30 Gründe für Tempo 30

Tempo 30 Schild
Autorin: Carola Hoffmeister 10.01.2023

Immer mehr Kommunen machen mit: Seit den 1980er-Jahren gibt es Tempo-30-Zonen in deutschen Innenstädten. Dadurch soll das Leben sicherer und gesünder werden. 30 gute Gründe und Beispiele, warum das so ist.

1. Tempo-30-Zone

Tempo 30 ist ein Bereich des öffentlichen Straßen­verkehrs, innerhalb dessen sich alle Fahrzeuge höchstens mit einer Geschwindigkeit von 30 Stunden­kilo­metern bewegen dürfen. Die Vorfahrt ist innerhalb einer Tempo-30-Zone grundsätzlich durch rechts vor links geregelt.

2. Erste Tempo-30-Zone Deutschlands

Den Anfang machte in Deutschland Buxtehude. Ein Teil der nord­deutschen Kleinstadt wurde 1983 zur ersten Tempo-30-Zone Deutschlands und Europas erklärt. Verkehrs­schilder und Blumen­kübel machten die Auto­fahrer*innen auf die neuen Verkehrs­regeln aufmerksam. Grund für die Maßnahme war der starke Durch­gangs­verkehr nach Bauarbeiten unmittelbar in Zentrums­nähe, damals rasten die Fahrzeuge durch die Altstadt und ein Wohn­gebiet. Mit der Tempo-30-Zone nahm Buxtehude an einem Modell­versuch von drei deutschen Bundes­instituten teil. Es sollte in der Bevölkerung ein neues Bewusstsein für die Geschwindig­keits­begrenzung entstehen. Eine Auswertung zeigte: Die Luftqualität hatte sich in Buxtehude nach einem Jahr verbessert. Außerdem sank die Zahl der Schwer­verletzten um etwa 76 Prozent, die der Leicht­verletzten um 58 Prozent.

3. Initiativen pro Tempo 30

2012 ließ die Europäische Kommission die europäische Bürger­initiative „30 km/h – macht die Straßen lebens­wert!“ zu. Ihr Ziel ist es, Tempo 30 zur Regel­geschwindigkeit in Städten zu machen. Auch die von den Städten Augsburg, Ulm und Freiburg mit­gegründete Initiative „Lebens­werte Städte“ für mehr Tempo 30 findet zunehmend Unter­stützer*innen. Im Schnitt trete pro Werktag eine Kommune dem Projekt bei, so die Initiative. Mittler­weile sind es mehr als 360 Städte, Gemeinden und Landkreise. Sie wollen selbst entscheiden können, welche Geschwindig­keiten in den Orten erlaubt sind. Sie beklagen, es sei bisher im Bundes­verkehrs­ministerium in Berlin „kaum Bereitschaft erkennbar, sich ernsthaft mit unserem Anliegen aus­einander­zu­setzen“. Die Initiative plant, das in diesem Jahr durch mehr öffentlichen Druck zu ändern.

Tempo 30-Schild
© Getty Images

4. Durchgängige Tempo-30-Zonen

Seit 2021 können Städte durchgängige Tempo-30-Zonen zwischen sogenannten schutz­würdigen Einrichtungen wie Schulen und Altersheimen einführen. Bisher war dies immer nur direkt vor den Einrichtungen möglich, was zu einem mitunter abrupten Wechsel zwischen Tempo 30 und Tempo 50 führte. Durch­gängige Tempo-30-Zonen verlangsamen den Verkehr in der Stadt und in Vororten auf größeren Strecken.

5. Fahrradprofessorin

Deutschlands erste Fahrrad­professorin Jana Kühl arbeitet am Institut für Verkehrs­management der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfenbüttel. Sie plädiert für die Einführung von Tempo-30-Zonen in allen verdichteten Innen­stadt­gebieten. Warum? Weil Tempo-30-Zonen die Verkehrs­sicherheit erhöhten, so die Wissenschaftlerin.

6. Fahrzeit

„Wenn man Auto, Bahn und Rad vergleicht, dann ist das Rad gerade in der Stadt meist schneller“, sagt Fahrrad­professorin Jana Kühl. Eine Studie aus Madrid belegt außerdem, dass sich die Fahrzeit durch die Geschwindig­keits­begrenzung auf 30 Stunden­kilometer nicht erhöht. Die Innenstadt von Madrid ist seit 2018 Tempo-30-Zone, auf dieser Grundlage konnten die spanischen Wissenschaftler*innen Vergleiche zu Tempo-50-Zonen ziehen.

