Spannung ist der Schlüssel

Bücher
Autorin: Cornelia Heim 20.12.2022

Lesen ist eine Kernkompetenz, die Kindern und Jugendlichen viele Türen öffnet, nicht nur zur Welt der Bücher. Lesen bedeutet gesellschaftliche Teilhabe. Können Kinder reflektiert lesen, Inhalte einordnen und bewerten, steigen ihre Bildungs­chancen. Aber wie lässt sich diese Kompetenz erfolg­reich fördern – besonders bei Jungen?

Die Lesefähigkeiten von Viertklässler*innen in Deutschland haben erneut gravierend abgenommen. „Die Ergebnisse sind alarmierend“, hieß es im kürzlich veröffentlichten IQB-Bildungstrend. Die pandemiebedingten Einschränkungen haben die Lage verschärft, doch schon vor Corona galt: Jedes vierte Kind verlässt die Grund­schule mit unzureichenden Lese­kompetenzen. Nun erreichen den Optimal­standard im Lesen bundes­weit nur knapp acht Prozent der Viert­klässler*innen. 18,8 Prozent scheitern bereits am Mindest­standard. Viele Initiativen engagieren sich deshalb fürs Vorlesen. Die Idee der Online­veranstaltungs­reihe „Litera(Fu)tur: Lese­förderung von Klein bis Groß“ richtet sich an Lehr­kräfte und Fach­personal in der früh­kindlichen Bildung. Der Impuls für diese monatliche Veranstaltungs­reihe ging von den beiden Universitäten Siegen und Duisburg-Essen aus, konkret von Jana Mikota und Bettina Oeste. Beide bilden Lehrkräfte aus und wollen diese für das Thema sensibilisieren. Dritte im Bunde ist die Bildungs­initiative RuhrFutur, die sich der Bildungs­gerechtigkeit im Ruhr­gebiet verschrieben hat. „Wir fördern Bildungs­angebote entlang der gesamten Bildungs­kette“, sagt Delia Temmler, Handlungs­leiterin für früh­kindliche Bildung bei RuhrFutur. Die Bildungsinitiative für das Ruhrgebiet veranstaltet die Reihe zur Leseförderung.

Lesen Jungs anders?

Der Zuspruch ist groß. Als Vortragende werden seit dem Herbst 2021 an einem Donnerstag im Monat Kinder- und Jugend­buch­autor*innen eingeladen. Sie lesen vor, berichten aus ihrer Praxis und beantworten Fragen aus dem Plenum. Didaktische Probleme und wissenschaftliche Fragen werden diskutiert. An den Monitoren lauschen bis zu 200 Zuhörer*innen. Beim Event mit dem Autor Frank Maria Reifenberg ist die Liste der Teilnehmenden lang. Sie kommen aus Kitas und Schulen, es sind auch Studierende, Verlags­angehörige oder Dozent*innen dabei. Alle wollen vom Autor und Vortrags­redner wissen: Lesen Jungs anders? Und vor allem: Wie können Lehrer*innen sie zum Lesen motivieren?

Delia Temmler
© RuhrFutur

Delia Temmler leitet seit April 2019 das Handlungs­feld Früh­kindliche Bildung bei RuhrFutur. Nach der Erzieher-Ausbildung und dem Studium der Sozial­arbeit an der Gesamt­hoch­schule Essen arbeitete sie 32 Jahre bei der Stadt Herten.

Schuld ist veraltete Schullektüre

Die Universität zu Köln hat Frank Maria Reifenberg 2013 zum Dozenten für „Lese­animation bei Jungs“ berufen. Inzwischen hält er Vorträge und Workshops zur Lese­förderung von Jungs. „Das Thema ist irgendwie zu mir gekommen“, sagt Reifenberg. Er sei gar nicht jemand, der nur für Jungen schreiben möchte. „Ich schreibe über Themen, die mich selbst interessieren.“

Frank Reifenberg
© Jörn Neumann

Frank Maria Reifenberg ist gelernter Buch­händler, war in der Werbung tätig und besuchte für seine Dreh­buch­aus­bildung die Inter­nationale Film­schule Köln. In seinem Portfolio: etliche Dreh­bücher für Film und Fernsehen, ein Libretto für eine Jugend­oper sowie über 50 Kinder- und Jugend­bücher für diverse Verlage. Reifenberg wurde mehrfach prämiert und engagiert sich seit 2008 in der Lese­förderung von Jungen.

