Bessere Integration durch Algorithmus

Autor: Luca Pot d‘Or 02.11.2021

Nach der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan sind Tausende Menschen auf der Flucht. Auch Deutschland beteiligt sich an der Aufnahme der Schutzsuchenden. Doch was passiert mit diesen Menschen nach der Ankunft? Wie kann Integration besser unterstützt werden? Ein Pilotprojekt möchte die Verteilung von Geflüchteten auf die Kommunen passgenauer gestalten. Prof. Dr. Petra Bendel, Migrationsexpertin und Projektleiterin, erklärt im Interview die Hintergründe.

Frau Prof. Dr. Bendel, der Truppenabzug aus Afghanistan, die Machtergreifung der Taliban, die dramatischen Bilder während der Evakuierungsmissionen am Flughafen von Kabul: Wie haben Sie diese ereignisreichen Wochen im August erlebt?

Petra Bendel: Das war leider eine Katastrophe mit Ansage. Und angesichts dieser dramatischen Bilder fand ich es beschämend, dass reflexartig sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene Stimmen laut wurden, die forderten, die Situation der Jahre 2015 und 2016 dürfe sich nicht wiederholen – anstatt sich solidarisch zu verhalten und auf den Schutz und die Rechte der Flüchtenden zu achten. Für die internationale Gemeinschaft, für die Europäische Union und für Deutschland sollte es vielmehr darum gehen, eine weitere politische Krise im Umgang mit Flüchtenden und mit Fluchtursachen zu vermeiden.

Prof. Dr. Petra Bendel
© Nico Tavalai

Petra Bendel
ist Professorin für Politische Wissenschaft, Leiterin des Forschungs­bereichs Migration, Flucht und Integration an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Nun sind seitdem einige Wochen vergangen, doch noch immer werden Menschen aus Kabul evakuiert. Wie beurteilen Sie die Situation heute?

Bendel: Die naive Annahme, dass sich die neue Generation der Taliban grundsätzlich von der vorangegangenen unterscheide, hat sich offenkundig nicht bewahrheitet. Es wird also weiterhin darum gehen, diplomatisch mit Afghanistan über die Ausreise gefährdeter Personen zu verhandeln. Es wird auch um eine effektive Kooperation mit den umliegenden Aufnahmestaaten der Region gehen, damit diese ihre Grenzen offen lassen oder wieder öffnen. Die Aufnahmekapazitäten dieser Länder müssen gestärkt werden, damit die Rechte der Flüchtlinge und ihr Zugang zu Schutz und Versorgung gewährleistet werden kann. Und außerdem gilt es, zügig sichere Zugangswege auch nach Europa herzustellen über Resettlement – also die Aufnahme von Geflüchteten, die weder in ihr Heimatland zurückkehren noch in dem Land bleiben können, in das sie geflohen sind, über humanitäre Korridore und humanitäre Aufnahmeprogramme. Dafür braucht es eine Aufstockung des deutschen Resettlement-Kontingents, das mit etwas mehr als 10.700 Aufnahmen in den Jahren 2018 bis 2021 hinter der anvisierten Aufnahme von 18.390 Personen zurückliegt. Dabei kann die Bundesregierung mit den aufnahme­willigen Bundesländern, mit den Kommunen und auch mit privaten Sponsor*innen zusammen­arbeiten. Sie kann zudem auslaufende temporäre Aufenthaltserlaubnisse unbürokratisch verlängern und den noch ausstehenden Familiennachzug beschleunigen.

Wer sind die Menschen, die da evakuiert wurden und werden?

Bendel: Personen, die nach § 22 Satz 2 des Aufenthaltsgesetz evakuiert wurden, gelten als aus dringenden humanitären Gründen besonders schutzbedürftig. Das sind Personen, die zum Beispiel mit der Bundeswehr oder mit der Gesellschaft für internationale Zusammen­arbeit kooperiert haben; Personen, die sich besonders für die Meinungsfreiheit, für Demokratie, für Menschen- und für Frauenrechte engagiert haben. Viele dieser akut gefährdeten Personen konnten bereits ausgeflogen werden: Insgesamt hat das Bundesinnenministerium 2.600 Afghan*innen eine Aufenthaltszusage erteilt.

