Ein heißes Thema

Hitzesommer, Seniorin im Sessel mit Ventilator
Autor: Luca Pot d‘Or Fotos: Alexander Körner 07.07.2020

Hitzesommer treten durch den Klima­wandel immer häufiger und stärker auf – das kann besonders für ältere Menschen lebens­gefährlich werden. Zu Besuch im Alten­pflege­heim Käthe-Richter-Haus in Kassel.

Ein lauer Vormittag im Süden von Kassel. Einige Bewohner*innen des Käthe-Richter-Hauses, einer Alten- und Pflege­einrichtung der Arbeiter­wohl­fahrt (AWO), sitzen draußen in der Sonne auf der Terrasse. Eine Pflegerin kommt vorbei und bringt Getränke. Angehörige sind zu Besuch – selbst­verständlich mit dem nötigen Abstand. Für die Bewohner*innen des Heims fällt durch die Aufhebung des Besuchs­verbots eine große Last von den Schultern. Nach wie vor ist das Corona­virus eine große Gefahr für die Gesundheit der Menschen hier, denn die Letalität von Covid-19 ist besonders bei alten Menschen hoch. Abstands- und spezielle Besuchs­regeln sowie Atem­schutz­masken sollen eine mögliche Ansteckung verhindern. Doch draußen in der Vor­mittags­sonne kündigt sich die nächste potenzielle Gefahr an: Auf 26 Grad Celsius soll das Thermo­meter an diesem Tag klettern – bereits solche Temperaturen können für die Bewohner*innen zur Belastung werden.

Das Käthe-Richter-Haus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Kassel.
Das Käthe-Richter-Haus der Arbeiter­wohl­fahrt (AWO) in Kassel. © Alexander Körner
Balkone
Die Vorfreude auf den Sommer und die heißen Temperaturen hält sich bei den Bewohnerinnen und Bewohnern in Grenzen. © Alexander Körner

Während viele Menschen in Deutschland die heißen Sommer­tage herbei­sehnen, wird die Sonne für Menschen, die im Freien arbeiten, die krank oder die eingeschränkt bewegungs­fähig sind, und für Menschen im Alter schnell zur Lebens­gefahr. Hier in der AWO-Einrichtung in Nord­hessen ist der Sommer deshalb nur bedingt ein Grund zur Freude: „An sich freut man sich ja immer auf das gute Wetter, das hebt direkt die Stimmung. Aber zu heiß darf es auch nicht sein – da wird man im Alter empfindlich“, sagt Renate Stössel. Die 77-Jährige lebt seit drei Jahren in der Einrichtung und hat schon den ein oder anderen strapaziösen Sommer mit­erlebt. „Die Sommer werden immer heißer, und das spürt man auch. Nach­mittags ist es nur noch mit dem Ventilator und einem kühlen Getränk auszuhalten.“

Mehr Hitze­wellen durch den Klima­wandel

Immer mehr Hitzewellen verzeichnete der Deutsche Wetterdienst (DWD) in den vergangenen Jahren. Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius oder sogar darüber über mehrere Tage oder Wochen sind in ganz Deutschland keine Seltenheit mehr. Schuld daran ist der Klima­wandel. „Wenn von den Auswirkungen des Klima­wandels gesprochen wird, dann hat man oft Bilder im Kopf von Eisbären auf dem schmelzenden Packeis. Das ist weit entfernt von uns. Doch dass der Klima­wandel auch in Deutschland zunehmend gefährlich wird, ist den Menschen weniger bewusst“, erklärt Dr. Alina Herrmann von der Deutschen Allianz Klima­wandel und Gesundheit e.V. (KLUG).