„Herr K. ist anders. Nicht etwas ist anders. ER ist anders“, so beginnt eines seiner Bücher, aus denen er bei der Veranstaltung mit sonorer Stimme vorträgt. „Herr K. macht Wiau“ lautet der Titel. Herr K. ist eine Katze, die eines Morgens aufwacht und plötzlich denkt, sie sei ein Hund. Das klingt ein bisschen kafkaesk, ist aber drollig und so geschrieben, dass es Fünf­jährige und auch die Großen in den Bann zieht. Der Autor sagt, er habe das hoch­aktuelle Thema Trans­gender en passant darin verpackt. „Herr K. macht Wiau“ ist ein Vorlesebuch mit Bildern über das komplexe Thema Identität: Wie sehe ich mich? Und was ist normal?

Damit trifft Reifenberg einen Nerv. Denn das größte Hindernis auf dem Weg zum guten Lesen ist aus Sicht der Wissen­schaftler*innen die veraltete Schul­lektüre. Es werde immer noch „Ben liebt Anna“ von Peter Härtling oder Lektüre von Peter Handke durch­gekaut. Die Bücher sind zum Teil 30 bis 40 Jahre alt. Die Inhalte bilden aktuelle gesellschaftliche Realitäten nicht ab, die Rollen­bilder sind also veraltet. So kämen Themen wie Migration und Diversität nicht vor, so Reifenberg.

Boys and Books

Auf der Plattform www.boysandbooks.de/ finden Sie Empfehlungen zur Leseförderung von Jungen. Hier gibt es gezielte Tipps für Bücher aller Alters­stufen, aber auch Einblicke in die Forschung und didaktische Trends. Das Konzept haben die Lese­forscherin Christine Garbe und der Autor Frank Maria Reifenberg bereits 2012 an der Universität zu Köln entwickelt, heute führt die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt die Seite fort.

Geheimnis guter Jungs-Literatur

Ursprünglich kommt der Autor aus der Werbung und Filmbranche. Darum überlegt er sich wohl genau, wer seine Leser*innen sind. „Nehme ich einen männlichen Protagonisten, mit dem sich ein Junge auch identifizieren kann?“ Die zweite Säule guter Jungs-Literatur betrifft seiner Ansicht nach den Erzähl­stil. „Wir leben in Zeiten von Netflix & Co.“, sagt Reifenberg, entsprechend seien junge Leser*innen an ein schnelleres Erzähl­tempo gewöhnt. „Vom ersten Satz an muss ein Buch spannend sein und die Leser*innen packen.“ Sein Buch „Identity X“ geht so los: „Wenn dir an einem ganz normalen Samstag plötzlich und ohne Vorwarnung ein Polizei­kommando den Inhalt einer ganzen Waffen­kammer unter die Nase hält, ist eines klar: Dein Leben ändert sich gerade. Ob das gut oder schlecht ist, weißt du in diesem Augen­blick noch nicht …“ Es geht um die Geschichte eines schwarzen Jugendlichen – „Wer ist Boston Coleman?“ lautet der Untertitel des Action­thrillers, der in die US-amerikanische Welt von Georg Floyd und anderen People of Color hinein­zieht.

Und drittens, so Reifenberg, müsse er auch alters­gerecht schreiben. Was keines­falls bedeute, dass Kinder­buch­sprache banal sein müsse oder schlecht. Im Gegen­teil. Er erwarte, dass Fach­begriffe auch mal gegoogelt würden. Aber bei den Jüngsten sollten Hauptsätze dominieren und keine verschachtelten Neben­sätze den Lese­fluss erschweren.

Leseknick bei Jungs besonders auffällig

Fach­begriffe zu googlen, davon sind viele junge Menschen, deren Leseverhalten Jana Mikota untersucht, weit entfernt. Als Literatur­didaktikerin beschäftigt sie sich wissenschaftlich mit dem Lesen, berichtet, dass es den ersten „Leseknick“ bereits in der dritten Klasse der Grund­schule gibt. Da sei schon ein Desinteresse an Büchern greifbar. Die PISA-Studie – eine internationale Schulleistungsstudie der OECD – aus dem Jahr 2018 offenbare überdies starke Unterschiede zwischen den Geschlechtern – in allen europäischen Ländern. Mädchen schneiden demnach überall besser ab. Und die JIM-Studie (kurz für Jugend, Information, Medien), die 12- bis 19-Jährige vergleicht, bestätigt, was man ohnehin ahnt: Lesen hat einen geringeren Stellen­wert als Fernsehen und Internet. In der Pubertät überlagern YouTube & Co. alles andere. Fakt ist also: Kinder und Jugendliche lesen insgesamt weniger – und Jungs sowieso. Außerdem hapert es bei ihnen oft beim flüssigen Lesen. Lieber gehen sie kicken, bewegen sich oder daddeln auf der Konsole oder am Computer.

