Gekommen, um zu bleiben

Autorin: Carola Hoffmeister Fotos: Lukas Schulze 24.08.2021

Wer die eigene Heimat verlässt, will anderswo ankommen. Nicht nur in einem Land, sondern ganz konkret in einer Stadt, einem Viertel, einer Wohnung. Wo Geflüchtete sich nieder­lassen, ist nicht immer reiner Zufall. Sogenannte Ankunfts­quartiere bieten für viele eine erste Anlauf­stelle – oder sogar eine dauer­hafte neue Heimat. Wie lebt es sich in so einem Quartier, und was macht es aus?

Abdul Majid Saidi schiebt den Kinderwagen, seine Frau Khadije Akbari trägt das gemeinsame Baby auf dem Arm. „Das machen wir immer so“, sagt Majid und lacht. „Denn im Buggy beginnt unsere Tochter zu weinen.“ Das junge Paar, er 27, sie 21 Jahre alt, ist auf dem Weg zum Spiel­platz. Sie laufen durch Alten­dorf, einen quirligen Stadt­teil inmitten von Essen. Über die dicht befahrene Haupt­verkehrs­straße quietschen Straßen­bahnen, und im regnerischen Grau des Frühlings­tages werden die Schilder von Gemüse­händler*innen und Döner­läden zu bunten Farb­tupfern.

Ankommen ist kein Zufall

Altendorf gilt als ein sogenanntes Ankunftsquartier – ein Stadtteil, in dem Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zumindest vor­über­gehend ein neues Zuhause finden. Majid und Khadije stammen aus Afghanistan. „In Afghanistan herrscht schon lange Krieg“, sagt Khadije, die wie ihr Mann fast akzent­frei Deutsch spricht. „2012 sind meine Eltern deshalb mit meinen Geschwistern und mir nach Deutschland geflohen. Wir kamen nach Frankfurt, dort habe ich auch die Schule besucht.“ Majid erreichte Deutschland ungefähr zur gleichen Zeit. Er war allein und landete zunächst im Saarland. Schließlich folgte er einem Freund, der für ihn zur Familie in der Fremde geworden war, nach Essen-Altendorf. Das Paar lernte sich über das Internet kennen. „Nach den ersten Treffen stand für mich fest, dass ich zu Majid nach Altendorf ziehen möchte“, erinnert sich Khadije. „Ich mag es hier. Die Super­märkte, die Spiel­plätze, die Innenstadt – alles ist in der Nähe. In Frankfurt musste ich immer mit der Straßen­bahn fahren, sogar zum Einkaufen.“

Es gibt ganz unterschiedliche Typen von Ankunfts­quartieren, stellt Heike Hanhörster heraus, die am Institut für Landes- und Stadt­entwicklung (ILS) die Entwicklung von Städten im Zuge von Zuwanderung erforscht. Da sind inner­städtische Quartiere wie Altendorf in größeren Metropolen oder solche, die sich an der Peripherie ansiedeln, etwa in London. Gleich­zeitig können sich ländliche Regionen durch Arbeits­plätze etwa in der fleisch­verarbeitenden Industrie oder durch Erst­aufnahme­einrichtungen zu Quartieren der temporären oder länger­fristigen Ankunft entwickeln. „Aber egal, wo man seine Recherche zu Ankunfts­quartieren räumlich startet: Man wird in der Beschäftigung mit ihnen immer besser verstehen können, wie Menschen ihren Weg in einer Stadt finden“, so die Wissenschaftlerin. „Und woran es liegt, dass sie entweder in dem einen oder dem anderen Quartier landen.“ Als gemeinsames Merkmal stellt Hanhörster die Zugänglichkeit des Wohnungs­marktes heraus: „Klar: Wohnungen müssen verfügbar und bezahlbar sein, damit Menschen im Viertel neu Fuß fassen können“, erklärt die promovierte Raumplanerin.

