„Klimakrise ist medizinischer Notfall“

Autor: Matthias Klein 14.07.2020

Die Klimakrise sei die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts, sagt der Kabarettist Eckart von Hirschhausen im Interview. Seine Therapie: Das tun, was dem Planeten gut tut – und gleichzeitig dem eigenen Körper. Und bei aller Dramatik: eine Prise Humor bewahren.

Herr von Hirschhausen, Mutter Erde hat Fieber, sagen Sie mit Blick auf den Klimawandel. Wie sieht Ihre Diagnose aus? 

Eckart von Hirschhausen: Unsere Mutter Erde ist krank, sie hat hohes Fieber und das steigt weiter. Sie gehört auf die Intensivstation mit „Multiorganversagen“, wenn man die Symptome zusammenzählt, ein echter Notfall. Wenn man noch lachen könnte, könnte man sagen, sie hat eine schwere Infektion mit Homo sapiens und anderen Rindviechern. Wir als ihre Kinder sind existentiell darauf angewiesen, dass wir sauberes Wasser haben, saubere Luft, gesundes Essen und eine erträgliche Außentemperatur. Alle diese Dinge, die wir für selbstverständlich hielten, sind es nicht. Der Körper ist ein guter Lehrmeister uns zu zeigen, wie schnell wir bei einer steigenden Außentemperatur buchstäblich zusammenbrechen. Hitzewellen und Hitzetote sind aber nur eine der vielen Auswirkungen. Mücken, die Tropenkrankheiten übertragen, können sich wieder ansiedeln, Allergien nehmen zu und die Abgase und insbesondere die kleinen Feinstaubteilchen gehen durch die Lunge direkt ins Blut und tragen zu Herzinfarkt, Schlaganfall und sogar zu Diabetes bei, weil unser Körper sich in einem permanenten Abwehrmechanismus befindet. Und das Dümmste an all diesen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit ist: Der Klimawandel ist eindeutig von uns Menschen verursacht.

© Frank Eidel

Dr. Eckart von Hirschhausen

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Kabarettist und Wissenschaftsjournalist. In den 90er Jahren entwickelte er das medizinische Kabarett als eigene Kunstform. Er verbindet medizinische Inhalte mit Humor und nachhaltigen Botschaften.

Welche Behandlung würden Sie verordnen?  

von Hirschhausen: Müll sortieren wird nicht reichen. Die Behandlung muss an mehreren Bereichen ansetzten, wie Energieerzeugung, Mobilität und Ernährung. 100 Prozent erneuerbare Energie ist in Deutschland technisch möglich, ökonomisch sinnvoll und erst recht ökologisch geboten. Es gibt die Lösungen längst, es fehlt der politische Wille, sie umzusetzen. Und aus Angst um die 20.000 Arbeitsplätze in der veralteten und desaströsen Kohle wird ein Eiertanz aufgeführt, statt dass wir über die Zukunftschancen sprechen, die wir gerade verspielen. In der deutschen Solarbranche sind 80.000 Arbeitsplätze vernichtet worden, über die sich jetzt die Chinesen freuen.

Was kann jeder Einzelne tun? 

von Hirschhausen: Im Privaten sind es drei Bereiche, die den persönlichen Verbrauch ändern: Häuser isolieren, Radfahren statt Auto und Gemüse statt Fleisch. Als Arzt interessiert mich der gesundheitliche Vorteil dieser Maßnahmen. Ich atme lieber die Abgase von zehn Radfahrern ein als von einem Diesel. Und in einer Welt, in der rund zwei Milliarden Menschen übergewichtig und eine Milliarde mangelernährt sind, müsste es doch eine bessere Verteilung zum Wohle aller geben, oder? Die Idee einer „Planetary Health Diet“ verbindet das, was dem Körper guttut, mit dem, was dem Planeten guttut. Und das ist vor allem weniger Fleisch, weniger Zucker und Milchprodukte, mehr Nüsse, Hülsenfrüchte und buntes Gemüse. Das kann man den Menschen nicht „vorschreiben“, aber „verschreiben“. Denn es kann Millionen Herzinfarkte und Schlaganfälle, praktisch alle großen Zivilisationskrankheiten verhindern, wenn wir uns mehr bewegen und weniger Übergewicht anhäufen. Wir müssen viel mehr betonen, welche Vorteile wir selber haben, wenn wir für den Klimaschutz handeln. Wenn wir unsere krankmachenden Konsummuster unterbrechen, geht es nicht um Mangel oder Verzicht, sondern um das einzig Sinnvolle und Langfristige: um einen Zugewinn an Lebensqualität.

Wir müssen viel mehr betonen, welche Vorteile wir selber haben, wenn wir für den Klimaschutz handeln.

Wann ist Ihnen persönlich bewusst geworden, dass Handeln so dringend nötig ist?

von Hirschhausen: Entscheidend für mich war meine Begegnung mit Jane Goodall. Ich traf sie vor fast zwei Jahren für ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis, und diese Dame von über 80 Jahren ist eine der charismatischsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein für die Menschenaffen. Heute ist sie die weltweit bekannteste Umweltaktivistin. Sie stellte mir eine ganz einfache Frage: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause? Diese Frage hat mich schlucken lassen und mir aufs Eindringlichste gezeigt, dass wir handeln müssen.