Autoabgase an einer Ampelkreuzung
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7. Tempo 30 verbessert die Luft und macht Straßen sicherer

Das Umweltbundesamt (UBA) hat 2016 die wichtigsten Erkenntnisse aus Messungen der Tempo-30-Wirkungen in der Broschüre „Wirkungen von Tempo 30 an Haupt­verkehrs­straßen“ zusammen­getragen. Ihr Fazit: „Tempo 30 verbessert überwiegend Umwelt­qualität, Sicherheit sowie Verkehrs­fluss, und Anwohnende nehmen die Entlastung wahr.“

8. Feinstaub

Luftverschmutzung sind in Zusammenhang mit Tempo-30-Zonen ein schwieriges Thema, an dem sich die Geister scheiden. Das zeigt auch eine Untersuchung der LUBW Landes­anstalt für Umwelt Baden-Württemberg von 2012. Einerseits stiegen den Ergebnissen der Messungen zufolge die Belastungen durch Feinstaub in den Motor­abgasen bei Tempo 30 an. Anderer­seits beobachteten die Wissen­schaftler*innen einen gegen­läufigen Effekt. Denn die Belastung durch Feinstaub, der durch Abrieb (Reifen, Bremsen, Straßen) und Verwirbelung entsteht, sank. Eine Geschwindig­keits­beschränkung kann die Belastung der Luft mit Feinstaub also verringern.

9. Geofencing

Geofencing ist ein Kunstwort, das sich aus den englischen Wörtern geographic und fence zusammen­setzt. Es bedeutet über­setzt geografischer Zaun. Die Geofencing-Technologie soll künftig Tempo­begrenzungen unabhängig von Schildern erkennen und Fahrzeuge beispiels­weise in Tempo-30-Zonen selbst­tätig abbremsen.

10. Gesundheit

Bessere Luft, weniger Lärm, weniger Unfälle: Diese Argumente führen Befür­worter*innen von Tempo-30-Zonen an. Zu Recht, wie Sie unter den Gründen 13. Klima, 14. Lärm, 15. Luft und 26. Überlebenswahrscheinlichkeit nachlesen können.

11. Grüne in NRW

Im Landtag Nordrhein-Westfalen haben die Grünen 2021 einen Antrag eingereicht, mit dem sie in geschlossenen Ortschaften Tempo 30 fordern. Sie begründeten ihren Vorstoß mit entsprechenden Forderungen der Welt­gesund­heits­organisation WHO. Als Argumente führten sie eine bessere Luftqualität in Städten, weniger Lärm, weniger Unfälle und weniger Verkehrs­tote an. Allein in NRW seien im Jahr 2020 insgesamt 430 Menschen im Straßen­verkehr gestorben, heißt es im Antrag der Grünen.

12. Helsinki

2018 begrenzte die finnische Hauptstadt die Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge auf 30 Stunden­kilometer. Seitdem sind weder Rad­fahrer*innen noch Fußgänger*innen ums Leben gekommen.

13. Klima

Langsameres Tempo bedeutet weniger Energieverbrauch und damit auch weniger Klima­gase – so der erste Gedanke. Doch leider ist es etwas komplizierter und weniger eindeutig. So zeigt eine Studie der LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg: Autos emittieren mehr CO2, wenn sie über lange Strecken 30 Kilometer pro Stunde fahren. Wie viele Schadstoffe aus­gestoßen werden, kommt aber vor allem auf die Strecke an, ob sie zum Beispiel eben ist oder ansteigt. Ferner auf die Halte­punkte, die technische Ausstattung der Motoren sowie den Verkehrs­fluss.

14. Lärmschutz

Lärm ist nicht einfach nur lästig. Er kann die Gesundheit erheblich gefährden. So leiden als Folge von Verkehrs­lärm jedes Jahr durch­schnittlich 245.000 Menschen in Europa unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 50.000 Menschen sterben. Tempo 30 innerorts senkt den Verkehrs­lärm um drei bis vier Dezibel (dbA) gegen­über Tempo 50. Das entspricht einer Halbierung des wahr­genommenen Lärms.

