Fußball, Demokratie und Nachhaltigkeit – Passt das zusammen, Philipp Lahm?

Philipp Lahm beim Mercator Talk in Berlin.
Fußball, Demokratie und Nachhaltigkeit – Passt das zusammen, Philipp Lahm?
Autorin: Sophie Greve 04.04.2024

Toooooor – auf solche Schreie vor den Fernsehern des Landes hoffen wir im Juni 2024. Dann startet die EM in Deutschland, ein Sport­ereignis, welches durch die ganze Gesellschaft hinweg begeistert. Dieses Jahr als Turnier­direktor in der Leitung mit dabei: Philipp Lahm. Der ehemalige Profi-Fußballer ist bekannt dafür, dass er sich für Engagement in Sport, Nachhaltigkeit und Demokratie einsetzt. Wie können all diese Themen im Fußball allgemein und speziell bei der EM zusammen­gedacht werden? AufRuhr hat nachgehakt.

Herr Lahm, die Europameisterschaft 2024 steht unmittelbar bevor, und Sie übernehmen eine zentrale Rolle als Turnier­direktor. In Interviews haben Sie bereits betont, dass die EM über die reine Fußball­freude hinaus ein „Wir-Gefühl“ schaffen soll und eine „Zeitenwende“ nötig ist. Was genau meinen Sie damit?

Die Zeitenwende ist auch im Sport im Gange. Mit Blick auf die Europa­meister­schaft 2024 heißt das: In einer Zeit, in der Europa mit verschiedenen Heraus­forderungen konfrontiert ist, ist es entscheidend, den Zusammen­halt und die Solidarität zu stärken, um ein demokratisches Europa zu erhalten. Die EM 2024 bietet eine einzigartige Gelegen­heit, diese Werte zu fördern, um gemeinsam für ein freies und demokratisches Europa ein­zu­treten. Oder einfach gesagt: weniger Ich, mehr Wir.

Nach den Weltmeister­schaften in Russland und Katar findet die EM nun in Deutschland statt: Auf welche Weise kann und sollte ein Fußball­turnier zur Demokratie beitragen?

Ein Fußballturnier wie die EM2024 kann auf viel­fältige Weise zur Demokratie beitragen. Menschen aus verschiedenen Kulturen kommen zusammen, um gemeinsam ihre Leidenschaft für den Sport zu teilen. Dies fördert Zusammen­halt und Solidarität und zeigt, wie eine viel­fältige Gesellschaft harmonisch zusammenleben kann. Es ist einfach wichtig, dass man sich begegnet. Darüber hinaus bieten Sport­vereine Möglichkeiten für demokratische Teilhabe und Engagement auf lokaler und nationaler Ebene. Durch die Förderung von Werten wie Fairplay, Inklusion und Teamwork trägt der Fußball dazu bei, das Gemein­wohl zu fördern. Ein Großereignis wie die EM muss darauf einzahlen.

Philipp Lahm
© Alexander Hassenstein/Getty Images

Philipp Lahm
Der ehemalige Fußball­profi ist bekannt durch seine Siege als Kapitän der deutschen National­mannschaft. Nach dem Ende seiner aktiven Fußballer-Karriere gründete er 2007 die Philipp Lahm-Stiftung, die benachteiligte Kinder und Jugendliche fördert. Im Jahr 2024 ist er Turnier­direktor der EM in Deutschland.

Im Kontext der drängenden globalen Herausforderung des Klimawandels haben Sie sich außerdem zur Nachhaltigkeit im Rahmen der Europa­meister­schaft geäußert. Wie passen Groß­veranstaltungen wie die EM und Nachhaltigkeit zusammen?

Philipp Lahm bei einer Talkrunde
Philipp Lahm im Interview
Wie kann Sport gesellschaftliche Wirkung entfalten? Lahm im Gespräch mit More in Common Geschäftsführerin Laura Krause bei einer Veranstaltung der Stiftung Mercator in Berlin. © Santiago Tascón

Die Europameisterschaft 2024 und Nachhaltig­keit sind miteinander verbunden, wie durch die ESG-Strategie der UEFA für die diesjährige EM – die EURO 2024 – deutlich wird. Ohne geht es heute nicht mehr. Diese Strategie setzt klare Ziele für Umwelt, Soziales und Governance und strebt danach, das Turnier zu einem Vorbild für nach­haltige Sport­veranstaltungen zu machen. Durch die Reduzierung der Umwelt­auswirkungen, Investitionen in Klima­schutz­projekte und die Förderung sozialer Gerechtig­keit soll die EURO 2024 nicht nur ein Fußballfest sein, sondern auch einen Beitrag zur Gesellschaft und Umwelt leisten. Beispiels­weise werden Maßnahmen zur Abfall­wirtschaft und Investitionen in einen Klima­fonds zur Kompensation von Emissionen ergriffen. Die Strategie legt auch Wert auf die Förderung gesunder Lebens­weisen, die Bekämpfung von Diskriminierung und die Stärkung der Solidarität durch den Breiten­sport. Durch transparentes und verantwortungs­bewusstes Handeln soll die UEFA EURO 2024 Standards für nachhaltige Groß­veranstaltungen setzen und als Vorbild für künftige Events dienen.

Nach einer außergewöhnlichen inter­nationalen Karriere und neben Ihrer aktuellen Position als Turnier­direktor engagieren Sie sich auch für Fußball­projekte auf lokaler Ebene, teilweise durch Ihre eigene Stiftungs­arbeit. Was hat Sie zu diesem Engagement bewegt?

