Wie prägt digitale Kommunikation unser nachbarschaftliches Miteinander?

Können soziale Plattformen bei der Integration helfen?
Wie prägt digitale Kommunikation unser nachbarschaftliches Miteinander?
Autorin: Carola Hoffmeister 09.04.2024

Gute Nachbarschaft bedeutet, sich zu Hause zu fühlen. Doch für Neuankömmlinge in Deutschland gestaltet sich der soziale Anschluss oft schwierig. Viele versuchen daher, über die sozialen Medien Kontakte zu knüpfen. Ob und wie das funktioniert, steht im Mittelpunkt des Forschungs­projekts „Bin ich schon drin?“ der EBZ Business School (FH) und des ILS Institut für Land- und Stadt­forschung. Wir befragten den Soziologen und Forschungs­leiter Jan Üblacker, inwieweit digitale Nachbar­schafts­netz­werke ihren Zweck in Sachen gesellschaftlicher Teilhabe erfüllen.

Jan Üblacker, Sie wollen mit dem Forschungsprojekt „Bin ich schon drin?“ herausfinden, wie soziale Netzwerke die Integration und den Zusammenhalt in Nachbarschaften stärken können. Was genau interessiert Sie an diesem Thema?

Jan Üblacker: Aus soziologischer Sicht ist besonders interessant, wenn Menschen Medien nutzen, um gemeinsam gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Einen Digitalisierungs­schub gab es durch die Corona­pandemie. Hier haben sich auch in meiner Kölner Nachbarschaft viele digitale Gruppen zusammen­geschlossen, um gegenseitige Unter­stützung zu organisieren. Eine dieser Online­gruppen besteht bis heute – ihre Mitglieder haben in einem der letzten heißen Sommer dafür gesorgt, dass die Stadt­verwaltung einen Hydranten aufschließen ließ. So konnten die Nachbar*innen zusammen die Bäume im Park wässern. Das ist ein klassisches Beispiel für eine kollektive Handlung, die durch eine Online­nachbar­schafts­gruppe begünstigt wurde und die zu mehr Lebens­qualität im eigenen Quartier führt.

Welche gesellschaftlichen Mehrwerte können durch digitale Nachbarschafts­netz­werke entstehen?

Onlinegruppen in der Nachbarschaft sind zum Beispiel für die Teilhabe von Zugewanderten wichtig. Denn Neuankömmlinge können in der digitalen Kommunikation Über­setzungs-Programme nutzen und so über Online-Chats leichter ins Gespräch kommen. Ein weiteres Argument für Online­gruppen lautet, dass wir einander zunächst nicht sehen – wie bei einer Bewerbung ohne Bild. So kommen Diskriminierungen aufgrund des äußeren Erscheinungs­bildes nicht zum Tragen. Das kann Hemm­schwellen abbauen und den Kontakt zu anderen erleichtern.

Können Online­nachbar­schafts­gruppen Integration und Teilhabe fördern?

Das hängt sehr von den lokalen Rahmen­bedingungen ab. Befunde zum Thema zeigen, dass Online­nachbarschafts­gruppen den Austausch von Informationen und Hilfe­leistungen in der Nachbarschaft begünstigen. Nutzer*innen fühlen sich sicherer, sind zufriedener und nehmen einen höheren Zusammen­halt in ihrer Nachbar­schaft wahr. Bisher wissen wir aller­dings sehr wenig über die Kausalität dieser Beziehung: Führen Online­nachbar­schafts­gruppen zu mehr Zusammen­halt? Oder ist es umgekehrt, und ein hoher Zusammen­halt ist eine notwendige Bedingung für die Entstehung und die Nutzung von Online­nachbar­schafts­gruppen?

Jan Üblacker ist Professor für Quartiers­entwicklung, insbesondere Wohnen im Quartier, an der EBZ Business School in Bochum und leitet das Forschungs­projekt „Bin ich schon drin?“. Seine Forschungs­schwer­punkte liegen in den Bereichen Digitalisierung, Gentrifizierung, Wohnen, Wohnungs­märkte und soziale Integration.

Wie viele Nachbar*innen tauschen sich denn schon digital aus?