Medizinerin Alina Herrmann
Die Medizinerin Alina Herrmann von der Deutschen Allianz für Klima­wandel und Gesundheit will auf die Gefahren des Klima­wandels für die Gesundheit aufmerksam machen. © Philip Benjamin

Die promovierte Medizinerin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heidelberg Institute of Global Health (HIGH) der Universität Heidelberg. Über ihr berufliches Netz­werk ist die 31-Jährige auf KLUG gestoßen, kurz nachdem die Allianz im Oktober 2017 gegründet wurde. Der Verein will auf den Klima­wandel als zentrales Thema für die Gesundheit aufmerksam machen und Strategien zum Schutz vor den Auswirkungen umsetzen. Eines der Kern­themen ist dabei die zunehmende Gefahr durch Hitze­sommer. „Dass die Sommer bei uns immer heißer werden, ist nicht nur ein Gefühl, sondern eindeutig belegt“, erklärt Herrmann. „Die Durch­schnitts­temperatur steigt durch den Klima­wandel unweigerlich weiter, und die Wetter­extreme verstärken sich. Die Hitze­wellen sind dabei nur ein Problem von vielen, das der Klima­wandel mit sich bringt. Aber in Deutschland bilden sie ein immer größeres.“

Wenn Hitze zum Tod führt

Dass die Gefahr der Hitzewellen nicht unterschätzt werden darf, zeigt allein ein Blick auf die Historie. Im Jahr 2003 hatte ganz Europa einen besonders heißen Sommer zu beklagen. Innerhalb weniger Wochen starben laut einer französischen Studie in Mittel­europa rund 70.000 Menschen an den Folgen der Hitze­welle. Auch in Deutschland forderten die hohen Temperaturen damals viele Opfer – offizielle Zahlen vom Robert-Koch-Institut (RKI) gehen von rund 7.600 Todes­fällen aus. Und die Hitze­sommer fallen in den letzten Jahren immer stärker ins Gewicht: Allein in den vergangenen beiden Rekord­sommern starben wieder Tausende Menschen, sind sich Expertinnen und Experten sicher. Manche Unter­suchungen gehen sogar von über 10.000 Hitze­toten innerhalb weniger Wochen im Sommer 2018 aus.

Hitzesommer, Bewohnerin Renate Stössel mit Ventilator
Bewohnerin Renate Stössel lebt seit drei Jahren im Käthe-Richter-Haus und hat schon so manchen heißen Sommer hinter sich. © Alexander Körner

Was ist so gefährlich an der Hitze? „Tatsächlich sterben die meisten Menschen bei starker Hitze nicht durch einen Hitz­schlag. Häufiger sind Todes­fälle durch Herz-Kreislauf- oder Atem­wegs­erkrankungen, deren Symptome sich durch die Hitze verschlimmern. Ältere Menschen, die eben oft solche Vor­erkrankungen haben, sind deshalb besonders stark betroffen“, so Herrmann. „Wenn das Blut durch Flüssig­keits­verluste dick­flüssiger wird, kann es zum Beispiel schneller zu einem Blut­gerinnsel kommen, welches in einem Herz­kranz­gefäß dann einen Herz­infarkt auslösen kann.“ Mit fort­geschrittenem Alter können Menschen ihre Körper­temperatur zudem auch nicht mehr ausreichend regulieren. Das kann einerseits an Vor­erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems liegen oder auch daran, dass man im Alter weniger schwitzt. Herrmann: „Nur Trinken reicht dann nicht mehr. Es braucht auch aktive Abkühlung, etwa durch kühle Arm- und Fußbäder.“ Auch Renate Stössel kennt das Problem aus eigener Erfahrung: „Im Gegen­satz zu anderen Leuten hier komme ich eigentlich ganz gut mit der Hitze zurecht. Doch ich merke schon, wie es mir anders geht, wenn es draußen heiß ist und ich zu wenig getrunken habe. Da kann einem schon schnell schwindelig werden.“

Serie: Klimawandel und Gesundheit

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Gesundheit der Menschen aus? Was wird schon getan, was muss noch geschehen? Darüber berichten wir in unserer Serie.