Heike Hanhörster
Die Raumplanerin Heike Hanhörster erforscht die Funktionen von Ankunftsquartieren auf der ganzen Welt. © privat
Das Stadtteilbüro Blickpunkt 101 gehört mit seinem Beratungsangebot zum Essener Diakoniewerk. © Lukas Schulze

Der Wohnungsmarkt gestaltet die Viertel

In der ruhigen Seitenstraße, in der Majid und Khadije zu Hause sind, erzählen einige Häuser von der Nach­kriegs­zeit, andere mit ihren steinernen Schnörkeln von der Wende zum 20. Jahrhundert. Alle Gebäude über­zieht als Erinnerung an das Erbe des Stein­kohle­berg­baus vergangener Tage ein grauer Schleier. Die Wohnung haben die jungen Eltern über eine Wohnungs­bau­genossenschaft gefunden, und für etwa 60 Quadrat­meter zahlen sie monatlich ungefähr 350 Euro kalt. Im Essener Süden müssten sie für eine vergleich­bare Unterkunft mindestens 550 Euro aufbringen und zudem mit zahl­reichen Mitbewerber*innen konkurrieren – wobei ihr Name möglicher­weise für Benachteiligung gesorgt hätte. Laut einer repräsentativen Umfrage der Anti­diskriminierungs­stelle des Bundes machten rund 15 Prozent aller Befragten, die in den vergangenen zehn Jahren auf Wohnungs­suche waren, die Erfahrung, aus rassistischen Gründen und wegen der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder der Herkunft aus einem anderen Land benachteiligt zu werden. „Wo Wohnungs­unternehmen gezielt Viertel gestalten, indem sie in gediegenen Quartieren wenig an Menschen mit inter­nationalem Hinter­grund vermieten, in diversen Stadt­teilen hingegen schon, bilden sich Ankunfts­quartiere“, fasst Heike Hanhörster zusammen.

Übersetzungsbüros, Vereine und religiöse Stätten prägen das Straßenbild. © Lukas Schulze
Altendorf gilt als einer der bevölkerungsreichsten Stadtteile Essens und ist geprägt von dichter Wohnbebauung und einigen Gewerbegebieten. © Lukas Schulze

Ankunftsquartiere prägen außerdem bestimmte Infra­strukturen. Es gibt zahlreiche offizielle Einrichtungen wie Beratungs­stellen, Über­setzungs­büros, Vereine und religiöse Stätten. Majid und Khadije wenden sich häufig an ein Stadt­teil­büro des Diakonie­werks Essen. Die Mitarbeiter*innen beraten Menschen, die frisch angekommen sind, oder auch solche, die bereits länger in Deutschland leben und Unter­stützung beim Asyl­verfahren benötigen. Typische Hilfe­stellungen seien die Suche nach einer Kita, einer Schule oder möglicher­weise sogar Anleitung bei der Rückkehr in die Heimat. „Wenn ich beim Sozialamt angerufen habe, hing ich oft sehr lange in der Warte­schleife und hatte keinen Erfolg“, sagt Majid. „Ganz anders war es, wenn Frau Simic vom Diakonie­werk sich gekümmert hat. Bei ihr ging es immer ganz schnell. Ich weiß nicht, ob sie eine Zauber­telefon­leitung hat, aber sie konnte uns immer helfen, und wir sind ihr wirklich sehr dankbar.“

Wo Wissen gehandelt wird

Neben den offiziellen Anlaufstellen existieren informelle Strukturen als Möglichkeit des Austausches. In Altendorf kleben an den Schau­fenstern mancher Imbiss­stuben, Kitas oder Schneidereien Zettel mit Informationen. Da werden Sprach­kurse angeboten, Speise­karten wurden ins Türkische und Arabische übersetzt, und ein pandemie­bedingt geschlossener Second­hand­laden bietet Bastel­tüten für Kinder zum Abholen an. Diese wilden Schwarzen Bretter vermitteln unkompliziert Wissen und versorgen vermutlich insbesondere Neuankömmlinge aus anderen Kulturen mit Informationen und Ideen. Und nicht nur das. Als Khadije und Majid an der Helenen­straße vorbei­kommen, dem zentralen Knoten­punkt Altendorfs, bleibt Majid vor einer Trink­halle stehen, die das Rund der Straßen­ecke aufnimmt. „Hier hat uns letztens eine Frau angesprochen“, erzählt er, und Khadije nickt. „Ja, ganz spontan, auf Persisch, unserer Mutter­sprache. Ob wir mit unserer Tochter zu einer Baby­gruppe kommen wollen, hat sie gefragt. Für uns war das ein guter Zufall, denn wir haben noch keine Gruppe und freuen uns darauf.“

