„Die, die es am meisten betrifft, sollten einbezogen werden.“

Eine Mutter ist mit ihren Kindern zu Fuß unterwegs auf der Flucht.
Autorin: Julia Heer 04.04.2022

Über vier Millionen Menschen sind vor dem Krieg in der Ukraine bereits geflohen. Nur ein Bruchteil davon kommt nach Deutschland. Dennoch könnten mehr Geflüchtete zu uns kommen als 2015. Der Migrationsforscher Hannes Schammann erklärt im Interview, wie eine faire Verteilung gelingen kann.

Bislang sind 280.000 Geflüchtete in Deutschland angekommen, die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher, da es keine Registrierungspflicht gibt. Mit wie vielen weiteren Menschen, die zu uns kommen, sollten wir rechnen und wie schaffen wir das? 

Hannes Schammann: 2015 kamen rund 890.000 Menschen zu uns. Die Kommunen bereiten sich darauf vor, jetzt deutlich mehr Geflüchtete aufzunehmen als damals. Aber das kann niemand seriös prognostizieren, da dieser Krieg so schwer vorherzusehen ist. 

Hannes Schammann blickt in die Kamera.
Hannes Schammann ist Professor für Migrationspolitik, an der Universität Hildesheim. Er leitet dort die Migration Policy Research Group. © privat

Ich bin sehr optimistisch, dass wir das schaffen. Weil wir viel besser aufgestellt sind. Wir haben 2015/2016 in Bund, Ländern und Kommunen neue Strukturen geschaffen, die nicht komplett wieder abgebaut wurden. Und selbst wenn sie abgebaut wurden, können sie schnell wieder reaktiviert werden.  

Ein Beispiel: Wir haben 2015/2016 eine der ersten Studien zum Hochschulzugang für Geflüchtete gemacht. Damals war alles ganz neu. Heute sitzen die Universitäten bereits an einem Tisch mit Stadt und zivilgesellschaftlichen Organisationen, arbeiten bereits routiniert zusammen und können jetzt sofort reagieren. Das macht mich sehr glücklich. 

Aktuell gibt es in der Debatte etwas Verwirrung: Gibt es eine Verteilung, oder keine? Und brauchen wir eine? 

Schammann: Grundsätzlich haben sich Bund und Länder geeinigt, eine Verteilung nach Königsteiner Schlüssel vorzunehmen. Was das Ganze tatsächlich verwirrend macht: Gleichzeitig gibt es für die Geflüchteten aus der Ukraine faktisch noch eine freie Wohnsitzwahl. Und es gibt auch Aussagen, dass es absurd wäre, diese freie Wohnsitzwahl einzuschränken. Das ist spannend, weil das teilweise von denselben Personen kommt, die noch vor einigen Jahren gesagt haben: freie Wohnsitzwahl geht gar nicht.  

Freiwillige warten am Berliner Hauptbahnhof auf Geflüchtete aus der Ukraine. Hier kommen die meisten Menschen zur Zeit an. © Getty Images

Allerdings wird sich da noch viel ändern. Wenn die ersten drei Monate vorbei sind, in denen sich Geflüchtete aus der Ukraine visumsfrei in Deutschland als Tourist*innen aufhalten können, wird man feststellen, dass es eine starke Ungleichverteilung gibt, mit Schwerpunkt auf den großen Städten. Eine Umverteilung ist derzeit nicht geplant, aber man wird dann Neuzuwandernde wieder stärker den bis dahin weniger beliebten Regionen zuweisen. Wünschenswert wäre es, wenn die Verteilung grundsätzlich nach Kriterien erfolgt, die eine schnelle Teilhabe vor Ort ermöglichen. Wir versuchen das seit ungefähr einem Jahr im Projekt Match’In gemeinsam mit vier Bundesländern voranzutreiben. 

Unbekanntes erzeugt Unsicherheit.

Hannes Schammann

Warum ist das so wichtig, derartige Kriterien zu erarbeiten?

