Was kann ich gegen Hatespeech tun?

Schüler:innen auf Schulhof
Autorin: Esther Sambale Fotos: Reinaldo Coddou 05.01.2023

Tagtäglich fluten hasserfüllte Sätze den digitalen Raum. Gewalt in Worten, die Menschen zum Schweigen bringt und die demokratische Debatten­kultur gefährdet. Was digitale Zivil­courage bedeutet und wie Wissen gegen Hatespeech hilft, lernen junge Menschen aus Sachsen in den re:set-Workshops der Amadeu Antonio Stiftung aus Leipzig.

Von der Wall of Hate grinst ein Clownsgesicht, nebenan hebt ein kleiner dunkel­blonder Emoji-Junge seinen rechten Arm zum Gruß, ein Leerzeichen weiter weht die digitale Deutschland­flagge. An der Stellwand im Seminarraum des re:set-Workshops der Amadeu Antonio Stiftung in einer Jugend­bildungs­stätte in Weimar sind farben­frohe Piktogramme zu sehen, die bei Nazis und Rassist*innen besonders beliebt sind. So wie die Schwarze Sonne, die gerade mittels eines Projektors an der weißen Wand aufgeht. „Weiß jemand, was dieses Symbol bedeutet?“, fragt Bildungs­referentin und Workshop-Leiterin Julia in die Runde.

Lina, Julia, die Leiterin des re:set-Workshops, und Felix (v. l. n. r.) möchten wegen ihres politischen Engagements im Netz zur Sicherheit anonym bleiben. Denn digitaler Hass mündet nicht selten in analoge Gewalt.
Lina, Julia, die Leiterin des re:set-Workshops, und Felix (v. l. n. r.) möchten wegen ihres politischen Engagements im Netz zur Sicherheit anonym bleiben. Denn digitaler Hass mündet nicht selten in analoger Gewalt. © Reinaldo Coddou
Wissen gegen Hatespeech: In den re:set-Workshops werden Handlungsoptionen gegen Hass im Netz vermittelt. Diese geben die Teilnehmenden in eigenen Workshops in Sachsen weiter.
Wissen gegen Hatespeech: In den re:set-Workshops werden Handlungsoptionen gegen Hass im Netz vermittelt. Diese geben die Teilnehmenden in eigenen Workshops in Sachsen weiter. © Reinaldo Coddou

„Das ist eine abgewandelte Version des verbotenen Haken­kreuzes der National­sozialisten, die in der rechten Szene statt­dessen gern verwendet wird“, sagt Felix, einer der Workshop-Teilnehmenden. „Die SS ließ das Symbol damals von KZ-Häftlingen als Mosaik in den Boden ihrer zentralen Schulungs­stätte auf der Wewelsburg bei Paderborn einlassen.“ Der 35-Jährige arbeitet als freier politischer Bildner in Leipzig. Heute lernen er und acht weitere Workshop-Teilnehmer*innen alles über die Dimensionen digitaler Hassrede – und wie sie sich ihr entgegen­stellen können. Ihr Wissen geben sie künftig als Teamer*innen im Rahmen der re:set-Work­shop­reihe „Jugend gegen Hass im Netz“ an junge Menschen in Sachsen weiter. Das Land ist eine AfD-Hochburg und gilt als Anziehungs­punkt für bundesweit wichtige Akteur*innen der extremen Rechten und verschwörungs­ideologischen Szene.

Rechte Codes entschlüsseln

Laut der JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungs­verbundes Südwest begegnen Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren regel­mäßig Fake News und Hatespeech. Und das an Orten, an denen sie ihr digitales Leben verbringen. Auf Instagram, TikTok, YouTube und WhatsApp hat sich der Hass längst breit­gemacht und richtet sich nach Erfahrung der befragten Jugendlichen vor allem gegen die Sexualität und das Aussehen von Menschen, wie etwa die Hautfarbe.

Rund 77 Prozent aller Hasskommentare im Internet stammen laut Zahlen des Bundes­kriminal­amtes aus dem rechts­extremen Spektrum. Nicht immer sind sie auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Umso wichtiger ist die Decodierung rechter Bild- und Zeichen­sprache und das Wissen um die Strategien anti­demokratischer Akteur*innen.