Wie kann Integration besser gelingen? Schon vor dem Ankommen erläutern die Geflüchteten im Pilotprojekt, welche Bedürfnisse sie haben oder welche Fähigkeiten sie mitbringen und können so gezielter in den Kommunen ankommen
Wie kann Integration besser gelingen? Schon vor dem Ankommen erläutern die Geflüchteten im Pilot­projekt, welche Fähigkeiten sie mitbringen, ob Familien­mitglieder bereits irgendwo in Deutschland leben und können so gezielter in den Kommunen ankommen. © picture alliance

Sie haben anfangs die Aussage von dem damaligen CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet zitiert, dass sich die Situation 2015 nicht wiederholen dürfe. Was ist damit gemeint?

Bendel: Solche Aussagen waren eine sehr reflexartige Reaktion auf die Situation im August. Grundsätzlich kann man sagen, dass nicht unmittelbar mit einer so starken Fluchtzuwanderung wie in den Jahren 2015 und 2016 aus Afghanistan zu rechnen ist, weil die Fluchtwege in einige der Nachbarstaaten verschlossen und auch die weiterführenden Routen versperrt sind. Ich hoffe, dass wir aus den Jahren 2015 und 2016 aber Folgendes gelernt haben: Es muss geregelte und sichere Wege der Evakuierung und der Zuwanderung geben – anstelle dieser chaotischen und gefährlichen Wege, auf die die Menschen aus Afghanistan, aber auch aus Syrien oder dem Irak gezwungen wurden.

Es muss geregelte und sichere Wege der Evakuierung und der Zuwanderung geben – anstelle dieser chaotischen und gefährlichen Wege, auf die die Menschen aus Afghanistan, aber auch aus Syrien oder dem Irak gezwungen wurden.

Prof. Dr. Petra Bendel

Sind wir denn heute besser aufgestellt in Sachen Integration als in den Jahren 2015 und 2016? Hat man aus der Situation gelernt und die richtigen Schlüsse gezogen?

Bendel: Wir haben sehr viel gelernt in diesen Jahren, und zwar auf allen staatlichen Ebenen, vom Bund bis hinunter in die Kommunen. Wir müssen jetzt nur aufpassen, dass uns COVID-19 nicht zurückwirft, weil wir aus den vorhandenen Daten auf all diesen Ebenen seit der Coronapandemie Rückschritte sehen. Wenn wir jetzt nicht gegensteuern in Zeiten knapper werdender Kassen, dann riskieren wir, dass die Integrationspolitik nachhaltig Rückschläge erleidet. Denn Integration ist ja eine langfristige Aufgabe.

Was passiert nun mit den Schutzsuchenden aus Afghanistan in Deutschland?

Bendel: Es ist wichtig, dass diese Menschen eine gute, langfristige Perspektive haben. Denn es ist ja nicht damit zu rechnen, dass die Taliban rasch abgelöst werden. Und dafür kann der Staat und können wir alle die Bedingungen schaffen: Indem die Schutzsuchenden möglichst rasch Teilhabe an allen wichtigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erlangen, wobei Hilfsorganisationen, Haupt- und Ehrenamtler*innen unterstützen können.

Geflüchteten zu helfen, fordern Demonstrierende nach dem Truppenabzug aus Afghanistan und der Machtergreifung der Taliban
Geflüchteten zu helfen, fordern Demonstrierende nach dem Truppenabzug aus Afghanistan und der Machtergreifung der Taliban. © Getty Images

Die Personen, die nach § 22 Satz 2 des Aufenthaltsgesetz nach Deutschland kommen, brauchen kein Asylverfahren. Andere Schutzsuchende müssen Asyl beantragen. Wie genau läuft so ein Asylverfahren ab?

Bendel: Zuerst erfolgt eine Verteilung der Asylsuchenden auf die Bundesländer nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Die Bundesländer nehmen entsprechend ihrer Steuereinnahmen und ihrer Bevölkerungs­zahl anteilig Geflüchtete auf. Die Registrierung erfolgt in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Dann erst beginnt ein Asylverfahren vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dem BAMF. Dieses prüft, ob eine Person tatsächlich asylberechtigt ist, und entscheidet, ob sie einen Flüchtlingsstatus bekommt, subsidiären Schutz erhält, wenn kein Asylgrund vorliegt, aber im Herkunftsland ein ernsthafter Schaden zum Beispiel durch Krieg droht, oder ob das Asylgesuch abgelehnt wird.

In einem Policy Paper mit Handlungsempfehlungen von Ihnen für Entscheidungsträger*innen auf verschiedenen politischen Ebenen lautet eine Kernbotschaft: „Mithilfe passgenauer Matching-Verfahren zwischen Kommunen und Schutzsuchenden kann die Aufnahme vor Ort bedarfs- und ressourcengerechter gestaltet werden.“ Was bedeutet das genau?