Schammann: Aktuell kommt nur ein Drittel der Personen, denen ein Wohnsitz zugewiesen wird, da tatsächlich an. Zwei Drittel steigen unterwegs aus dem Bus aus oder fahren umgehend zurück oder weiter. Das liegt daran, dass sie, ohne gefragt zu werden, losgeschickt wurden und einfach gesagt wird: ‚Sie kommen nach Bad Wildungen.‘ Die Menschen fragen sich dann ‚Was soll ich da?‘ Weil sie den Ort vielfach gar nicht kennen. Unbekanntes erzeugt Unsicherheit. Zum Abbau dieser Unsicherheit suchen Menschen das vermeintlich Bekannte, das ist dann die Großstadt, wie Berlin.

Möglicherweise gibt es aber bestimmte Konstellationen, wo ein Ort wie Bad Wildungen ganz gut passt. Aktuell ist ein Großteil der Menschen, die kommen, Frauen mit Kindern. Da müssen wir in Familienstrukturen und Haushaltsentscheidungen denken, die für diese Menschen wichtig sind. Da ist Arbeit nicht alles, sondern ein gutes Umfeld für Familien. Aber das muss man dann vermitteln, erklären, kommunizieren und die Menschen mitnehmen. Zugespitzt formuliert: Wie in einem Reisebus, in dem ich mich dann auch freuen kann auf das, was mich erwartet. 

Welche Rolle könnten hier die Modelle, die Sie bei Match‘In erarbeiten, spielen?  

Schammann: Mit Match’In zielen wir darauf ab, dass man in den ersten Gesprächen in der Aufnahmeeinrichtung zentrale Bereiche des Lebens abklappert: Welche Bedarfe liegen da vor? Wie wichtig sind Schulen und Kitas, in welchem Beruf arbeiten die Menschen, gibt es medizinische Bedarfe aufgrund von Krankheiten, oder Alter, die eine Rolle spielen, andere Vulnerabilitäten? Welche Aspekte sind individuell wie wichtig? Das können wir dann abgleichen mit den Profilen von Kommunen und schauen: Wer passt am besten zueinander? Das kann eine wichtige Entscheidungshilfe für die Behörden sein, die die Verteilungsentscheidung vornehmen.  

Was bedeutet das dann für die Geflüchteten? 

Schammann: Wir hoffen, dass das bei den Betroffenen auch mehr das Gefühl von Mitbestimmung erzeugt. Denn die werden bislang vielfach überhaupt nicht nach ihren Bedürfnissen oder Wünschen gefragt. 

Auf der Flucht haben Menschen leicht das Gefühl, komplett die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben. Diese Ohnmacht wird durch diese Verteilentscheidung über den Kopf der Geflüchteten hinweg verschlimmert.

A man carries a child after refugees from the Ukraine arrive at the main train station on March 1 2022 in Berlin.
Wohin? Nach dem ersten Ankommen stellt sich zunehmend die Frage der Verteilung der Geflüchteten. ©  Getty Images

Das ist fürchterlich für die Betroffenen. Wenn wir irgendetwas tun können, damit Menschen Handlungsmacht über ihr eigenes Leben wiedererlangen, helfen wir ungemein. Behörden, aber auch freiwillig Engagierte sollten im gesamten Prozess der Aufnahme möglichst viele Wahlmöglichkeiten bieten, um Selbstwirksamkeit zu stärken. Und auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen. Dazu brauchen wir auf allen Seiten mehr Informationen und mehr Mitspracherechte. 

Auch auf Seiten der Kommunen?  

Schammann: Ja, auch die Kommunen brauchen mehr Mitspracherechte. Aktuell werden die Kommunen ebenso wie die Geflüchteten nur sehr rudimentär bei der Verteilung befragt. Wir von Match’In sagen: Die, die es am meisten betrifft, sollten einbezogen werden.  

Match’In

Match’In ist ein Pilotprojekt der Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Hildesheim, das mithilfe eines algorithmusbasierten Verfahrens die Verteilung von Geflüchteten auf Kommunen in Deutschland verbessern möchte, um so den Integrationserfolg zu steigern. Petra Bendel ist neben Hannes Schammann und Danielle Gluns Projektleiterin.
www.matchin-projekt.de

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