Getarnten Hass erkennen: In Memes codieren Rechtsextreme diskriminierende Inhalte online oft humoristisch.
Getarnten Hass erkennen: In Memes codieren Rechtsextreme diskriminierende Inhalte online oft humoristisch. © Reinaldo Coddou

Gut getarnter Hass

Auf dem Smartphone von Felix erscheint ein Meme, das vier muskulöse Männerarme unter­schiedlicher Hautfarbe in bunten T-Shirts zeigt. Ihre Hände sind ineinander verschränkt. In großen weißen Lettern sind darauf die Worte SUPERBI, SUPERLESBIAN, SUPERGAY und SUPERSTRAIGHT zu lesen. Und der Satz: „Knowing our sexuality matters and is not up for debate.“ Dieses Meme ist Teil der Übung „Hide & Seek“, in der die Teilnehmenden einschätzen sollen, ob die jeweiligen Inhalte problematisch sind. Felix tippt den Hashtag „Superstraight“ in eine Meme-Suchmaschine und wird gleich fündig. Was auf den ersten Blick womöglich Wokeness suggerieren könnte, ist in Wahrheit zutiefst trans­feindlich und ein Meme, das von Rechts­extremen verbreitet wird.

Die Workshop-Leiterin Julia sagt: „Memes, Emojis und GIFs sind fester Bestandteil rechts­extremer Online­strategien, um Hassrede zu platzieren. Oft werden diskriminierende Inhalte darin humoristisch codiert, also versteckt verbreitet.“ Eine getarnte Form des digitalen Hasses, dem auch die Workshop-Teilnehmerin Lina in ihrem beruflichen Umfeld oft begegnet. Die 23-Jährige aus Erfurt, die Internationale Beziehungen und Kommunikations­wissenschaften studiert, leistet frei­beruflich Bildungs­arbeit zum Thema Demokratie und ist in Schulen im ländlichen Raum Thüringens unterwegs. „Viele GIFs und WhatsApp-Sticker, die sich Schüler*innen gegen­seitig schicken, sind wahnsinnig anti­semitisch, rassistisch und sexistisch“, so Lina.

Pinnwand "Wall of Hate"
Rechte Tendenzen: Laut Zahlen des Bundeskriminalamts stammen rund 77 Prozent aller Hasskommentare im Internet aus dem rechtsextremen Spektrum. © Reinaldo Coddou
Digitaler Lebensraum: Auf Instagram, TikTok, YouTube und WhatsApp begegnen Jugendliche zwischen 12 und 19 regelmäßig Fake News und Hatespeech.
Handeln statt Schweigen: Sich mit Betroffenen solidarisieren, Hass­kommentare melden oder zur Anzeige bringen ... © Reinaldo Coddou
Handeln statt Schweigen: Sich mit Betroffenen solidarisieren, Hasskommentare melden oder zur Anzeige bringen – es gibt viele Möglichkeiten, um gegen Hatespeech vorzugehen.
... es gibt viele Möglichkeiten, um gegen Hatespeech vorzugehen. © Reinaldo Coddou

Erste Hilfe gegen Hass*

Tipp 1: Unterstützung suchen und melden
Wer mit Hassrede im Netz konfrontiert ist, sollte damit nicht allein bleiben. Es kann hilfreich sein, sich damit an Freund*innen, Mitkommentierende oder Initiativen zu wenden. In den meisten sozialen Netzwerken lassen sich Hass­kommentare zudem mit wenigen Klicks zur Über­prüfung melden. Grundsätzlich ist wichtig: Wer sich an öffentlichen Debatten beteiligt, sollte gegebenen­falls seine Privatsphäre-Einstellungen anpassen und darauf achten, dass keine persönlichen Infos sichtbar sind.

Tipp 2: Daten sammeln und dokumentieren
Viele Hasskommentare sind strafrechtlich relevant. Stößt man online auf rassistische, anti­semitische oder diskriminierende Äußerungen, sollten diese per Screenshot mit sichtbarer URL festgehalten werden. Wichtig ist zudem, dass Datum und Uhrzeit auf dem Screenshot zu sehen sind sowie die User-ID der kommentierenden Person. Dafür muss das Profil geöffnet und die komplette URL-Adresse abfotografiert werden.

Tipp 3: Zur Anzeige bringen
Sollte das Melden eines Hasskommentars bei der Plattform erfolglos bleiben, besteht jederzeit auch die Möglichkeit einer Straf­anzeige. Entweder bei der nächsten Polizei­wache oder über die Online­wachen im Internet. Die Anzeige von Hass­kommentaren ist übrigens auch anonym möglich. Wichtig sind dafür nur die oben genannten Screenshots.