Fußball hat die Kraft, Menschen zu vereinen, Verständigung zu fördern und Gemeinschaft zu stiften. Dies entfaltet sich vor allem in den Amateur­fußball­vereinen, die ein sehr wichtiger Begegnungs­ort sind. Hier habe ich früh gelernt, was auch für die Gesellschaft wichtig ist: der respektvolle Umgang miteinander, Toleranz, Fairplay und das Einhalten von Regeln. Die Erfahrungen in meinem Jugend­verein haben mich geprägt und mir meinen weiteren Werde­gang erst ermöglicht. Ein Profi sollte nie vergessen, wo seine Karriere begonnen hat.

Ich habe im Verein schon früh gelernt, dass es nie hilft, nach einer Niederlage mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern dass man Krisen nur gemeinsam meistert und dass Zusammen­halt die Voraus­setzung dafür ist. Das gilt genauso für unsere Gesellschaft, der es nicht nützt, die Schuld für Krisen bei anderen, etwa bestimmten Menschen­gruppen, zu suchen. Mich bewegt die Frage, wie wir ein freies, gemeinschaftliches und friedliches Zusammen­leben ermöglichen können, auch als Stifter. Der Sport hat eine gesellschaftliche Verantwortung.

Der Sport hat eine gesellschaftliche Verantwortung.

Philipp Lahm

Mit großer Zuversicht betrachte ich, dass Millionen Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft aktuell ein starkes Zeichen für unsere Demokratie und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft setzen. Die Menschen haben ein gutes Gespür dafür, wann es Zeit ist, sich zu engagieren. Ich bin überzeugt, dass auch der Sport einen wichtigen Beitrag für die Stärkung unserer demokratischen Kultur leistet, in dem er diese wichtigen Impulse aus der Mitte unserer Gesellschaft im Alltag verankert und (vor-)lebt.

1,7 Millionen Menschen engagieren sich als Ehrenamtliche oder Freiwillige für den Amateur­fußball. Sie bilden die Basis der Fußball­organisation. Was glauben Sie, braucht es, um Menschen für ehrenamtliches Engagement im Sport zu motivieren, und wie können Vereine und Organisationen dieses Engagement fördern und unterstützen?

Ehrenamt und gesellschaftliches Engagement sind das Rückgrat unserer Bürger­gesellschaft. Sie sind elementar für das Vereins­leben, für das Gemeinwohl, für das Zusammen­leben in unserem Land. Deswegen engagiere ich mich persönlich auch weiterhin in meinem Heimat­verein, dem ich viel zu verdanken habe und für den heute mein Sohn kickt.

Philipp Lahm, Tournament Director UEFA EURO 2024 and Celia Sasic, Tournament Ambassador UEFA EURO 2024 poses with the UEFA EURO 2024 Winners Trophy during the UEFA EURO 2024 Brand Launch at Olympiastadion on October 05, 2021 in Berlin, Germany.
Ehrenamt verdient Support – Gemeinsam gaben Philipp Lahm und Celia Šašić den Impuls zu "#2024undDu", um freiwilliges Engagement und gemeinnütze Projekte rund um die EURO 2024 zu entwickeln. © Alexander Hassenstein/Getty Images

Ich habe großen Respekt für alle, die sich für ihre Herzens­themen einsetzen, die etwas bewegen wollen. Sie verdienen Anerkennung und Unterstützung. Deswegen habe ich mit Celia Šašić, der ehemaligen Fußballerin und heutigen DFB-Vize­präsidentin für Gleich­stellung und Diversität, den Beteiligungs­prozess #2024undDu! initiiert. Wir wollten der engagierten Bürgerschaft zuhören und neue Ideen für Gemeinwohl und ehren­amtliches Engagement gewinnen. Über 18.000 Ideen sind eingegangen. Die Themen sind vielfältig: Sie reichen von sozialer und ökologischer Nach­haltig­keit, kultureller Vielfalt bis zu Inklusion. Mein Projekt „treffpunkt fußball” knüpft an die Ergebnisse des Beteiligungs­prozesses an. Wir schaffen ein bundes­weites digitales Vereins­netz­werk, in dem sich Vereine vernetzen, voneinander lernen und Förder­mittel für Projekte zu den genannten Ideen erhalten können. Es ist wichtig, dass gesellschaftliches Engagement sichtbar wird. So inspiriert es andere und entfaltet Wirkung.

Welche wichtigen Lektionen haben Sie aus Ihrer Zeit als Profi­spieler gelernt, die Sie auch außerhalb des Spiel­felds anwenden?

Aus meiner Zeit als Profifußballer habe ich zahl­reiche wertvolle Lektionen mitgenommen, die sich nicht nur auf das Spielfeld beschränken. Besonders wichtig waren für mich Teamwork und Zusammen­arbeit, da ich lernte, mich auf meine Mitspieler zu verlassen und gemeinsame Ziele zu verfolgen. In meinen Führungs­positionen habe ich Einblicke in die Teamführung und die Übernahme von Verantwortung gewonnen. Zudem habe ich gelernt, mit Niederlagen und Rückschlägen umzugehen, ohne den Mut zu verlieren. Ich habe stets Fairplay und Respekt sowohl auf als auch neben dem Platz gezeigt. Persönliche Weiter­entwicklung und ständige Verbesserung waren für mich ebenso wichtig, um mein volles Potenzial auszuschöpfen und meine Ziele zu erreichen.


Mercator Talk mit Philipp Lahm: Treffpunkt Fußball

Was genau ist die gesellschaftliche Kraft des Fußballs? Dieser Frage widmeten sich Philipp Lahm und Laura Krause, Geschäfts­führerin bei More in Common, beim Mercator Talk am 19. März 2024 im ProjektZentrum Berlin. In unseren Mercator Talks sprechen wir mit Expert*innen und hoch­rangigen Gästen zu den Themen, die uns als Stiftung aktuell bewegen.

www.stiftung-mercator.de/veranstaltungen

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