Bendel: Ein solches Matching-Verfahren gibt es bereits ansatzweise in einigen Staaten, aber es ist noch deutlich ausbaufähig. Ziel eines solchen Matchings ist es, die Möglichkeiten von Kommunen und die Bedürfnisse und Fähigkeiten von Geflüchteten besser aufeinander abzustimmen, damit letztlich deren Integration besser gelingt. Gefördert von der Stiftung Mercator, haben wir an der Universität Hildesheim und der Universität Erlangen-Nürnberg mit vier Bundesländern im Mai dieses Jahres ein Pilotprojekt zur Verteilung von Schutzsuchenden mithilfe eines algorithmusgestützten Matching-Verfahrens initiiert. Gemeinsam mit den Bundesländern, den aufnehmenden Kommunen und auch Vertreter*innen von Geflüchteten entwickeln wir also einen Mechanismus, der individuelle Aspekte bei der Verteilung von Schutzsuchenden berücksichtigt.

Eine militärische Luftbrücke zur Ausreise über den Flughafen Kabul gab es nur bis Ende August
Eine militärische Luftbrücke zur Ausreise über den Flughafen Kabul gab es nur bis Ende August. © Getty Images

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen? Welche Kriterien gibt es zum Beispiel?

Bendel: Aus der Forschung wissen wir, welche Kriterien wichtig sind für eine erfolgreiche Integration. Deshalb erstellen die Kommunen Integrationsprofile mit Angaben zu verfügbarem Wohnraum, zu Sprachkursen, zur Gesundheitsversorgung oder der Arbeitsumgebung vor Ort. Und auf der anderen Seite erläutern die Geflüchteten selbst, ob sie zum Beispiel lieber aufs Land oder in die Stadt möchten, ob bereits Familienmitglieder in Deutschland leben und welche Bedürfnisse sie haben oder welche Fähigkeiten sie mitbringen. Diese beiden Seiten werden dann mittels eines Algorithmus abgeglichen, um zu prüfen, welche Kommunen passgenau sind. Für die meisten Schutzsuchenden aus Afghanistan kommt das Projekt wohl nicht rechtzeitig, denn es ist ja erst einmal ein Pilotprojekt. Doch wer weiß: Vielleicht landet eine Person aus Afghanistan ja tatsächlich in einer der teilnehmenden Kommunen. Wenn sich dann zeigt, dass unser Verfahren hilfreich ist, dann könnte es sich künftig auch für den Einsatz auf Bundes- oder sogar auf europäischer Ebene eignen.

Welche Länder machen in der Pilotphase mit?

Bendel: Wir starten das Verfahren gemeinsam mit vier Bundesländern, nämlich Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen, die ihrerseits dann teilnehmende Kommunen auswählen. Die Verantwortlichen in den Ländern waren richtig begeistert, mitzumachen. Denn wenn sich die Menschen vor Ort nicht wohlfühlen und in andere Kommunen umziehen, schadet das natürlich der Integration, und es verursacht hohe Kosten, beispielsweise durch abgebrochene Sprachkurse.

Wie kann Ihr Matching-Verfahren zukünftig bei Krisen wie der in Afghanistan helfen?

Bendel: Wenn der Algorithmus hilft, dass beide Seiten – also die Kommunen und auch die Geflüchteten – besser zusammenpassen, dann ist unser Verfahren eine gute Grundlage, um auf die zukünftigen Fluchtbewegungen besser vorbereitet zu sein, die nicht immer exakt vorherzusehen sind. Auch auf solche humanitären Notsituationen müssen Deutschland und die EU reagieren können. Dafür braucht es natürlich noch deutlich mehr Anstrengungen: Es braucht ein Zusammenwirken von verschiedenen politischen Ebenen und von Akteurinnen und Akteuren, von verschiedenen Politikfeldern und Instrumenten. Aber auch die Mitgliedstaaten der Europäischen Union müssen ihre Aufnahmeprogramme planbar und verlässlich machen und die Kontingente ausweiten.

Match’In

Match’In ist ein Pilotprojekt der Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Hildesheim, das mithilfe eines algorithmusbasierten Verfahrens die Verteilung von Geflüchteten auf Kommunen in Deutschland verbessern möchte, um so den Integrationserfolg zu steigern. Petra Bendel ist neben Hannes Schammann und Danielle Gluns Projektleiterin.
www.matchin-projekt.de