Bei all dem gilt: Die eigenen Grenzen kennen! Digitaler Selbstschutz ist wichtig und richtig – etwa durch die Vernetzung mit anderen Engagierten oder durch regelmäßige Privat­sphären­checks.

*erstellt mit Input der Amadeu Antonio Stiftung

Rechte Erlebniswelten

Mit solchen Mitteln versuchen Rechte, online politischen Einfluss zu gewinnen und Betroffene zum Schweigen zu bringen. Eine Strategie, die als Silencing bezeichnet wird und oft erfolgreich ist. So gaben etwa zwei Drittel aller befragten Jugendlichen der JIM-Studie an, aus Angst vor negativen Reaktionen ihre Meinung nicht mehr öffentlich zu äußern.

Dieser Entwicklung will Lina entgegenwirken, und sie will auch mögliche Konsequenzen aufzeigen, im digitalen Raum und in den Klassen­zimmern. „Ich will die schweigende Mehrheit erreichen und Jugendlichen verdeutlichen, wo die Spirale der Radikalisierung beginnt und wo sie schlimmsten­falls endet – nämlich bei rechts­extremistisch motivierten Morden.“

Was sie mit Sorge sieht: „Rechte schaffen online eine Erlebnis­welt, die dazu führen kann, dass Hass sich einfach cool anfühlt, wie ein Spiel. Da hinken demokratische Initiativen leider ziemlich hinterher“, meint Lina. Zudem werde das Internet in Bezug auf medien­pädagogische Angebote vernachlässigt: „Noch immer unterscheiden viele zwischen der analogen, vermeintlich echten und der digitalen, nicht echten Welt. Der digitale Raum muss ernster genommen werden, denn dort findet das Leben von Jugendlichen statt.“ Konzepte wie Digital Streetwork, also Präventions­arbeit in sozialen Netzwerken, sollten flächen­deckend eingesetzt werden.

Demokratische Internetpflege

Eine Arbeit, die von gesamt­gesellschaftlichem Interesse sein sollte. Denn Hass­kommentare sind nicht allein für Betroffene belastend, sondern haben auch weit­reichende Folgen für die demokratische Debatten­kultur. Dominieren die Hater*innen die Kommentar­spalten, schrumpft die Meinungs­vielfalt, und es entsteht der Anschein, sie seien in der Mehrheit. Felix sagt: „Das Internet war mal ein Raum für Utopien und Ideen, für freies Wissen, Vernetzung und Verständnis. Im Moment hat es für mich vor allem dystopische Züge.“

Was sich dem Hass entgegensetzen lässt, lernen Felix und Lina im re:set-Workshop: konkrete Handlungs­möglichkeiten wie das Melden von Kommentaren auf Plattformen, aktive Gegen­rede oder die Möglichkeit einer Straf­anzeige. Felix ist es wichtig, sich online mit Betroffenen zu solidarisieren, durch bestärkende Posts oder eine aufbauende persönliche Nachricht. Lina versucht, den Algorithmus mit ziel­gerichteten Likes zu beeinflussen, um die Reichweite rechter Inhalte so zu reduzieren. „Natürlich kann man nicht auf jeden Hass­kommentar reagieren, aber wir alle müssen das Internet ein bisschen pflegen“, sagt Felix. „Das kann einmal am Tag sein, einmal in der Woche oder einmal im Monat.“ Für ihn und Lina ist klar: Wegsehen und schweigen sind keine Optionen. Das wollen sie künftig auch in ihren Workshops für die Amadeu Antonio Stiftung vermitteln.


re:set „Jugend gegen Hass im Netz“

Die re:set-Workshopreihe „Jugend gegen Hass im Netz“ der Amadeu Antonio Stiftung ist ein Bildungs­angebot, das konkrete Handlungs­möglichkeiten gegen Hassrede im Internet vermittelt. In Workshops und Fortbildungen werden die Teilnehmer*innen mit dem nötigen Wissen und einem methodischen Werkzeug­kasten aus­gestattet, um ihre digitalen Kompetenzen an junge Menschen und Lehr- oder Fachkräfte in Sachsen weiter­zugeben.

amadeu-antonio-stiftung.de/