„Musik kann eine wunderbare Wirkung haben“

Daniel Hope spielt Geige.
Autor: Matthias Klein 10.01.2018

Der Geiger Daniel Hope ist Musikvermittler. Durch eigene Projekte baut er Brücken zwischen den verschiedenen künstlerischen Welten sowie zwischen Generationen, Nationen und Religionen. Im Gegensatz zu Politikern seien Musiker mit der Wirkung dessen, was sie tun, jeden Tag konfrontiert, sagt er im Interview. Es sei nicht erforderlich, dass Musiker politische Statements formulieren. „Aber natürlich können sie auch Musik nutzen, um Erinnerungen wachzuhalten, um Menschen zu trösten, ihnen einen Halt zu geben.“

Herr Hope, in Teilen Europas ist der Nationalstaatsgedanke zuletzt in den Fokus politischer Debatten gerückt. Sie gehören zu einer weitverzweigten Familie, deren Mitglieder aus mehreren Ländern stammen. Was bedeutet Nationalität für Sie persönlich?

Daniel Hope: Nun, wie weit ich als südafrikanischer irischer Katholik mit protestantischer Verschmelzung jüdisch bin, kann ich nicht genau definieren… Ich bin eher bei H.G. Wells in diesem Punkt, der einmal sagte: „Unsere wahre Nationalität ist die Menschheit” („Our true nationality is mankind“).

Wie politisch möchten Sie als Musiker sein?

Hope: Im Gegensatz zu Politikern sind wir Musiker mit der Wirkung dessen, was wir tun, jeden Tag konfrontiert. Das wurde mir klar, als ich Stipendiat von Live Music Now in London wurde, jener wunderbaren Einrichtung von Yehudi Menuhin, die Musik in Pflegeheime, Krankenhäuser, Gefängnisse bringt und die sehr stark in Deutschland aktiv ist. Als ich mit den Zuhörern und Kindern dort im Publikum sprach, merkte ich, was für eine wunderbare Wirkung Musik auf jeden Einzelnen haben kann, nämlich eine sehr unmittelbare. In der Politik wird viel taktiert, nicht immer kann man alles tun, wie es einem gefällt, sondern muss Zugeständnisse machen und Kompromisse eingehen. Es ist nicht erforderlich, dass Musiker politische Statements formulieren. Sie sollten in erster Linie Musik machen. Aber natürlich können sie auch Musik nutzen, um Erinnerungen wachzuhalten, um Menschen zu trösten, ihnen einen Halt zu geben.

Daniel Hope beim Mercator Salon zum Thema "Von der Kraft der Musik"
© Martin Vaneslow

Daniel Hope gehört zu den bekanntesten und besten Geigern der Welt. Eine enge künstlerische Partnerschaft verband ihn mit Yehudi Menuhin, mit dem er über 60 Konzerte spielte. Vor allem aber ist Hope Musikvermittler: Durch eigene Projekte baut er Brücken zwischen den verschiedenen künstlerischen Welten sowie zwischen Generationen, Nationen und Religionen.

Yehudi Menuhin war Ihr musikalischer Ziehvater. Ihm war es ein großes Anliegen, Menschen durch Musik zusammenzuführen. Sehen Sie Ihr Engagement in seiner Tradition?

Hope: Das sollten lieber andere beantworten. Menuhin bleibt jedenfalls für uns alle ein großes Vorbild. Es gab und gibt bis heute niemanden, der nur vergleichsweise so einzigartig ist wie Yehudi Menuhin. Und das in jeder Hinsicht: wie er gespielt und gesprochen hat, was er tatsächlich bewegen konnte und wie er die Welt und die Musik gesehen hat, auf seine Art und Weise. Ganz gleich, ob es darum ging, ein Stück zu analysieren oder ob es eine humanitäre Situation war: Er ging dies stets mit Frische, mit Humor und trotzdem mit Gewicht an – gepaart mit einer Bescheidenheit, die sagenhaft war.

Ich bin der Meinung, dass viele Menschen, die für klassische Musik offen sind, sich auch anderen gesellschaftlichen Themen öffnen.

Klassische Musik ist selten offensichtlich politisch. Was meinen Sie: Wie offen ist das Publikum von klassischer Musik für gesellschaftspolitische Anliegen?

Hope: Oh, ich würde niemals das Publikum unterschätzen. Ich bin der Meinung, dass viele Menschen, die für klassische Musik offen sind, sich auch anderen gesellschaftlichen Themen öffnen. Aber der Konzertsaal ist weder eine Kirche noch ein Regierungsgebäude.

Ab 2019 sind Sie künstlerischer Leiter der Dresdener Frauenkirche. Die Frauenkirche steht für Frieden und Versöhnung, Dresden ist jedoch auch ein Zentrum rechtspopulistischer Kundgebungen. Wie möchten Sie Ihr Amt in diesem Kontext gestalten?

Hope: Schon als ich das erste Mal die Frauenkirche betrat, war ich überwältigt von dem Bau, von der Gestaltung diese Hauses. Zudem steht die Frauenkirche für so viel: Sie steht für Wiederaufbau, für Versöhnung und für Toleranz. Symbolisch ist diese Kirche für mich ziemlich einmalig in Deutschland. Mit der neugeschaffenen Position des Artistic Directors will die Stiftung Frauenkirche auch einen neuen Anfang wagen. Die Idee war, mich zu holen, um eine eigene Konzertserie zu kreieren, die meine Handschrift trägt. Es gibt bereits schon jetzt bei den Konzerten, die in Dresden stattfinden, eine internationale Zusammenstellung. Das werde ich sicherlich beibehalten. Ich selbst spiele auf der ganzen Welt und habe somit global reichende Verbindungen zu Musikern aufbauen können. Diese Freunde und Kollegen darf ich nun nach Dresden einladen. Auf der anderen Seite möchte ich auch regional denken. Dresden hat eine fantastische Tradition und es gibt wunderbare Ensembles, die nicht nur aus Dresden, sondern aus Sachsen, den neuen Bundesländern sowie ganz Deutschland kommen. Die Herausforderung wird sein, die Balance zu finden zwischen regionalen und internationalen Ensembles.

Als Musiker sind Sie viel unterwegs und kommen mit Menschen weltweit in Kontakt. Hat sich der Blick auf Deutschland im Zuge der Flüchtlingspolitik in den vergangenen Jahren verändert?

Hope: Ich finde, ja. Ich werde oft im Ausland darauf angesprochen. Die meisten Menschen finden, dass Deutschland ein Vorreiter ist, was die Frage der Menschenrechte und der humänitären Aspekte in dieser Zeit angeht. Da kann ich nur zustimmen.