Integration informell

Autor: Friedrich Püttmann 03.12.2019

Die Türkei hat 3,6 Millionen syrische Kriegsflüchtlinge aufgenommen. Wie ergeht es ihnen? Und wie blicken die Türk*innen auf sie? Friedrich Püttmann, Alumnus des Zukunftsforums Türkei Europa, hat sich vor Ort Projekte angeschaut.

Viele Türk*innen bezeichnen die Syrer*innen in ihrem Land als „Gäste“. Das klingt freundlich, aber zugleich auch bestimmt: Ein Gast geht wieder. Eine ähnliche Annahme trafen einst die Deutschen über die sogenannten Gastarbeiter*innen aus der Türkei – und täuschten sich.

Im Zuge des Syrienkriegs hat die Türkei laut UNHCR 3,6 Millionen Geflüchtete aus dem Nachbarland aufgenommen. Hinzu kommen weitere 400.000 aus Ländern wie Afghanistan, Irak und Pakistan. Damit ist die Türkei das Land mit den meisten Geflüchteten der Welt – und die Wahrscheinlichkeit, dass viele bald in ihre Heimat zurückkehren können, ist gering.

Wie ergeht es also diesen „Gästen“ in der Türkei? Und wie könnte ihre Zukunft aussehen? Das habe ich mir vor Ort angesehen.

Auf meiner Reise habe ich überall ein großes Engagement seitens der türkischen Kommunen und internationalen Hilfsorganisationen erlebt.

Viele der türkischen Projekte haben mich beeindruckt. Das vierstöckige Sozialzentrum des Istanbuler Bezirks Zeytinburnu zum Beispiel bietet Geflüchteten nicht nur Türkischkurse für Erwachsene und Kinder sowie Informationen über ihre Rechte und die Funktionsweise des türkischen Staats. Hier bekommen sie auch psychosoziale Unterstützung oder Trainings für Mobilitätseingeschränkte.

Ein Viertel der 280.000 Einwohner Zeytinburnus sind heute Geflüchtete. Die AKP-geführte Kommune hat Erfahrung mit Einwanderung. Schon seit einigen Jahrzehnten leben viele Afghanen in dem Stadtteil. Einer von ihnen arbeitet inzwischen für die Bezirksverwaltung, und wer seinem Englisch lauscht, könnte meinen, der junge Mann habe die letzten Jahre eher an der Themse als am Bosporus verbracht. „In Istanbul kann ich sein, wer ich bin“, sagt der homosexuelle Kosmopolit ohne zu zögern über sein neues Zuhause.

Eine Frage des Willens

Perfektes Englisch wird auch im Nachbarzimmer gesprochen. Dort sitzt ein kleines Team engagierter junger Frauen, die im Rahmen einer Kooperation zwischen Save the Children und der Stadt Geflüchtete beim Gang zum Krankenhaus oder dem Bürgeramt begleiten – und zur Not auch in Sprachen wie Arabisch, Farsi oder Pashtu übersetzen. Einen Unterschied zwischen dem Aufenthaltsstatus der Hilfesuchenden machen sie dabei nicht.

Ob Zeytinburnu ein besonders reicher Bezirk sei, frage ich zum Abschluss meines mehrstündigen Besuchs. Nein, sagt mein Gegenüber von der Kommunalverwaltung, das alles sei nur eine Frage des Willens. Dieser Wille besteht auch anderswo in der Türkei. Ob im ärmeren Istanbuler Osten oder in Ankara, in Gaziantep oder in Kilis – überall habe ich auf meiner Reise ein großes Engagement seitens der türkischen Kommunen und internationalen Hilfsorganisationen erlebt, egal mit welchen Mitteln.

© Friedrich Püttmann

Doch dieser Wille droht bald zu kippen. Das humanitäre Ethos einer islamischen Solidarität mit den Schutzsuchenden wird zunehmend überlagert von einem Diskurs über kulturelle Unterschiede und wirtschaftliche Belastung. 2020 endet die offizielle Laufzeit der europäischen Unterstützung, während die Anzahl der Syrer*innen in der Türkei durch Neuankömmlinge und Geburten weiter steigt. Das heizt die politische Stimmung massiv an.

Das Land hat eine große Willkommenskultur bewiesen. Aber Pläne zur längerfristigen Integration werden politisch bewusst vermieden.

Gleichzeitig ist den meisten Türk*innen bewusst: Viele der Syrer*innen werden bleiben. Doch ohne Verbesserungen in der Infrastruktur und ein Erstarken der Wirtschaft wird das nicht zu bewältigen sein. Als pulsierende Industriestadt an der Grenze zu Syrien hat Gaziantep viele Syrer*innen direkt in seinen Arbeitsmarkt integrieren können, aber nun bräuchte es ausländische Investitionen. Ein Drittel der 1,5 Millionen Einwohner kommen aus Syrien. Die Grenzstadt Kilis zählt inzwischen sogar mehr Syrer*innen als Türk*innen. Von den Schulen bis zum Abfallsystem herrscht hier totale Überlastung. Und dennoch bewahrt der Bürgermeister seinen Optimismus.

In der Türkei ist viel geleistet worden. Das Land hat eine große Willkommenskultur bewiesen. Aber Pläne zur längerfristigen Integration werden politisch bewusst vermieden. Dabei findet Integration informell längst statt. Die Sprachkurse sind gut besucht, manche Syrer*innen gründen eigene Betriebe, und viele Organisationen entwickeln innovative Ansätze, um gezielt Einheimische und Flüchtlinge zusammenzubringen. Den sozialen Zusammenhalt stärken, nennen sie das, und einige dieser Konzepte wären mit Sicherheit auch für Deutschland interessant.

 

© Friedrich Püttmann

In Ankara besuchte ich eine Autowerkstatt, die ein Syrer zusammen mit einer türkischen Firma gegründet hatte. Dort stellt er Syrer und auch Türken ein. Das freut die lokale Berufsschule: Einige ihrer Lehrlinge können hier praktische Erfahrung sammeln und werden zum Teil sogar übernommen.

Syrer als Arbeitgeber – das von der International Labour Organisation unterstützte Projekt hilft auch gegen soziales Stigma und beweist, dass es sich lohnt, direkt in längerfristige Integration zu investieren.

Solche Erfolge zeigen auch, dass die EU-Türkei-Erklärung viel ermöglicht hat. Dennoch steht die Situation weiterhin kurz vor dem Kollaps. Europas Hilfe an die Türkei muss ausgebaut werden. Und Europa und die Türkei werden einen neuen nachhaltigen Kompromiss zur Zukunft der Flüchtlinge finden müssen.

Zukunftsforum Türkei Europa

Das Zukunftsforum Türkei Europa bringt seit 2015 jährlich engagierte türkische und europäische Nachwuchsführungskräfte zu einem intensiven Dialog zusammen. Es ist ein Projekt der Stiftung Mercator in Kooperation mit TUSIAD unter der Schirmherrschaft der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini.

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