Tempo 30 wegen Lärmschutz
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15. Luft

Tempo 30 ist eine wirksame Maßnahme zur Verbesserung der Luftqualität, wenn es gelingt, die Qualität des Verkehrs­flusses beizubehalten oder zu verbessern. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung, die zwischen 2017 und 2019 in Berlin an fünf stark befahrenen Haupt­straßen durch­geführt wurde. Demnach haben sich auf vier von fünf Straßen­abschnitten die Werte von Stick­stoff­dioxid (NO2) aufgrund der geringeren Geschwindigkeit teils sehr deutlich reduziert.

16. Oslo

2019 wurde in der norwegischen Hauptstadt Tempo 30 als Standard eingeführt. Die Maßnahmen wirken: Im Langsam­verkehr starben keine Menschen – abgesehen von einem Auto­fahrer, der selbst­verschuldet in einen Zaun raste.

17. Niederlande

Seit 1983 dürfen Städte im Nachbarland Zonen und Strecken mit einer Maximal­geschwindigkeit von 30 Stunden­kilo­metern beschränken. So wurden zwischen 1985 und 1997 ungefähr 15 Prozent der Straßen in Wohn­gebieten zu Tempo-30-Zonen umgewandelt. 2008 galt bereits in etwa 75 Prozent des gesamten niederländischen Wohn­straßen­netzes die Raserbremse.

18. Paris

Frankreichs Hauptstadt erprobt die Verkehrs­wende seit August 2021. Die Bürger­meisterin Anne Hidalgo setzte damit ein Wahl­versprechen um und senkte das Tempolimit flächen­deckend von 50 auf 30 Stunden­kilometer. Ausnahmen sind die Ringautobahn und einige große Verkehrs­achsen, unter anderem die Champs-Élysées. Das Tempolimit soll für bessere Luft, weniger Lärm und mehr Sicherheit für die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen in der Metropole sorgen.

19. Pettstadt

Als Klein-Paris gilt die Gemeinde Pettstadt südlich von Bamberg, denn seit Oktober 2021 ist hier generell Tempo 30 einzuhalten. Und nicht nur das: In ganz Pettstadt gilt rechts vor links, außerdem wurden alle Park­verbots- und Halte­verbots­zeichen abgebaut: Das neue Verkehrs­konzept traut den Verkehrs­teil­nehmenden zu, dass sie nicht dort halten und parken, wo sie andere behindern oder gefährden. Laut Bürgermeister Jochen Hack soll Pettstadt nicht nur sicherer, sondern der Aufenthalt auch schöner werden – für Tourist*innen und Anwohner*innen.

Fahrradfahrer auf Radweg
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20. Radwege

In Tempo-30-Zonen dürfen keine benutzungspflichtigen Radwege ausgewiesen werden. Nur Straßen ohne Fahr­streifen­begrenzungen und Leit­linien sind erlaubt. Trotzdem können die Menschen natürlich mit Rädern durch Tempo-30-Zonen fahren – aus Sicht der Umwelt ist es sogar erwünscht und überdies mitunter schneller als mit dem Auto (siehe Grund 6. Fahrzeit).

21. Sicherheit

Nach Zahlen der WHO sterben jährlich 1,3 Millionen Menschen weltweit im Straßen­verkehr. Tempo 30 bietet hier mehr Sicherheit, vor allem für Kinder und ältere Menschen. Es passieren weniger Unfälle, und bei Zusammen­stößen, die sich nicht vermeiden lassen, haben Gehende und Radfahrende bei Tempo 30 deutlich höhere Über­lebens­chancen (siehe Grund 26. Über­lebens­wahr­scheinlichkeit).

22. Slow City

Das Zukunftsinstitut konstatiert, dass die Sehnsucht nach einem vereinfachten Leben, geprägt von Naturnähe, Nachbarschaft und Nachhaltigkeit, zunehmend Einzug in die Stadt­entwicklung hält. Slow Citys wie das toskanische Städtchen Greve haben sich den Prinzipien Lebens­qualität, Entschleunigung und Nachhaltigkeit verschrieben und werden entsprechend immer begehrter. Zonen der Langsamkeit gehören zur Slow City dazu – zum Beispiel durch Tempo 30.

23. Spanien

2021 hat das Land als erster EU-Staat Tempo 30 als Regel­geschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften beschlossen. Nur auf Straßen mit zwei oder mehr Fahrspuren pro Richtung dürfen Autofahrer*innen mit 50 Stunden­kilometern unterwegs sein. Das klingt revolutionär, ist in Madrid aber bereits seit 2018 Realität. Denn seitdem gilt in der Hauptstadt die Tempo-30-Regel. „Finde ich gut, hatte ich aber noch nicht mitbekommen“, sagte eine vor einer roten Ampel wartende Autofahrerin zu einem Reporter der spanischen staatlichen Nachrichten­agentur Efe. Tempo 30 kann also ganz ohne Einbußen vonstatten gehen.

