Kicken fürs Klima

Autorin: Judith Jenner Fotos: Boris Streubel 14.12.2022

Der FC Internationale Berlin 1980 ist der erste Amateur­verein mit Nachhaltig­keits­zertifikat. Wie auch kleine Schritte Entlastung fürs Klima bringen, zeigt ein Besuch im Vereins­heim in Schöneberg.

Paco und Lio sind nach dem Training hungrig. Auf dem Fußball­platz des FC Internationale Berlin 1980 haben sie Torschüsse und Passen geübt. Jetzt stellen sich die Sechs­jährigen am Grill für eine Bratwurst an. Auf ihren Trikots prangt groß das Motto des Vereins: No Racism.

Zusammen gegen Rassismus: Paco und Lio spielen beim FC Internationale Berlin
Zusammen gegen Rassismus: Paco und Lio spielen beim FC Internationale Berlin © Boris Streubel
Oliver Brendle ist Nachhaltigkeitsbeauftragter des Vereins
Oliver Brendle ist Nach­haltig­keits­beauftragter des Vereins © Boris Streubel
Anton Klischewski beschäftigte sich im Studium mit fairen Lieferketten
Anton Klischewski beschäftigte sich im Studium mit fairen Lieferketten © Boris Streubel

Für Anton Klischewski, Oliver Brendle und andere Vereins­mitglieder gab dieser Claim den Anstoß, sich dem Thema Nachhaltig­keit zu widmen. Das Ergebnis: Im April 2021 hat der TÜV Rheinland dem FC Internationale Berlin als erstem Amateur­verein Deutschlands bestätigt, die Nachhaltig­keits-Standards des Zentrums für Nachhaltige Unternehmens­führung der Universität Witten/Herdecke zu erfüllen. Gut sichtbar hängt die Zertifizierungs­urkunde im Schau­fenster des Fanshops der Interarena, des Vereinsheims.

Für andere Sportvereine ist der FC Internationale Berlin zum Vorbild geworden. Ein Verein folgte bereits seinem Beispiel: In Köln gibt es mit dem Fußballclub Vorwärts Spoho Köln, der von Studierenden der Sport­hoch­schule Köln gegründet wurde, einen weiteren Amateur­verein mit Nach­haltigkeits­zertifikat. Das Potenzial für Nachahmer*innen ist riesig, insgesamt sind 23,4 Millionen Menschen bundes­weit in etwa 87.000 Sport­vereinen organisiert.

„Wir haben uns gefragt, was No Racism nicht nur hier in Berlin-Schöneberg für uns bedeutet, sondern auch in einem größeren Kontext hinsichtlich der globalen Liefer­ketten“, erzählt Anton Klischewski auf einer Bierbank neben einem Beet, das Vereins­mitglieder im Sommer mit bienen­freundlichen Blumen bepflanzt haben.

Der ehemalige Inter-Spieler hat Sportmanagement studiert und in seiner Master­arbeit die Corporate Social Responsibility, kurz CSR, europäischer Fußball­vereine unter die Lupe genommen. Dem etwa zehn­köpfigen Nachhaltig­keits­beirat des FC Internationale Berlin ging es im ersten Schritt vor allem darum, den Fanshop auf fair hergestellte Produkte umzustellen.

Mit fair gefertigten Fußbällen kicken die Hobbysportler*innen schon länger. Auf den Wasch­zetteln der T-Shirts oder Turnbeutel fanden sich aber noch das übliche „Made in Indonesia“ oder „Made in Bangladesh“. „In diesen Ländern besteht das Risiko, dass soziale und ökologische Standards in der Textil­industrie nicht eingehalten werden“, sagt Anton Klischewski. „So war eine unserer ersten Amts­handlungen, einen Anbieter für fair produzierte Textilien aus Bio­baum­wolle zu finden.“ Für die neue Kleidung hat der FC Internationale Berlin sogar ein eigenes Nachhaltig­keits­logo entwickelt.

Der Fußballverein lässt seine Trikots aus fair produzierter Bio-Baumwolle herstellen.
Der Fußballverein lässt seine Trikots aus fair produzierter Bio-Baumwolle herstellen. © Boris Streubel

Ideenwettbewerb „Engagiert für Klimaschutz“ vom BBE
Bewerber*innen aufgepasst: Gesucht werden innovative Ideen, wie Organisationen in Kultur, Sport oder im sozialen Bereich eigene Zugänge zum Thema Klima­schutz entwickeln, selbst in ihrem Umfeld aktiv werden und so den politischen und gesell­schaftlichen Diskurs bereichern.