 

Eckhart von Hirschhausen bei der Fridays for Future Demonstration in Berlin am 20.09.2019. Zusammen mit zahlreichen Ärzten und Funktionären der Charité in Berlin hat er das Bündnis "Health for Future" ins Leben gerufen. Die These ist: bei 42 Grad würde man bei einem Menschen den Notarzt rufen. Dieser Fall ist jetzt bei der Erde eingetreten.
© Dominik Butzmann

Wie reagieren Sie in Ihrem Leben auf diese Erkenntnis?

von Hirschhausen: Mein wichtigstes Anliegen ist aktuell, die Gesundheitsberufe zu aktivieren. Am 20. September habe ich beim globalen Klimastreik vor dem Brandenburger Tor zu 270.000 Menschen sprechen dürfen, warum die Klimakrise ein medizinischer Notfall ist. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte genießen ein hohes Vertrauen bei den Menschen, und sie haben sich verpflichtet, Leben zu retten und auf Gesundheitsgefahren hinzuweisen.

Deshalb spielt Health for Future eine zentrale Rolle, um viele Menschen aufzuwecken. Und deshalb bin ich stolz, dass wir zusammen mit der Allianz Klimawandel und Gesundheit vor der Charité demonstriert haben, ich für das Auswärtige Amt über „One Health“ sprechen durfte, auf dem World Health Summit eine Pressekonferenz viele erreicht hat und dass die Ärzteverbände vom Weltärztebund, dem Lancet Climate Countdown bis zum Deutschen Ärztetag jetzt Klimakrise und Gesundheit voranbringen. Höchste Zeit, denn uns bleiben nur wenige Jahre, die Erde für Menschen bewohnbar zu halten. Deshalb habe ich gerade meine neue Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen gegründet.

Was sind die Ziele Ihrer neuen Stiftung?

von Hirschhausen: Mit der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen machen wir die Bedeutung des Klimawandels für unser aller Gesundheit verständlich und zeigen in positiven Zukunftsentwürfen auf, wie wir mit nachhaltigeren Lebensmodellen Erde und Menschen gesund halten können. Unser Schwerpunkt liegt in einer Klimakommunikation, die die Menschen erreicht: lösungsorientiert, humorvoll, verständlich, beseelt, visionär. So wollen wir dazu beitragen, dass die notwendige Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neues Futter und neuen Schwung bekommt. Es gilt, Menschen in der Mitte der Gesellschaft zu begeistern und existierende Netzwerke mit hohem Einfluss für das Thema zu gewinnen. Wir schaffen es gemeinsam oder gar nicht. Wir sind überzeugt von den positiven Kräften in Wissenschaft, Demokratie und einer engagierten Zivilgesellschaft. Ärzt*innen und Pflegekräfte werden gehört, ebenso Kirchen, öffentliche Multiplikatoren wie Schauspieler*innen, Sportler*innen, Musiker*innen und Stiftungen. Mit diesen Multiplikator*innen werden wir zusammenarbeiten, um durch die Erklärung der Zusammenhänge von Klimawandel und Gesundheit die Notwendigkeit des gemeinsamen Handels noch bewusster zu machen.

Serie: Klimawandel und Gesundheit

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Gesundheit der Menschen aus? Was wird schon getan, was muss noch geschehen? Darüber berichten wir in unserer Serie.

Wissenschaftler*innen weisen seit Jahren auf den Klimawandel hin. Wie sehen Sie das, warum ist bislang so wenig passiert?  

von Hirschhausen: Die Corona-Pandemie hat uns gerade gezeigt, dass wir als Weltgemeinschaft in der Lage sind, auf eine gemeinsame Gesundheitsbedrohung schnell, effektiv und mit großem Einsatz und Einigkeit zu reagieren. Allerdings erfüllt Corona diverse Kriterien, die es für ein solches entschlossenes Handeln braucht: Eine unmittelbare Bedrohung, die man über Bilder für alle greifbar machen kann und deren Auswirkungen recht gut vorstellbar sind, usw. Die Klimakrise ist dagegen in unserer Wahrnehmung lange Zeit viel abstrakter geblieben – was zum Teil auch an der Art der Kommunikation lag. Gleichzeitig gibt es Interessengruppen, die massiv daran gearbeitet haben, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diskreditieren und die immer noch Zweifel gezielt schüren. Dabei ist die Sachlage klar: Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts und bedroht bereits heute unsere Gesundheit und die unserer Kinder.

Was glauben Sie: Wie kann es gelingen, Menschen zu motivieren, ihr Handeln zu verändern?

von Hirschhausen: Die Diskussion um „Umweltschutz“ wurde viel zu lange sehr theoretisch geführt. Seit ich mich mit dem Thema Klimakrise und Gesundheit eingehender beschäftige, wird mir klar, dass es keine „Umwelt“ gibt, sondern eine „Mitwelt“. Oder haben Sie zuhause Um-Bewohner? Wir brauchen eine verständliche Sprache und Bilder, so dass jeder versteht, dass ihn dieses Thema unmittelbar angeht. Und eine Prise Humor, damit die Diskussion nicht so verbiestert rüberkommt! Wenn es zum Beispiel um mehr öffentlichen Verkehr, mehr schnelle Züge, weniger Flüge und weniger Raser auf der Autobahn geht, empfehle ich: „Wer gerne schnell Porsche fährt, Vollgas, freie Strecke und das auch noch emissionsfrei in der Elektro-Variante: Wie wäre es mit einer Carrera-Bahn?“ Ich bin überzeugt, dass wir uns in einer Phase der Veränderung befinden. Fridays for Future und andere haben das Thema überall präsent gemacht. Die Menschen beschäftigen sich mit dem Klimawandel und es gibt die Möglichkeit für neue Mehrheiten, neue Ideen und Lösungen. Wir haben die Chance, die Zukunft noch im Sinne unserer Kinder zu gestalten – nutzen wir sie!

Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen

Die Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen hat das Ziel, die Bedeutung des Klimawandels für die Gesundheit verständlich zu machen.

www.stiftung-gegm.de/