Maßnahmen insgesamt noch aus­bau­fähig

Während zum Beispiel in Frankreich die Gefahr aber schon längst erkannt wurde und umfangreiche Maßnahmen in Form eines vier­stufigen Hitze­aktions­plans getroffen wurden, fehlt in Deutschland die flächen­deckende Umsetzung dieser Maßnahmen. „Man muss anerkennen, dass sich in den letzten Jahren nach den Hitze­sommern schon etwas getan hat. Es gibt seit 2017 Handlungs­empfehlungen für die Erstellung von Hitze­aktions­plänen vom Bundes­ministerium für Umwelt. Sie basieren größten­teils auf den Empfehlungen der World Health Organization, die diese bereits im Jahr 2008 veröffentlicht hat“, sagt Herrmann. Die Umsetzung der Hitze­aktions­pläne ist wiederum Sache der Länder beziehungs­weise der Kommunen und unter­schiedlich weit fort­geschritten. Herrmann: „Hessen ist hier für uns immer ein gutes Beispiel, wie der Hitze­schutz in Pflege­heimen gut gelingen kann. Denn neben der Umsetzung der Maßnahmen gibt es hier auch die regel­mäßige Kontrolle.“ Eine jährliche Hitzeprüfung des Regierungs­präsidiums Gießen untersucht die Maß­nahmen der Pflege­einrichtungen gegen die Hitze. Über­prüft wird unter anderem, ob das Heim an das Warn­system des Wetter­dienstes angeschlossen ist, ob Maßnahmen ergriffen wurden, die Raum­temperatur zu senken, Medikamente bei Hitze ordnungs­gemäß gelagert wurden und genug Getränke zur Verfügung standen. Das Ergebnis ist erfreulich: In den aller­meisten Heimen war bei der letzten Kontrolle nichts zu beanstanden. Nur bei 29 der insgesamt 360 unter­suchten Einrichtungen gab es kleinere Mängel, die direkt behoben werden konnten.

Welche Vorkehrungen werden getroffen?

Auch das Käthe-Richter-Haus in Kassel wird immer wieder von verschiedensten Institutionen und Behörden kontrolliert – der Gesund­heits­schutz der Bewohner*innen hat höchste Priorität. Hinsichtlich der Hitze­gefahr ist man vor­bereitet: „Wir sind angeschlossen an das Hitze­warn­system des Deutschen Wetter­dienstes, bekommen so Wetter­warnungen tages­aktuell oder im Voraus und können daher früh­zeitig reagieren“, erklärt der Leiter der AWO-Einrichtung Gerald Fischer. „Zudem sind unsere Mitarbeiter*innen natürlich geschult und wissen, wie sie die Bewohner*innen an besonders heißen Tagen schützen. Dazu gehört zum Beispiel das regel­mäßige Stoß­lüften der Zimmer, sie schauen häufiger nach ihnen und fordern sie zum Trinken auf.“ Die Versorgung sei medizinisch abgeklärt mit dem Haus­arzt, um auch diejenigen Bewohner*innen optimal zu versorgen, die etwa durch ihren Medikations­plan einen anderen Flüssig­keits­bedarf haben. Auch spezielle Vorrichtungen wie abgedunkelte Markisen, Ventilatoren oder klimatisierte Aufenthalts­räume bieten Schutz vor der Sonne. „Maßnahmen wie Trinken und Lüften klingen vielleicht unbedeutend, in ihrer Gesamtheit sind die Hitze­vor­kehrungen für die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner aber ganz essenziell“, so Fischer.

Einrichtungsleiter Gerald Fischer
Einrichtungsleiter Gerald Fischer ist auf die Hitze­wellen gut vorbereitet. Das Land Hessen geht bei der Hitze­prävention in Pflege­heimen als Vorbild voran. © Alexander Körner

Die Risikogruppe wohnt alleine

Das Glas von Renate Stössel ist gerade leer, da naht schon die Pflegerin und schenkt nach. „Wir sind hier ja nicht im Knast“, scherzt Stössel, doch den Ernst der Lage kann sie sehr gut einschätzen: „In dieser Einrichtung passen die Pflege­kräfte sehr gut auf, dass wir genug trinken und nicht zu lange in der Sonne sind. Wenn ich alleine wohnen würde, hätte ich wahr­scheinlich eine größere Angst vor der Hitze.“ Denn die meisten Menschen, die durch Hitze­ein­wirkungen ums Leben kommen, wohnen einer Studie der Hoch­schule Fulda zufolge nicht in Einrichtungen, sondern alleine. Die Vorkehrungen in Pflege­heimen sind zwar der richtige Weg – passieren muss aber noch viel mehr.