Bücherstapel
© stocksy

Lesemuskel trainieren

Was also tun? Für Reifenberg geht es nur darum, was Kinder und Jugendliche anspricht. Dem Deutsch­unterricht stellt er die Note „ungenügend“ aus. „Der nimmt den Kindern oft das letzte Interesse am Lesen.“ Reifenberg plädiert dafür, ein neues Unterrichts­fach Lesen ein­zu­richten und sich für diese Lese­stunde um die richtige Auswahl des Lesestoffes zu kümmern. „Lesen muss man wie einen Muskel trainieren“, betont der Autor zudem. Das Gehirn sei evolutionär nicht darauf ausgelegt, zu lesen. Studien, die mit Magnet­resonanz­tomografen Gehirn­aktivitäten messen, zeigen: Das Gehirn muss in all seinen Arealen beim Lesen massiv arbeiten.

Büchserstapel
© stocksy

Wie bekommen Lehrkräfte Jungs dazu, ihr Gehirn zu trainieren wie den Torschuss beim Fußball­spielen? Interessanter­weise sehen Pädagog*innen in der Praxis das ganz ähnlich wie Autor Reifenberg. Lesen könnte durchaus etwas für den Sport- oder den Musik­unterricht sein. Gerade bei den bewegungs­aktiven kleinen Jungs könne mit Ball oder Rhythmus spielerisch vieles eingeübt werden. Delia Temmler, selbst gelernte Erzieherin, berichtet von Gesprächen mit Grund­schul­lehrer*innen in Herten. Die Erfahrungen der Lehrkräfte dort lassen hoffen. Trotz sozial heterogenem Gefüge schnitten die Jungs beim Lesen nicht signifikant schlechter ab. Auch sei Geschlecht oder Alter der Lehrkraft nicht aus­schlag­gebend für die Lust am Lesen. „Es liegt einzig und allein daran, ob die Lehrer*innen die Jungs mitreißen können und welche Bücher sie aussuchen“, so Temmler. Besonders ausgeprägt sei übrigens bereits bei den Jüngsten das Interesse an Umwelt­themen. Mädchen, so die Erfahrung der Grundschule in Herten, seien beim literarischen Lesen etwas weiter vorne, Jungs dafür beim informativen Lesen. Besonders gut funktionieren Patenschaftsmodelle, wo diejenigen, die schon gut lesen können, als Lese­pat*innen agieren. Und grundsätzlich gelte es, jedes Lernniveau zu fördern, also auch die guten Leser*innen nicht zu vergraulen. Überhaupt dürfe Lesen und Vorlesen nicht erst in der Grundschule beginnen, so Temmler.

Kindern fehlen lesende Vorbilder

Vorlesen im Elternhaus, das bedauern alle unisono, werde, wenn überhaupt, nur kurze Zeit als Ritual eingeübt. Den Kindern fehlte das Vorlesen, aber auch die lesenden Vorbilder. Laut Studien, etwa von Professor Jürgen Belgrad von der Pädagogischen Hochschule Weingarten, sei es absolut empfehlenswert, nicht nur im Deutsch­unterricht, sondern auch in anderen Fächern vorzulesen. Schwierig, so Buchautor Frank Maria Reifenberg, könne das laute Reihum-Lesen für Schüler*innen sein, weil es für viele das eigene Unvermögen offenbare, und das sei sehr erniedrigend. (Vor-)Lesen sei eine intime Angelegenheit, die vor der Klasse für Ungeübte zur peinlichen Bloß­stellung ausarten könne.

Seine Idee: Lehrer*innen sollten sich zusammentun. Wenn jede*r vier, fünf Bücher mit aktuellen Inhalten, durchaus auch Sach­bücher, ausfindig macht und anschafft, käme bereits ein kleiner Pool von 20 bis 25 Büchern zusammen, und zwar jenseits des vor­geschriebenen Schulkanons. In so einer Bücher­wander­kiste fände auch jedes Kind in der 5. und 6. Klasse sein Buch zum Ausleihen. Hinter­grund: Die Über­gangs­jahre in der Pubertät sind die schwierigsten, viele springen in dieser Zeit vom Kultur­objekt Buch ab.

Und sein Tipp an Eltern und andere Bezugs­personen? „Ein erster Schritt wäre ein gemeinsamer Gang in die Bibliothek oder Buchhandlung. Dabei einfach mal schauen, welche Cover Kinder spontan ansprechen, was sie interessiert, miteinander darüber reden und auch zeigen, was man selber mag.“ Und grundsätzlich wäre es wunderbar, wenn derartige Bücher­tische von vorn­herein nicht wieder nur binäre Geschlechter­rollen wie in den alten Schul­büchern bedienten.


RuhrFutur

Die Initiative RuhrFutur will das Bildungs­system der Metropole Ruhr leistungs­fähiger und gerechter gestalten. Ihr Ziel: Allen Kindern und Jugendlichen soll Bildungs­zugang, -teilhabe und -erfolg in gleichem Maße ermöglicht werden.
www.ruhrfutur.de/