Der Bürgersteig vor einem Kiosk, die Bäckerei oder das Schaufenster eines kleinen Geschäfts: Solche inoffiziellen Orte der Begegnung erschließen ganz zentrale Ressourcen für den Prozess des Ankommens, erklärt Heike Hanhörster. „Denn so trifft man auf Menschen, die über ‚arrival knowledge‘ verfügen, also über ein ankunfts­spezifisches Wissen, das gebrokert, gehandelt und ausgetauscht wird.“

Der Spielplatz ist eine überraschend grüne Oase in Altendorf. Khadije und Majid besuchen ihn täglich. © Lukas Schulze
Tina ist ein internationaler Name - für ein Mädchen, dem die Welt offen stehen soll. © Lukas Schulze

Auch der Spielplatz ist eine Stätte der Begegnung. Er liegt ungefähr 15 Minuten von der Wohnung des Pärchens entfernt im Krupp-Park, einem für das dicht bebaute Gebiet überraschend grünen Areal. Sanfte Hügel, auf denen sich einzelne Bäume erheben, wellen sich bis zum Horizont, und ein See, hinter dem ein Förderturm aufragt, leuchtet blau. Früher stand hier eine Guss­stahl­fabrik der Industriellen­familie Krupp; nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hat die Stadt heute an dieser Stelle einen großzügigen Park angelegt. „Wir kommen jeden Tag her, auch wenn es einen Spiel­platz gibt, der sich noch näher bei unserer Wohnung befindet“, sagt Khadije. „Aber wir lieben die Natur.“ Sie setzt ihre Tochter vorsichtig auf die Schaukel und gibt ihr abwechselnd mit ihrem Mann Schwung. „Ich jogge außerdem oft durch den Park“, berichtet Majid. Woran er während­dessen denkt? Vielleicht schmiedet er Zukunfts­pläne. Denn der 27-Jährige, dessen Eltern und Geschwister in Teheran leben, möchte gerne einen Supermarkt für iranische und afghanische Produkte in Altendorf eröffnen. „Viele Menschen aus Afghanistan oder aus dem Iran vermissen Lebens­mittel aus ihrer Heimat. Wir auch. So kam ich auf die Idee, und ich hoffe, es klappt“, sagt er. Sein Erfolg spräche laut Heike Hanhörster für Altendorf als Ankunftsquartier. „Denn ein funktionierendes Ankunfts­quartier sollte seinen Bewohner*innen die Möglichkeit eröffnen, im Verlauf ihrer Wohnbiografie das Ankunfts­gebiet zu verlassen.“

Majid und Khadije finden in Essen-Altendorf eine neue Heimat. Für andere bleibt der drei Haltestellen vom Shoppingtempel Berliner Platz und dem Universitäts­viertel entfernte Stadt­teil ein Ort, an dem man „das Auto abends von innen verriegelt“ – aus Angst, an einer roten Ampel über­fallen zu werden. Tatsächlich stufte das Innen­ministerium die Gegend rund um die Altendorfer Straße 2017 als einen der gefährlichsten Orte in NRW ein. Drogen­handel und Massen­schlägereien bringen das Viertel immer wieder in die Schlagzeilen der Lokal­presse. Doch es gibt auch andere Seiten, und die wissen Khadije und Majid zu schätzen. Die beiden haben ihre kleine Tochter Tina genannt. „Tina ist ein inter­nationaler Name“, sagt Khadije. „Es gibt ihn im Persischen, im Deutschen, im Spanischen und im Englischen. Ich möchte, dass meine Tochter mit diesem Namen so aufwächst, dass sie alle Chancen im Leben hat. Sie soll damit alles werden können, was sie möchte.“

Migration und Integration in Stadt und Quartier

Die Stiftung Mercator fördert das Projekt „Ankunfts­quartiere: Charakteristika und Funktion für die Integration Zugewanderter und den sozialen Zusammenhalt von Stadt­gesellschaften“ am ILS – Institut für Landes- und Stadt­entwicklungs­forschung. Analysiert wird, welche integrations­fördernden Strukturen Ankunfts­quartiere bereit­halten und welche Herausforderungen sich hier stellen.

www.ils-forschung.de/forschung/migration-und-integration-in-stadt-und-quartier/