24. Subjektive Sicherheit

Laut einer Erhebung aus dem verkehrs­beruhigten Buxtehude Mitte der 80er-Jahre nahm durch die Etablierung der Tempo-30-Zone nicht nur die tatsächliche, sondern auch die gefühlte Sicherheit der Menschen zu. Der ADAC schreibt hierzu: „Die über­wiegende Mehrheit der Bewohner*innen fühlt sich bei Tempo 30 sicherer, als es sonst bei Tempo 50 der Fall war. Vor allem hat nach ihrer Meinung die Sicherheit für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen zugenommen. Die Auto­fahrer*innen empfanden die Tempo-30-Regelung zunächst nicht so sehr als Sicherheits­gewinn, nach drei Jahren meinte jedoch jede*r zweite Autofahrer*in, dass die Unfall­gefahr deutlich geringer geworden sei.“

Rush Hour
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25. Treibstoffverbrauch

Nur bei Geschwindigkeiten deutlich unter 30 benötigen Verbrenner­autos deutlich mehr Treibstoff. Aber auch dort gilt: Am meisten beeinflusst der Fahrstil den Verbrauch, etwa schnelles Beschleunigen oder viele Geschwindigkeitswechsel. Der ruhigere Verkehrs­fluss bei flächen­haftem Tempo 30 verringert ihn dagegen. Das ist auch für das Klima wichtig, denn der Beitrag des Verkehrs zum CO2-Ausstoß hängt direkt davon ab, wie viel Treibstoff verbraucht wird.

26. Überlebens­wahrscheinlichkeit

Je höher die Geschwindigkeit eines Fahrzeuges ist, desto länger sind der Reaktions- und der Bremsweg und desto heftiger ist die Wucht, mit der Fahrzeug und Fußgänger*in auf­einander­prallen. Eine Studie drückt dies in Zahlen aus: Wenn ein erwachsener Mensch von einem Fahrzeug erfasst wird, das mit Tempo 30 unterwegs ist, liegt seine Über­lebens­wahrscheinlichkeit bei 70 Prozent. Bei 50 Stunden­kilometern jedoch nur bei 20 Prozent.

27. Verkehrsfluss

Das UBA und die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) haben heraus­gefunden: Wenn alle gleichmäßig Tempo 50 fahren und der Verkehr gut fließt, kann es besser sein, als ständig zu bremsen und anzufahren bei Tempo 30. Aber es gilt auch: Je mehr Beschleunigung, desto höher die Emissionen.

28. Verkehrswende

Sie soll zu einem grundlegenden Umbau des Verkehrssystems und einem Umstieg der Gesellschaft auf umwelt­freundliche Mobilität führen. Immer mehr Kommunen möchten nach eigenem Ermessen Tempo 30 anordnen können – und damit zur Verkehrs­wende und entspannteren Städten beitragen. Siehe – Initiative „30 km/h – macht die Straßen lebenswert!“

29. Vision Zero

Dieser Begriff, der Assoziationen zur Zero-Covid-Strategie aufruft, beschreibt das Ziel, die Zahl der Toten und Schwer­verletzten im Straßen­verkehr auf null zu bringen. Null Verkehrstote also. Seit 2007 ist dieser Plan Grundlage der Arbeit des Deutschen Verkehrs­sicherheits­rates. Ist das überhaupt möglich? Ja! Helsinki erreichte das Ziel „Vision Zero“ 2022.

30. Weltgesundheits­organisation

Im Mai 2021 forderte die WHO ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern in geschlossenen Ortschaften. Das soll die Sicherheit für Fußgänger*innen, Rad- und Autofahrer*innen erhöhen. General­direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus (siehe Grund 12. Helsinki) führte aus, dass die Welt sicherere, gesunde, grüne und lebens­werte Städte brauche. „Tempo 30 gehört dazu.“

Agora Verkehrswende

Agora Verkehrswende will zusammen mit zentralen Akteur*innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft die Grundlagen dafür legen, dass der Verkehrs­sektor bis 2050 vollständig dekarbonisiert ist.
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