierevolution zur Speicherung erneuerbarer Energien sehen, machen andere Teile der Welt das Geschäft.

Kandeh Yumkella

Kandeh Yumkella: Darauf würde ich gerne näher eingehen. Ich denke, wir brauchen wirklich mehr echte Partnerschaften. Der afrikanische Kontinent verfügt über 70 Prozent der weltweiten Ressourcen und riesige Vorkommen an Mangan und anderen Metallen und Mineralien, die insbesondere für Batteriesysteme benötigt werden. Aber während wir uns als Teil der Batterierevolution zur Speicherung erneuerbarer Energien sehen, machen andere Teile der Welt das Geschäft. Ich möchte nicht zynisch sein, aber welchen Zweck hat es, wenn sich Regierungen dazu verpflichten, was sie bis 2040 oder 2050 tun werden? Ich bezweifle, dass eine dieser Regierungen dann noch im Amt sein wird. Was wir wirklich tun müssen, ist, zu prüfen, ob die derzeitige Politik so ausgerichtet ist, dass sie die zugesagten Dinge tatsächlich erreicht. Ich glaube, dass die Europäische Union dabei führend sein kann. Dennoch bleiben die USA wichtig, China wird immer wichtiger. Es ist jetzt von Bedeutung, zu zeigen, dass die Ziele und die Politik der Europäischen Union mit den Zielen des Pariser Abkommens vereinbar sind.

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Katrin Uhlig: Die Frage nach dem 1,5-Grad-Ziel und einer grundsätzlich konsequenten Zielvorgabe liegt mir persönlich sehr am Herzen. Was mich ursprünglich in die Politik gebracht und mich für den Bundestag kandidieren ließ, ist die Vorstellung, dass tatsächlich etwas getan werden muss, um diese Ziele zu erreichen, und dass sie umgesetzt werden müssen. Die neue Bundesregierung ist erst seit wenigen Monaten im Amt und arbeitet mit Hochdruck an den ersten Schritten. Ich habe das Gefühl, dass wir uns eigentlich mehr auf die Ziele zubewegen, anstatt nur über die Ziele zu reden – dass gerade wirklich eine Veränderung stattfindet. Die Europäische Union hat ihre Green-Finance-Kriterien trotz der Einwände von NGOs, Investor*innen, Mitgliedsstaaten und ihrer eigenen Expert*innengruppe auf Atom- und Erdgaskraftwerke ausgeweitet. Meine Partei ist darüber nicht sehr glücklich, und darüber wird auf europäischer und nationaler Ebene viel diskutiert.

Herr Chowdhury, parlamentarische Netzwerke wie der Global Renewables Congress arbeiten daran, den Austausch unter Abgeordneten weltweit zu verbessern. Was brauchen wir noch, um diese Zusammenarbeit zu stärken?

Saber Chowdhury: Letztendlich geht es darum, gemeinsam herauszufinden, wie einzelne Parlamentarier*innen und die Gesamtheit der nationalen Parlamente das Thema Energieversorgung besser verstehen können. Wie können wir die Lernkurve verkürzen? Auf Prozessebene ist es wichtig, Erfahrungen auszutauschen. Nachhaltige Agenden fassen langsam Fuß, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Was jedoch absolut entscheidend ist, ist das gemeinsame Bedürfnis, die Wünsche der Menschen zu erfüllen, und zwar aller Menschen – ganz nach dem Motto der Vereinten Nationen: „Leave no one behind“. Wie können wir junge Menschen einbeziehen und ihre volle Eigenverantwortung und ihr Engagement erhalten? Wie können wir als Parlamentarier*innen in unseren eigenen Ländern mit der jungen Generation in Kontakt treten und ihr helfen, die Zukunft für sich zu beanspruchen? Schließlich geht es um eine Agenda für die Jungen. Diese muss daher auch von den Jungen sein. Ich glaube, es dreht sich alles um Innovation, Inspiration und Motivation.


Global Renewables Congress

Der Global Renewables Congress, ein inter­nationales Parla­mentarier*innen-Netzwerk mit Fokus auf erneuer­baren Energien, unter­stützt den Austausch von Abgeordneten unter­schiedlichster Staaten zum Thema sozial gerechter Klima­schutz. Ziel ist der über­parteiliche Diskurs zum Thema erneuer­bare Energien und „Just Transition“, deren Potenziale, aber auch Hürden, Konflikte sowie Notwendigkeiten zu ergründen und im Austausch mit Parla­mentarier*innen zu überwinden. Gefördert wird das Netzwerk, das 2018 vom World Future Council ins Leben gerufen wurde und unter der Schirm­herrschaft der ehemaligen Umwelt­politikerin Bärbel Höhn steht, durch die Deutsche Bundes­stiftung Umwelt und die Stiftung Mercator.

www.renewablescongress.org/