Wie schütze ich mich selbst vor großer Hitze und den Folgen?

  1. Meiden Sie die Hitze!
    • Vermeiden Sie tagsüber die direkte Sonne!
    • Verzichten Sie auf den Gang vor die Tür in der heißesten Zeit (nachmittags)!
    • Verschieben Sie körperliche Aktivität im Freien auf die frühen Morgen- oder späten Abend­stunden!
  2. Halten Sie Ihre Wohnung kühl!
    • Lüften Sie nur dann, wenn es draußen kühler ist als drinnen!
    • Vermeiden Sie tags­über die direkte Sonnen­ein­strahlung durch Abdunkelung der Fenster!
  3. Halten Sie Ihren Körper kühl und achten Sie auf aus­reichende Flüssig­keits­zufuhr!
    • Tragen Sie insbesondere draußen helle, luftige Kleidung und idealer­weise eine Kopf­bedeckung!
    • Nehmen Sie eine lau­warme bis kühle Dusche (nicht kalt) oder machen Sie kühlende Wickel (z. B. für bett­lägerige Menschen)!
    • Trinken Sie ausreichend und regel­mäßig!

Ambulante Pflegedienste sind ebenso für das Thema sensibilisiert und stellen sicher, dass die Betreuten zu Hause vor der Hitze geschützt sind. Doch wer alleine lebt, aber nicht ambulant betreut wird, bleibt auf sich selbst gestellt. Die Bundes­regierung erwähnt in ihren Handlungs­empfehlungen für die Erstellung von Hitze­aktions­plänen „isoliert lebende Menschen“ als eine der Risiko­gruppen, die bei Hitze­ereignissen besonders gefährdet oder besonders schutz­bedürftig sind. Wie genau der Schutz aussehen soll, bleibt unklar. In dem Zusammen­hang werden oft Forderungen nach digitalen Warn­systemen laut, mithilfe derer die Bevölkerung schnelle Informationen zu Hitze­wellen bekommt – ähnlich wie beim Käthe-Richter-Haus und dem DWD. „Mehr Grün­flächen und öffentliche klimatisierte Aufenthalts­räume bieten den Menschen zudem eine Zuflucht aus der eigenen Wohnung, wenn dort die Temperatur zu sehr steigt“, rät Herrmann. „Aber auch ganz einfache Lösungen können schon viel ausrichten: Angehörige oder Nachbar*innen können durch häufigere Besuche oder Anrufe nachprüfen, ob es den Menschen in ihrer Umgebung in solchen Zeiten gut geht.“

In Zeiten der Covid-19-Pandemie müsse dabei natürlich auf entsprechende Abstands- und die Hygiene­regeln geachtet werden. Und gerade die Netz­werke, die sich während der Kontakt­einschränkungen zu Beginn der Pandemie gebildet haben, könnten auch während des Sommers hilf­reich sein. „Die Risiko­gruppen für die Pandemie und die Hitze­wellen über­schneiden sich zu großen Teilen. Es kann also nicht nur während einer Infektions­welle, sondern auch bei heißen Temperaturen lebens­rettend sein, für alte und kranke Menschen zum Beispiel einkaufen zu gehen.“

Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG)
Der von der Stiftung Mercator geförderte Verein ist ein Netzwerk aus Einzel­personen, Organisationen und Verbänden, das aufzeigt, welche weit­reichenden Folgen der Klima­wandel auf die Gesundheit hat.
www.klimawandel-gesundheit.de