Wir haben eine Befragung von circa 3.600 Bewohner*innen in 166 zufällig ausgewählten Wohn­gebieten in Essen und Köln durch­geführt. Wir wollten wissen, ob und wie die Menschen online im eigenen Stadt­teil vernetzt sind, zum Beispiel in dort ansässigen Sport­vereinen oder Chor­gruppen. Auch haben wir die Menschen gefragt, ob sie sich in Online­gruppen mit Mitgliedern ihres Mehr­familien­hauses austauschen. Dabei haben wir heraus­gefunden, dass etwa die Hälfte der Befragten mindestens eine Online­gruppe mit Bezug zur Nachbar­schaft nutzt. Das ist eine überraschend hohe Zahl.

Wir konnten außerdem fest­stellen, dass es bei Menschen mit und ohne Migrations­biografie nur sehr geringe Unterschiede in der Nutzung von Online­nachbarschafts­gruppen gibt. Dieser Befund lässt vermuten, dass Online­nachbarschafts­gruppen Integration und Teilhabe befördern können. Wir finden allerdings auch bekannte Muster sozialer Ungleichheit: Je höher der Bildungs­abschluss einer Person, desto eher ist diese auch online mit ihrer Nachbarschaft vernetzt.

Unter den richtigen Rahmen­bedingungen können Online­nachbar­schafts­gruppen Integration und Teilhabe befördern

Jan Üblacker

In einem zweiten Schritt haben Sie 40 Menschen aus Essen-Steele und Köln interviewt, um mehr über die tatsächliche Nutzung und die Bedeutung der Gruppen zu erfahren. Sie werten die Ergebnisse Ihrer Befragung aktuell noch aus. Was können Sie uns schon jetzt verraten?

Das zentrale Medium des Austauschs sind Messenger­dienste wie WhatsApp. Andere soziale Netzwerke spielen auch eine Rolle, aber unter­geordnet. Solche Dienste sind eine wichtige Voraus­setzung, weil digitale Kommunikation fast immer vermittelt über Plattformen stattfindet und der Nutzen steigt, wenn alle auf einer Plattform sind. Mein Team und ich gehen aktuell der These nach, dass Online­nachbar­schafts­gruppen auch als Orte der Begegnung funktionieren. Das heißt, sie ermöglichen den Kontakt von Personen mit unter­schiedlichen sozialen und kulturellen Hinter­gründen. Nach unserem derzeitigen Stand sieht es so aus, als wäre das zumindest in einigen Wohn­gebieten tatsächlich der Fall. Dort kommunizieren Menschen über die Grenzen ihrer „Bubbles“ hinaus.

Das ist eine gute Nachricht!

Jein. Wir wissen noch zu wenig über die Folgen dieser Kommunikation. Kontakt heißt erst mal nur Kontakt. Ob der dann zu gesellschaftlich wünschens­werten Ergebnissen wie etwa mehr Toleranz oder gegen­seitiger Hilfe­leistung führt, können wir derzeit noch nicht sagen. Gleich­zeitig dürfen wir nicht vergessen, dass es auch im digitalen Raum Schwellen gibt. Während die meisten Menschen raus­gehen, sich in den Park setzen und Kontakte knüpfen können, bedarf es zumindest eines Smartphones mit Datentarif, ausreichender Signal­stärke und Fähigkeiten im Umgang mit den Geräten und Applikationen, um Teil einer Online­nachbar­schafts­gruppe zu werden. Ich sage das so ausdrücklich, weil man nicht ohne Weiteres voraus­setzen kann, dass alle über die Mittel und Fähigkeiten für die Teilhabe an einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft verfügen.

Außerdem scheint es so zu sein, dass man zumindest einige Menschen in der Nachbarschaft kennen muss, um Interesse an einer Online­gruppe zu haben. So wissen wir beispiels­weise, dass es in Nachbar­schaften mit höherer sozialer Vernetzung auch mehr Nutzung von Online­gruppen gibt. Wie gesagt, offen bleibt die Frage nach der Kausalität. Aber das ist das Gute an meiner Arbeit: In der Soziologie bleibt es immer spannend!


Bin ich schon drin?

Im Forschungsprojekt „Bin ich schon drin?“ untersucht eine Forschungs­gruppe unter der Leitung von Jan Üblacker die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Zusammen­leben in der Nachbar­schaft. 166 Wohn­gebiete in den Städten Essen und Köln wurden dafür beispiel­haft heran­gezogen. Beteiligt am Projekt sind die EBZ Business School (FH) in Bochum und das ILS – Institut für Landes- und Stadt­entwicklungs­forschung.
bin-ich-schon.online