Neue Bewerbungen sind bis zum 23. Februar 2023 möglich!
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Nachhaltigkeit auf allen Ebenen

Aus diesem Projekt wurde bald mehr. In stunden­langen Video­konferenzen entstand ein Nach­haltig­keits­management­system. Oliver Brendle brachte als Gründungs­mitglied des Vereins, Nachhaltigkeits­experte und Prüfer beim TÜV Rheinland seine Expertise ein. Unter anderem hat er den 1. FC Köln zertifiziert und sich gefragt, ob so etwas nicht auch im Amateur­sport möglich sei.

1980 gegründet von Mitgliedern der Friedens­bewegung, tickte der FC Inter­nationale Berlin schon immer etwas anders als andere Sportclubs. Von Anfang an setzte er sich für soziale Themen ein. Projekte mit Schulen und Geflüchteten gehören zu den Aktivitäten des Vereins, der heute 1300 Mitglieder und 50 Teams zählt. „Ein gutes Miteinander ist uns wichtiger als Leistung“, beschreibt Oliver Brendle den Vereins­spirit. Dennoch ist das Niveau auf dem Schöneberger Kunst­rasen des FC Inter­nationale Berlin hoch. Hier haben schon echte Profis ihre Karriere begonnen wie Hertha-Innen­verteidiger Linus Gechter.

Auf dem Platz hat inzwischen das Training der C-Mädchen begonnen. Trainerin Nikola teilt die Teams ein. Sie passen sich den Ball zu und wärmen sich für das Trainings­spiel gegen die B-Mannschaft auf, das gleich ansteht. Den Frauen­fußball zu fördern, ist ein weiteres Anliegen des Vereins. Acht rein weibliche Teams gibt es. Mit der ersten Chef­trainerin im Amateur­fußball schaffte es der FC Internationale Berlin bereits in den 90ern in die Schlag­zeilen.

Seit der Gründung des Berliner Vereins steht das soziale Engagement im Vordergrund
Seit der Gründung des Berliner Vereins steht das soziale Engagement im Vordergrund © Boris Streubel
Beim FC Inter kicken acht rein weibliche Teams
Beim FC Inter kicken acht rein weibliche Teams © Boris Streubel

Sebastian Brandstätter ist über seine Tochter zum Verein gekommen und trainiert seit Jahren Mädchen­mann­schaften. Aus einer Papier­tüte sucht er am Spiel­feld­rand bunte Sport­schuhe für eine Spielerin heraus. Die hat eine Mutter mitgebracht, weil ihre Tochter raus­gewachsen ist. „Jetzt sind schon fast alle weg“, freut er sich. Denn nachhaltiger als jedes Bioshirt ist es, Sport­kleidung möglichst lange zu tragen und nicht ständig neue zu kaufen.

Auf seinem zweiten Nachhaltigkeitsfest im Juni dieses Jahres organisierte der FC Internationale Berlin neben Workshops und Diskussions­runden auch eine Kleider­tausch­börse. Abgelegte Sport­klamotten und Schuhe tauschten die Mitglieder untereinander. Ein Team nähte alte Trikots zu Kultur­beuteln und Federtaschen um und reparierte kaputte Kleidung. Dort kam auch Paco zu seinem Shirt. „Ich fand es total spannend, zu sehen, was eigentlich im Hinter­grund in Sachen Nachhaltig­keit passiert“, sagt seine Mutter Gitajali Schmelcher. Die Aktionen des Vereins liefern auch Denkanstöße, den eigenen Alltag nachhaltiger zu gestalten.

Mehr als die Kleidung fällt bei der CO2-Bilanz des Vereins die Mobilität ins Gewicht. Mehr Stellplätze für Fahrräder sollen motivieren, nicht mit dem Auto zum Training zu kommen. Zu Auswärts­spielen bilden die Spieler*innen wenn möglich Fahr­gemeinschaften oder nehmen den Vereinsbus.

Um CO2 einzusparen, ermutigt der Verein seine Mitglieder mit dem Rad zu kommen
Um CO2 einzusparen, ermutigt der Verein seine Mitglieder mit dem Rad zu kommen © Boris Streubel

„Über ein Umwelt- und Sozialprojekt in Uganda von myclimate kompensieren wir einen CO2-Ausstoß von fünf Tonnen pro Jahr. Das ist mehr, als wir an den Standorten und mit dem Kleinbus direkt emittieren. Ab 2023 werden wir auch Emissionen erfassen, die nicht direkt von uns beeinflusst werden, also An- und Abreisen, Zuschauer*innen oder die Liefer­kette“, sagt Anton Klischewski. Seit Februar hat er eine vom Landes­sport­bund finanzierte halbe Stelle, mit der er sich ausschließlich dem Thema Nachhaltigkeit widmet.

Das ermöglicht ihm, auch größere Projekte anzugehen wie das Programm „INTERACTION – für mehr Klimaschutz im und durch Sport“. Als ein von fünf Pilot­projekten im Bereich Klimaschutz gewann der Verein einen Ideen­wett­bewerb des Rahmen­programms „Engagiert für Klimaschutz“ des Bundes­netz­werkes Bürgerschaftliches Engagement. Mit dem Preisgeld stellte der Verein im Juni unter anderem seinen zweiten Nachhaltig­keits­tag auf die Beine, mit Workshops und hochkarätig besetzten Podiums­diskussionen. Auf der größten europäischen Sportmesse, der SPOBIS in Düsseldorf, gewann der Verein den erstmals verliehenen Award für Nach­haltigkeit im Sport – und setzte sich damit sogar gegen den FC St. Pauli durch.

Hinweisschilder helfen bei der korrekten Mülltrennung
Hinweisschilder helfen bei der korrekten Mülltrennung © Boris Streubel
Wenn Schuhe oder Trikots zu klein sind, geben die Spielerinnen und Spieler sie an Jüngere weiter
Wenn Schuhe oder Trikots zu klein sind, geben die Spielerinnen und Spieler sie an Jüngere weiter © Boris Streubel

Mehr als gute Vorsätze

Die Idee, das Thema Nachhaltigkeit in den Sport zu tragen, ist den Mitgliedern der AG Nachhaltig­keit eine Herzens­angelegenheit. „Man erreicht über den Sport einfach unheimlich viele Leute“, sagt Oliver Brendle. „Sie nehmen hoffentlich auch die ein oder andere Anregung mit nach Hause.“

Das Zertifikat wird nur für drei Jahre vergeben. Die jährlichen Kontrollen führen seiner Erfahrung nach dazu, dass Unternehmen oder Organisationen am Ball bleiben. „Sonst versanden die guten Vorsätze schnell, und es kommt immer etwas Wichtigeres dazwischen“, sagt er.

Doch nicht bei allen stoßen die Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit auf Gegenliebe. Da ist zum Beispiel das Bratwurst-Dilemma. Eine Mitglieder­umfrage hat ein Interesse an veganen und vegetarischen Alternativen gezeigt. Am liebsten würden die Mitglieder der AG Nachhaltig­keit komplett auf Biofleisch umstellen. Das ist aber nicht halal, also nach islamischem Ritus geschlachtet, was dem inklusiven Gedanken des Vereins mit vielen türkisch- und arabisch­stämmigen Mitgliedern wider­spricht.

Immerhin: Bei den Feriencamps gibt es kaum noch Fleisch. Das Ziel ist, dort 80 Prozent Bio­lebens­mittel und ansonsten regionales Essen anzubieten. Die höheren Kosten möchte der FC Internationale Berlin künftig durch einen neu gegründeten Nach­haltigkeits­fonds abfedern, der durch Spenden gefördert werden soll. Auch auf Einweg­geschirr verzichtet der Verein: Die Apfel­schorle nach dem Training trinken Spieler*innen aus Pfand­flaschen. Für eine korrekte Müll­trennung sind die Tonnen am Spiel­feld­rand und in den Umkleiden übersichtlich beschriftet.

„Eine gute Kommunikation geht langsam und Schritt für Schritt. Die Mitglieder sollen nicht das Gefühl haben, dass ihnen etwas genommen wird“, sagt Anton Klischewski. Oliver Brendle ergänzt: „Nachhaltigkeit muss Spaß machen, sonst stößt sie auf Ablehnung.“

In Zukunft wird der FC Internationale Berlin möglicher­weise auf dem ersten Platz Berlins mit Korkbelag kicken. Kork ist ein natürliches Material, bei dem der Abrieb von Mikro­plastik entfällt. Noch muss er allerdings den Praxistest bestehen.


BBE Engagiert für Klimaschutz

In Sport- und Kulturvereinen oder Katastrophen­schutz- und Wohl­fahrts­verbänden dreht sich das Engagement längst auch um den Klima­schutz. Das haben die Veranstaltungen von „Engagiert für Klimaschutz“ des Bundes­netz­werkes Bürgerschaftliches Engagement gezeigt. Besonders spannende Projekte wie der Verein FC Internationale Berlin wurden schon gefördert. Neue Bewerbungen sind bis zum 23. Februar 2023 möglich!

www.b-b-e.de/projekte/engagiert-fuer-klimaschutz/